Die Italiener unternehmen alles, um sich während der Olympischen Winterspiele nicht nur als Sport-, sondern auch als große Kulturnation zu präsentieren.
Wettkämpfer sind auf einer Amphore aus dem 6. Jahrhundert vor Christus abgebildet. In der Nachbarvitrine liegt ein Staffelstab aus Aluminium mit Autogrammen der italienischen Athleten, die bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 Gold gewinnen konnten. Daneben ist ein Lekythos, eine Ölkanne der ersten Hälfte des 5. Jahrhundert vor Christus vermutlich aus Cerveteri zu sehen, die mit der Darstellung von Läufern verziert ist. Dann rückt ein Nike-Schuh (Los Angeles 1984) ins Blickfeld.
Mit einfachen, teilweise eindrucksvollen Belegen wird eine kleine, aber intensive Ausstellung ihrem Titel gerecht: „Die Olympischen Spiele – Eine dreitausend Jahre lange Geschichte“. Nur ganz wenigen Ausstellungen, die zurzeit in Norditalien zu sehen sind, gelingt es, Sport und Kultur so zu verbinden wie jener in den eleganten Räumen der Mailänder Etruskersammlung der Fondazione Rava mit Unterstützung des Olympic Museums aus Lausanne.
Sport und Kultur vereint
Bei den olympischen und paralympischen Winterspielen in Mailand und Cortina in diesem Februar und März stehen die Sportwettbewerbe zwar im Vordergrund, aber zum offiziellen Veranstaltungsprogramm gehört auch eine „Kulturolympiade“. Sie will Sport zwischen Geschichte, Kunst und Kultur und der Gesellschaft verorten.
Anderseits nutzt Italien diese Olympischen Spiele auch, um sich als kultureller Player auf der Weltbühne zu zeigen. Und hier steht natürlich Mailand im Mittelpunkt. Die international geprägte Stadt hat sich gleichsam als Angelpunkt zwischen Süd- und Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten städtebaulich auf Basis eines reichen historischen Erbes modern entfaltet und ihre industrielle Vergangenheit abgeschüttelt.
Auch in Weiterentwicklung der Weltausstellung Expo 2015 konnte sie sich inzwischen als finanzielles, kreatives, wissenschaftliches und auf Zukunftsökonomien ausgerichtetes Zentrum für das ganze Land etablieren. Hier findet man die wichtigsten italienischen Einrichtungen des Verlagswesens, des Kunstmarktes, der Theater, der Presse und auch der elektronischen Medien. Und trotz aller Widersprüche und Gräben zwischen Zentrum und Peripherie und trotz exorbitanter Wohnraumkosten kann Mailand einen hohen Index an Lebensqualität für sich buchen.
Von de Chirico bis Kiefer
All das will die Stadt der Welt in diesen olympischen Zeit zeigen – und dabei lieber verstecken, dass es trotz seiner Spitzenklubs in Fußball-, Basket- und Volleyball keine Stadt des Leistungs- und schon gar keine des Wintersports ist. So scheinen etwa die plötzlich aus dem Boden geschossenen Ausstellungen zum Thema „Schnee und Eis“ zwischen Ausrüstungsgegenständen, Design und Umweltproblematiken in der Triennale im Palazzo dell’Arte oder im Mudec, dem Museo Delle Culture, ebenso wenig in die Stadt zu passen wie die Fotos oder Malereien von Gebirgsregionen in der Fabbrica del Vapore – auch wenn man an klaren Tagen den Alpenkranz mit dem Monte Rosa vom Dach des Domes aus leuchten sehen kann.
Sogar das Piccolo Teatro bietet mit einer „Snowshow“ des russischen Mimen Slava sowie mit dem Stück „First Love“ von Marco D’Agostino ein olympisch angehauchtes Extraprogramm. Nur die Scala zeigt sich mit zwei kleinen (aber sehenswerten) Ausstellungen nicht den fünf Ringen, sondern dem einen Ring verpflichtet: Wagners „Ring des Nibelungen“ und der Geschichte herausragender Inszenierungen desselben. Im März bringt die Oper dann zweimal den kompletten Zyklus auf die Bühne, was man auch als olympische Leistung werten kann.
Mailand punktet zurzeit mit seinen kulturellen Einrichtungen, in denen sich öffentliche wie private Initiativen treffen. Da ist etwa der kommunale Palazzo Reale – die unter den Habsburgern errichtete ehemalige Herrschaftsresidenz in Nachbarschaft zum Dom – mit über 7000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Hier wetteifern gerade mehrere noch bis in den Frühsommer zu sehende Großausstellungen miteinander, die nationale mit internationalen Strömungen verbinden.
Darunter ist die Malerei der „Macchiaioli“ des 19. Jahrhunderts. Das sind Künstler wie Giovanni Testori oder Silvestro Lega, die in Italien mit ihrer Hell-dunkel-Technik in der Freiluftmalerei als Vorläufer des Impressionismus gelten und zu ihrer Zeit den Prozess der nationalen Einheit begleiteten. Das setzt sich fort in einer breit gefächerten Untersuchung der metaphysischen Malerei und Kultur von Giorgio de Chirico, Alberto Savinio, Carlo Carrà oder Giorgio Morandi und ihre Auswirkungen in Malerei, Architektur, Fotografie, Kino, Mode.
Aber Höhepunkt des Ausstellungsreigens im Palazzo Reale sind Anselm Kiefers 42 enorme Darstellungen von historischen Frauenfiguren aus dem Beginn der Neuzeit, die mit ihren wissenschaftlichen Interessen oft als „Alchimistinnen“ verfolgt wurden. Der Künstler hat mit seinen rund drei Meter hohen Tafeln in der Sala delle Cariatidi eine Art Leporello gestellt, durch den man sich bewegt. Der ehemalige Ballsaal zeigt als einziger Raum des Residenzpalastes noch die Zerstörungen des Weltkrieges an den bewusst nicht restaurierten Karyatiden; insgesamt tragen 40 weibliche Statuen den umlaufenden Balkonbereich. Ein Raum, der ganz offensichtlich Kiefer für seine Darstellungen auf Goldgrund von Figuren wie Caterina Sforza, Mary Anne Atwood oder Anne Marie von Ziegler inspiriert hat.
Mit dem Gerüst nah dran an Leonardos Werken
Anselm Kiefer ist ja in Mailand bereits mit einer festen Schau monumentaler Werke (der Himmelstürme) im Pirelli Hangar Bicocca vertreten. Die Stadt erweist sich auch jetzt mit ihren Wechselausstellungen zur internationalen Gegenwartskunst auf hohem Niveau: Zum Beispiel mit dem Südafrikaner William Kentridge (Brera), der Libanesin Mona Hatoum oder der Münchenerin Hito Steyerl (Fondazione Prada). Ohne Olympia hätte die Stadt wohl auch nicht die Gelegenheit für kleine Gruppen geschaffen, in der Sala delle Asse des Castello Sforzescos auf das Gerüst der Restauratorinnen zu steigen und sie bei der Arbeit von Leonardos Decken- und Wandmalerei zu beobachten. So nah wird man dem Genie der Renaissance so schnell nicht wieder kommen.
Auch daran, dass es in diesen zwei Olympiawochen leichter scheint, an Karten für Sportereignisse (Eisschnelllauf, Kunstlauf, Hockey) zu kommen als etwa für Leonardos „Abendmahl“, zeigt sich, dass Mailand wohl eher eine Kultur- als eine Olympiastadt ist.