Polybot heißt der autonome Erntehelfer. Hier wird der hundeartige Roboter im Freiland trainiert. Foto: David Hanna/privat

Ein Team von KI-Experten in Tübingen bringt einem hundeartigen Roboter bei, sich in der Landwirtschaft nützlich zu machen. Die autonomen Knechte könnten den Bauernalltag revolutionieren.

Man stelle sich ein Rudel Roboterhunde vor, die Äpfel, Knoblauch oder Mais pflücken, die Obstbäumen den Sommerschnitt verpassen, die Futterwiesen pflegen oder Unkraut jäten. Klingt futuristisch – ist es im Jahr 2024 auch noch. Doch wer sich mit Wieland Brendel aus dem Cyber Valley in Tübingen über sein Projekt unterhält, für den rückt die Vision vom Landarbeiter der Zukunft näher an die Gegenwart heran.

Der 36-jährige Experte für Künstliche Intelligenz (KI) ist überzeugt, dass Roboter schon in wenigen Jahren in der Landwirtschaft anpacken und damit vieles auf den Kopf stellen werden. Der hundeartige Roboter namens Polybot, an dessen gärtnerischen Qualitäten Wieland Brendel und sein Team seit 2021 tüfteln, liegt an diesem Vormittag faul herum. Auf den ersten Blick wirkt er nicht sonderlich spannend, wie er da auf dem Kunstrasenteppich kauert, im Untergeschoss des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme. Aber gleich wird der Polybot zum Leben erwachen.

Arbeitssicherheit trifft Roboter

Gerade ist jemand von der Arbeitssicherheit gekommen, der sich zeigen lassen will, dass vom Polybot keine Gefahr für die Forschenden ausgeht. Der Roboterhund fährt also pustend hoch und schwingt sich nach wenigen Minuten auf, dann stakst er los, um ihn herum liegen Äpfel. Der Sicherheitsmann wird nichts zu beanstanden haben, ein Grinsen kann er sich nicht verkneifen. „Sie haben ihn jetzt noch nicht autonom kennengelernt“, sagt Wieland Brendel. Er habe seinem Team aber versprochen, die Zahl der Demos für Neugierige herunterzufahren, damit sie auch mal ein bisschen weiterkommen auf dem Weg in die Zukunft.

Momentan bringen sie dem Roboter bei, Unkraut von Salat zu unterscheiden, dafür steht eine Pappschachtel in der Bürohalle, darin Papiersalatköpfe auf Sand. Sie trainieren den Polybot allerdings nicht nur hier drinnen, gleich neben den Arbeitsplätzen am Computer. Sie nehmen den „Hund“ auch mit aufs Feld. „Wir lernen primär in der echten Welt“, sagt Wieland Brendel. Er ist Projektleiter, und er forscht noch in anderen Projekten. Das Fachgebiet des 36-Jährigen ist maschinelles Sehen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos war er als Speaker eingeladen.

Mischkulturen statt Monokulturen

Ziel des Projekts sei es, einen Konflikt aufzulösen: dass sich der Kunde entweder für bio oder für billig entscheiden soll, erklärt Wieland Brendel. Klappt mit den Polybots alles so, wie sie es vorhaben, dann gehe das künftig Hand in Hand. „In den vergangenen 50, 60 Jahren war Landwirtschaft vor allem auf Kostenreduktion ausgerichtet“, sagt er. Die Landmaschinen wuchsen – und mit ihnen die Monokulturen. Mischkulturen galten und gelten als aufwendig, Brendel nennt sie „Liebhaberprojekte“. Dabei hätten sie mehrere Vorteile.

Landwirtschaftliche Flächen, auf denen verschiedene Pflanzen wachsen, seien nachgewiesenermaßen ertragreicher, die Nährstoffkreisläufe würden ineinander greifen, Krankheiten würden seltener. In der Zukunft, in die Wieland Brendel blickt, werden Roboter Arbeiten verrichten, die sich ein Bauer nicht leisten will und kann, die aber sinnvoll seien. Die wendigen Knechte werden den großen Maschinen ernsthafte Konkurrenz machen, sobald man sie „von der Stange“ kaufen kann, so der Wissenschaftler. Brendel ist sich sicher, dass die Bots in der Landwirtschaft Realität werden: „Das wird passieren“, sagt er.

Es gibt Videos, in denen der Polybot draußen unterwegs ist und sein Tagwerk tut. Brendel und sein Team sprechen viel mit Landwirten, die seien hochinteressiert. „Alle wissen, dass wir nicht mehr lange so weiterarbeiten können.“ Die Erderwärmung habe längst Folgen für die Landwirtschaft. Das Problem sei nur, dass keiner so recht wisse, was stattdessen tun. In diese Lücke soll das Roboterrudel springen.