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Die Esslinger Volkshochschule feiert ihr 100-jähriges Jubiläum. Mitglieder der Vereinigung Artgerechte Haltung bildende Künstler haben aus diesem Anlass die Ausstellung „Mehr Senf“ zusammengestellt.

EsslingenDie Esslinger Volkshochschule (VHS) feiert ihre Gründung vor 100 Jahren auch mit einer Ausstellung: Mitglieder der Vereinigung „Artgerechte Haltung Bildende Künstler Esslingen“ sind eingeladen, das Foyer und den ersten Stock der Bildungseinrichtung mit ihren künstlerischen Arbeiten zu bereichern. Zehn Künstlerinnen und Künstler haben dafür neue Werke geschaffen, die sich mit den vielfältigen Verpflichtungen einer Volkshochschule auseinandersetzen und die zum Teil augenzwinkernd auf das Vorleben des VHS-Baus an der Mettinger Straße anspielen, als auf dem Hengstenberg-Areal noch Essig, Gurken und Senf verarbeitet und produziert wurden.

„Mehr Senf“ heißt der Titel der Gruppenausstellung, und er spiegelt damit die Absicht der VHS, „Wissen und mehr“ anzubieten. Über dieses Motto schließt die Ausstellung auch an jene Schau an, mit der 2011 die umgebauten VHS-Räumlichkeiten eröffnet wurden. Damals gaben die „artgerechten“ Künstlerinnen und Künstler ihren „Senf dazu“. Immer wieder stößt man in der Ausstellung auf die würzige Paste: Karina Stängle verwendet tatsächlich Senf – aus Esslingen, aus Bautzen, aus Dijon, grob und fein – als Farbenersatz für eine künstlerische Versuchsreihe. Sie malt, tupft und spachtelt, schafft unterschiedlichste Strukturen, setzt mit Senfkörnern Akzente, verblüfft mit Farbnoten von gelblich über ocker und braun bis grün und schlägt mit Senf-Pflänzchen kunstvoll einen Bogen vom Würzmittel über die therapeutische Wirkweise bis hin zum ökologischen Aspekt: „Senfpflanzen sind eine wunderbare Bienenweide.“

Auch Dagmar Roos hat sich von den feinsauren Produkten aus dem Hause Hengstenberg inspirieren lassen: Auf strukturiertem Untergrund aus geknülltem Seidenpapier, das sie mit Acrylfarbe bemalt und tränkt, setzt sie in ihre Schicht für Schicht entstehenden Arbeiten Holzschnitte: Eine Vesper-Idylle mit Bier, pink-roten Würsten und Tubensenf. Und ein Picknick auf der Wiese, von dem ein riesiger Senffleck übrig bleibt. Jeannette Knieriemen erforscht Senf als Mal-Material: Aus mit grobem Senf gemalter Erde lässt sie erste Keimblättchen hervorsprießen, immer das Werden und das Leben im Blick. Und Bertl Zagst, selbst Pädagoge, hat bei einer Studienreise nach Georgien auf Märkten Fettem und Saurem nachgespürt: Er hat nicht nur landestypisch habhafte Wurst- und Fleischwaren, sondern auch jede Menge eingemachtes Sauergemüse in Gläsern fotografiert, das den Menschen dort das Überleben sichert.

„Ja, auch ich gebe meinen Senf dazu“, meint Horst Wöhrle schmunzelnd, der eine mit einer Schülergruppe geschaffene Arbeit weiterentwickelt hat – passend zum Bildungsauftrag der VHS. Vom Lokalen ausgehend nimmt er die ganze Welt in den Blick: Das Gestern, das Heute und das Morgen in einem Triptychon. Barbara Lörz thematisiert die kreative Vielfalt des Kursangebots der VHS, greift dabei Handwerkliches, Malerei und Literatur heraus: Sie collagiert ihre anspielungsreichen Arbeiten aus handgeschöpftem Papier, papiernen Fundstücken und handschriftlich erfassten literarischen Texten, die sie betextet und übermalt.

An der Volkshochschule sollen Menschen durch lebenslanges Lernen auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren können. Angela Hildebrandt zeigt ihre ungewöhnlichen Bild-Formate über einer großflächigen Fototapete im VHS-Foyer und fordert Auseinandersetzung und Aufbegehren ein: „Ich schätze Räume, die nicht optimal für Kunstwerke sind. Denn hier müssen die Bilder zeigen, ob sie die Kraft haben, in Konkurrenz zum Raum zu bestehen.“ Auch der Fotograf Jürgen Niederer weiß, wie problematisch es ist, wenn vorgefertigte Erwartungen den Blick aufs wahre Leben verstellen – ob beim Freizeitvergnügen am steinigen Strand in Italien oder auf einer Bergwiese in Südtirol. „Wenn etwas nicht den Erwartungen entspricht, kommt es darauf an, was man daraus macht“, meint der sensible Beobachter und gibt seinen Fotos den Titel: „Ist ja super hier.“ Claus Staudts vielteilige Installation lädt auf hintersinnige Weise zum Assoziieren ein, über das Lehren und das Lernen, aktiv ebenso wie interaktiv. Und Albrecht Weckmann, selbst Dozent an der Esslinger VHS, hat im Eingangsbereich ein Textzitat des Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt kalligrafisch gefasst: „‚Die Vervollkommnung des Menschen durch die Anverwandlung von Welt‘ – genau dazu bietet die Volkshochschule Chancen über Chancen“, betont er.

So wie diese zehn Künstler ihr Thema umkreisen und sich darauf einlassen, ist das für das Publikum im VHS-Gebäude eine Chance, zehn unterschiedliche künstlerische Positionen kennenzulernen, zehn verschiedene Blickwinkel einzunehmen, sich zehn Mal einer klugen, tiefgründigen, anspielungsreichen, humorvollen Auseinandersetzung zu stellen und sich zehn Mal ansprechen, berühren und herausfordern zu lassen.

Die Schau „Mehr Senf“ in der VHS Esslingen, Mettinger Straße 125, ist bis 12. Februar 2020 im Foyer und im ersten Stock montags bis freitags von 8 bis 12.45 Uhr und von 13.45 bis 19 Uhr und samstags von 8.30 bis 12.30 Uhr zu sehen. Die Vernissage beginnt am Donnerstag, 10. Oktober, um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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