Kryptowährungen haben einen zuletzt enormen Höhenflug hingelegt. Manche Anleger betrachten sie bereits als eine Art Reserve in unsicheren Börsenzeiten. Experten warnen aber vor enormen Risiken.
Kryptowährungen erobern die breite Finanzwelt, immer mehr Experten halten Bitcoin und Co. für eine sinnvolle Ergänzung im Portfolio. Beim jüngsten Höhenflug spielt auch der US-Präsident Donald Trump eine wichtige Rolle, der den Boom mit dem Versprechen lascherer Regulierung und Planspielen für eine strategische Bitcoin-Reserve antrieb. Allerdings gibt es weiter viele kritische Stimmen und Warnungen vor Spekulationsexzessen. Klar ist: Der nächste Krypto-Crash wird das etablierte Finanzsystem stärker bedrohen als in der Vergangenheit.
Mit einem Kursanstieg um rund 120 Prozent zählte die wichtigste und älteste Digitalwährung Bitcoin im vergangenen Jahr zu den erfolgreichsten Geldanlagen. Zum Vergleich: Der deutsche Leitindex Dax schaffte 2024 – in einem weiteren außergewöhnlich starken Aktienjahr – ein Plus von 19 Prozent. Im Januar erreichte der Bitcoin-Preis ein Rekordhoch bei über 109 000 Dollar. Auch andere etablierte Kryptowerte wie Ether und Solana legten massiv im Wert zu.
Trump verfolgt eigene Interessen
Der entscheidende Hoffnungsträger am Markt ist Trump, der im Wahlkampf ankündigte, Kryptofirmen zu fördern und die USA zum weltweiten Zentrum für digitale Währungen zu machen. Der US-Präsident versprühte zuvor zwar nie große Begeisterung für Tech-Innovationen und vermutete hinter Bitcoins vor wenigen Jahren noch Betrug. Doch dann entdeckte Trump die Kryptocommunity als wichtige Wählergruppe und lukrative Quelle für Wahlkampfspenden.
Allerdings verfolgt Trump bei der Selbstvermarktung als „Kryptopräsident“ auch eigene Geschäftsinteressen. Mitunter hat es den Anschein, als ob es ihm in erster Linie darum geht, sich selbst zu bereichern. Bereits im vergangenen Jahr engagierte sich Trump gemeinsam mit seinen Söhnen bei World Liberty Financial – einem dubios anmutenden Kryptoprojekt, hinter dem ein Team von Geschäftsleuten mit zweifelhaften Vorgeschichten steht. Den Rummel um seine Amtseinführung nutzte der US-Präsident dann zur Lancierung seines eigenen Trump-Coins.
Bei der digitalen Gedenkmünze handelte es sich so offensichtlich um Abzocke, dass sich sogar innerhalb der Kryptoszene viel Widerstand regte. „Hier geht es darum, Leute um Milliarden zu schröpfen“, schimpfte Ari Paul, Gründer der Krypto-Investmentfirma Block Tower Capital. US-Hedgefondsmanager Anthony Scaramucci, der in den vergangenen Jahren vom engen Verbündeten zum Gegner Trumps wurde, bezeichnete den Coin als Korruptionsinstrument, das der Kryptobranche Schaden zufügen werde. Überraschend sind solche Maschen bei Trump indes nicht – seine gesamte Karriere als Geschäftsmann ist von windigen Deals geprägt.
Ob Trump für Bitcoin-Anhänger langfristig der erhoffte Heilsbringer wird, bleibt abzuwarten. Bislang hat der US-Präsident zwar kryptofreundliche Kandidaten für wichtige Regierungsämter nominiert und eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit Regulierungsfragen befassen und das Potenzial für eine nationale Bitcoin-Reserve ausloten soll. Viele Kryptofans hatten sich jedoch mehr erhofft und reagierten enttäuscht, nachdem Trump das Thema schon in seiner Antrittsrede nicht explizit erwähnte. Klar ist: Sollten die USA tatsächlich einen staatlichen Bitcoin-Vorrat im Stile von Goldreserven anlegen, könnte dies ein weiteres Kursfeuerwerk auslösen.
Volkswirte bezweifeln, dass Bitcoin als Währungsreserve taugt
Fürsprecher betrachten Bitcoin als digitales Gold, sie halten es für einen eingebauten Inflationsschutz, dass die digitale Währung auf 21 Millionen Einheiten begrenzt ist. Tatsächlich hat sich Bitcoin seit der Einführung 2009 vor allem als Spekulationsobjekt bewährt. Dass es wie Gold als Währungsreserve taugt, bezweifeln viele Volkswirte. US-Notenbankchef Jerome Powell machte zuletzt noch einmal klar, dass die Fed keine Bitcoins halten dürfe. Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), schloss dies für den Euroraum ebenfalls aus, da Reserven von Zentralbanken liquide, sicher und vor illegalen Praktiken wie Geldwäsche geschützt sein müssten.
Die Geschichte vom digitalen Gold erhielt zuletzt auch am Finanzmarkt einen Dämpfer. Immer wenn Anleger nervös wurden, ließen sie auch Kryptowerte fallen. Das galt sowohl beim Börsenschock durch das chinesische KI-Start-up DeepSeek als auch bei Trumps angetäuschtem Zollhammer gegen Mexiko und Kanada. „Kryptoinvestoren sehen Bitcoin gerne als sicheren Hafen für Krisen an – in der Praxis handelt es sich aber eher um eine Anlageform für Zeiten mit großer Risikofreude an den Kapitalmärkten“, erklärt der Experte Guido Zimmermann von der LBBW.
Die systemischen Risiken steigen
Auch der Analyst Marcel Heinrichsmeier von der DZ-Bank schätzt Kryptoanlagen als hochvolatilen und riskanten Marktbereich ein, was zuletzt noch einmal deutlich geworden sei. „Die weltwirtschaftlichen Unsicherheiten werden auch in Zukunft vor Bitcoin und Co. nicht Halt machen.“ Die Vorzeichen seien aber weiter positiv, gerade die US-Politik könne auch wieder für einen Stimmungsaufschwung sorgen.
Fest steht: Die von Trump angestrebte Entfesselung des Krypto-Markts, der chronisch unter Schneeballsystemen und Betrugsfällen leidet, ist ein Spiel mit dem Feuer. Bei vergangenen Skandalen wie den Pleiten der Kryptobörsen Mt.Gox oder FTX war zu starke Regulierung jedenfalls nicht das Problem – im Gegenteil. Zudem steigen mit der Verbreitung von Kryptoanlagen etwa durch Bitcoin-ETFs die systemischen Risiken. Bei bisherigen Kryptowintern – also längeren Schwächephasen, vergleichbar mit Bärenmärkten an den Aktienbörsen – handelte es sich noch um isolierte Ereignisse. Mit dem steigenden Engagement großer Investoren und Banken könnte der nächste Krypto-Crash das ganze Weltfinanzsystem erschüttern.