Unternehmen wie die Pleite-Börse FTX schadeten dem Ruf der Branche, ärgert sich Ulli Spankowski. Der Digitalchef der Börse Stuttgart im Interview.
Die Insolvenz der Krypto-Börse FTX hat das Vertrauen in Cyber-Währungen wie Bitcoin erschüttert. Auch die Börse Stuttgart bietet über die Smartphone-App Bison den Handel mit Krypto-Assets an. Hier gelten aber ganz andere Sicherheitsvorschriften, sagt der Digitalchef der Gruppe, Ulli Spankowski.
Herr Spankowski, was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen einer regulierten Krypto-Handelsplattform wie Bison und einer unregulierten Börse wie FTX?
Das fängt schon damit an, dass bei unserer Krypto-Verwahrgesellschaft Blocknox im Rahmen der Jahresabschlussprüfung die treuhänderisch verwahrten Krypto-Währungen geprüft werden. Hinzu kommt, dass wir auch in regelmäßigen Abständen unterjährig unsere Bestände an verwahrten Krypto-Assets an den Regulator melden. Wenn Kundengelder an ein Schwesterunternehmen verschoben würden, wie das bei FTX geschehen ist, fiele das also frühzeitig auf. Die Idee von Krypto und Blockchain ist eine gute, aber Marktteilnehmer wie FTX machen das zunichte.
Wir bekommen bei Bison oft zu hören, wir sollten den Handel für noch mehr Krypto-Währungen öffnen und schneller sein. Wir können aber nicht 1000 Coins von heute auf morgen handelbar machen, ohne alle involvierten Abteilungen der Gruppe Börse Stuttgart einzubinden und regulatorische Vorgaben der Aufsicht zu beachten. Das kostet natürlich Zeit. Aber dafür sind die Leute, die bei uns sind, auch verlässlich im Besitz ihrer Coins.
Welche Kriterien legen Sie denn bei der Beurteilung verschiedener Coins an?
Die von FTX kreierten Coins, genannt FTT, waren praktisch ein „Miles and More“-Programm für die eigene Börse. Wenn Sie dort aktiv sind, bekommen Sie als Treuepunkte diese Tokens, mit denen Sie dann wieder günstigere Konditionen kriegen. Das ist mit Bitcoin nicht zu vergleichen.
Wenn wir bei Bison den Handel mit neuen Coins ermöglichen, schauen wir an: Ist es Coin Nummer 495 bei der Marktkapitalisierung, oder interessieren sich tatsächlich Leute dafür? Welchen Nutzen hat das dazugehörige Software-Protokoll, was kann man damit machen? Welche Entwickler, Stiftungen oder Firmen stehen dahinter? Und wie sieht der technische und regulatorische Rahmen aus? Natürlich ist trotzdem möglich, dass Coins, die wir für den Handel über Bison zulassen, ihren Wert verlieren, weil die Idee dahinter nicht funktioniert. Aber wir gehen da schon sehr selektiv vor.
Nun gab es neben FTX auf den Bahamas auch eine US-Tochter, die war aber doch reguliert?
Ja, aber die machte nur einen Bruchteil der Unternehmensgruppe aus. Der Regulator kann nur beaufsichtigen, was sich in seinem Hoheitsgebiet befindet, aber nicht Informationen von den Bahamas oder den Seychellen verlangen. Deswegen: Bei Anbietern, die in Jurisdiktionen wie den Seychellen oder den Bahamas angesiedelt sind, solle man grundsätzlich misstrauisch sein. Wer im Krypto-Bereich investieren möchte, sollte sich einen Anbieter im eigenen Land suchen, der auch dort reguliert ist.
Missbrauch wird aber auch mit Bitcoin und anderen Krypto-Währungen getrieben, beispielsweise werden sie für Geldwäsche genutzt. Wie verhindern sie eigentlich, dass ein russischer Oligarch mithilfe von Bison sein Geld ins Ausland transferiert?
Kunden müssen ihren Hauptwohnsitz in Europa haben oder in der Schweiz. Außerdem dürfen sie nicht aus Staaten kommen, die von der Aufsicht als Hochrisikoländer bezüglich Geldwäsche geführt werden. Wer also ausschließlich einen Pass aus einem Risikoland hat, darf selbst, wenn er hier wohnt, keine Geschäfte über Bison machen. Das wird schon bei der Registrierung der Kunden geprüft. Gleichzeitig schauen wir sehr genau darauf, wo welche Coins herkommen und wohin sie überwiesen werden. Das lässt sich über die Blockchain nachvollziehen, anders als bei Bargeld: Wenn Sie in Frankfurt am Bahnhof Wechselgeld für ihr Brötchen bekommen, weiß niemand, durch welche Hände das vorher gegangen ist im Bahnhofsviertel.
Im kommenden Jahr werden Krypto-Dienstleister in der EU außerdem dazu verpflichtet, bei Transaktionen mit Coins im Wert von über 1000 Euro persönliche Informationen über die Besitzer der beteiligten Wallets zu übermitteln. Elektronische Geldbörsen, die mit Terrorismusfinanzierung oder anderen illegalen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden, können markiert werden, dafür gibt es spezialisierte Anbieter, die auch mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten.
Sind nach dem FTX-Desaster Bison-Nutzer abgewandert? Und warum sollten Anleger überhaupt noch in Krypto-Währungen investieren?
Wir haben die höchsten Zuwachszahlen seit April, weil das Angebot von Bison und der Börse Stuttgart Digital Exchange auf Vertrauen stößt. Die Probleme bei FTX haben uns tatsächlich Wachstum beschert.
Dass ein Marktteilnehmer insolvent ist, bedeutet nicht, dass die Technologie schlecht ist. Bei Wirecard war ja auch nicht das Bankensystem das Problem, sondern die illegalen Aktivitäten der Verantwortlichen. Die Blockchain und Krypto-Währungen funktionieren weiter und haben ihre Daseinsberechtigung.