Friedemann Gschwind sieht am aktuellen Standort der Stadtbücherei interessante Entwicklungsmöglichkeiten. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Friedemann Gschwind hatte die Diskussion über den künftigen Standort der Esslinger Stadtbücherei bislang nur als interessierter Beobachter verfolgt. Weil er den Eindruck hat, dass die Stadt die beiden Standorte bislang sehr einseitig bewertet hat, meldet sich der Stadtplaner und Architekt nun zu Wort. Und er zeigt sich im EZ-Interview überzeugt, dass der Bebenhäuser Pfleghof mehr Chancen als Risiken bietet.

EsslingenBeruflich hat er vor allem in Stuttgart Akzente gesetzt, wo er Vize-Chef des Amts für Stadtplanung und Stadterneuerung war. Dass er es versteht, über den Tag hinaus zu blicken, hat Friedemann Gschwind durch sein Engagement für die Weißenhofsiedlung bewiesen, dank ihm wurden die Häuser Le Corbusiers zum Unesco-Weltkulturerbe. Privat lebt Gschwind in Esslingen, wo er in seiner Zeit als Vorsitzender des Bürgerausschusses Pliensauvorstadt viel für die positive Entwicklung des Stadtteils getan hat. In der Debatte über die Zukunft der Esslinger Stadtbücherei war Friedemann Gschwind bislang ein interessierter Beobachter. Doch die jüngsten Entwicklungen ließen ihn aktiv werden. Mit einem flammenden Plädoyer an Gemeinderat und Verwaltung, Zukunfts-Chancen nicht leichtfertig zu verspielen, ließ er in der städtischen Informationsveranstaltung zur Bücherei aufhorchen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Gschwind, wie er als Stadtplaner die Entscheidung über den künftigen Standort der Bibliothek beurteilt.

Sie haben die Diskussion über den künftigen Standort der Esslinger Stadtbücherei verfolgt. Wie sollte eine Stadt vorgehen, wenn sie eine neue Bibliothek plant?
Zunächst muss man sich klar werden, was man von einer Bücherei der Zukunft erwartet. Und dann muss man die möglichen Standorte genau prüfen und überlegen, ob man sein Konzept dort realisieren kann. Die Esslinger Bücherei ist eine der wichtigsten Kultureinrichtungen der Stadt. Deshalb hat sie es verdient, in einem Gebäude untergebracht zu werden, das ihrer Bedeutung entspricht. Der Bebenhäuser Pfleghof ist so ein Gebäude. Er kann erweitert und modernisiert werden. Wichtig ist, dass man die Potenziale sieht.

Finden Sie, dass man die Chancen, die der Pfleghof bietet, genügend würdigt?
Leider überhaupt nicht. Ich habe den Eindruck, dass man die beiden Standorte bisher sehr einseitig bewertet hat. Einerseits hebt man bei einem herausragenden historischen Gebäude, das viel mit der 1200-jährigen Geschichte von Esslingen zu tun hat, vor allem die Risiken und Probleme hervor. Andererseits weckt man bei einem möglichen Neubau zwischen Küferstraße und Kupfergasse Erwartungen, die dieses Hinterhofgrundstück in keiner Weise erfüllen kann.

Die Stadt vergleicht beide Standorte und sieht klare Vorteile in der Küferstraße, die viel zentraler sei. Können Sie den Stärken-und-Schwächen-Vergleich der Stadtverwaltung nachvollziehen?
Mir scheint, dass voreingenommen pro Neubau argumentiert wird. Wie man zum Beispiel eine Lage nur wenige Meter von Marktplatz und Hafenmarkt entfernt als „etwas abseits“ bezeichnen kann, ist mir schleierhaft. Auch beim Kostenvergleich müsste man eigentlich die Kosten einer Nachnutzung im Pfleghof einbeziehen, falls die Bücherei auszieht.

Der Bebenhäuser Pfleghof ist ein mittelalterliches Gebäude, die Bücherei der Zukunft soll modern sein. Passt das zusammen?
Es gibt viele gelungene Beispiele, wie historische Bausubstanz und die Anforderungen einer zeitgemäßen Nutzung auf denkmalgerechte und zugleich funktionale Weise verknüpft wurden. In der Diskussion wird gern unterschlagen, dass der ganze Bereich der sogenannten Nanzhalle, wo derzeit die Kinderbücherei untergebracht ist, neu gebaut werden kann. Bei diesem Gebäudeteil gibt es wenig denkmalpflegerische Auflagen. Dort würde ein Teil der Bücherei entstehen, der alle Vorteile eines Neubaus nutzt und zugleich einen interessanten Kontrast zum historischen Teil schafft. Daraus ergeben sich Möglichkeiten, von denen seltsamerweise nie die Rede war. Es geht nicht darum, bauliche Romantik zu erhalten. Es geht darum, das Potenzial von Alt und Neu zu erkennen und auszuschöpfen.

Wenn vom Pfleghof die Rede ist, wird Denkmalschutz gern mit Risiko verbunden. Ist Denkmalschutz auch eine Chance?
Natürlich ist es immer eine Herausforderung, mit einem hochwertigen Denkmal umzugehen. Aber genau darin steckt die Chance, die Besonderheiten eines solchen Ortes zur Geltung zu bringen – zum Beispiel durch neue Elemente, die denkmalgerecht eingefügt werden. Ein historisches Gebäude bietet die Chance, etwas Unverwechselbares zu schaffen. Der Pfleghof ist dafür in geradezu idealer Weise geeignet. Er könnte zu einem Alleinstellungsmerkmal werden und ich verstehe nicht, weshalb die Stadt nicht die Chancen erkennt, die in diesem Gebäude stecken. Man muss miteinander reden und gemeinsam mit dem Denkmalschutz nach Wegen suchen. Es ist eine sehr verkürzte Sicht, wenn man bei Denkmalen nur von Risiken redet. Mir fällt da ein Aufsatz von Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht ein, den er für das Begleitbuch zur Ausstellung „Klöster und Pfleghöfe“ über den Umgang der Stadt mit ihrem baulichen Erbe geschrieben hat. Der Titel des 2009 veröffentlichten Aufsatzes spricht für sich und sollte auch heute Leitlinie der Stadt sein: „Mehr Lust als Last“.

Es überrascht, dass man ausgerechnet in Esslingen nicht bewusst die Chance sucht, mit einer zeitgemäßen Bücherei eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schaffen. Wäre es nicht an der Zeit, dass die Stadt mal wieder einen Akzent setzt?
Beim Büchereistandort geht es auch um Grundsatzfragen des Umgangs mit dem baulichen Erbe Esslingens. Da sehe ich bei der Stadt eine hohe Verpflichtung. Sie ist Gründungsmitglied im „Forum Stadt“, einem Netzwerk deutschsprachiger Städte mit historischer Altstadt, das sich „dem verantwortungsvollen Umgang mit unserem historischen Erbe, dem historischen Stadtbild“ widmet. Dieses Netzwerk, dessen langjähriger Vorsitzender OB Zieger ist, verleiht den Otto-Borst-Preis. Die Preisträger stehen für eine lange Liste gelungener Sanierungen und Umnutzungen historischer Substanz unterschiedlicher Größe. Die Stadt könnte sich ja zum Ziel setzen, den Preis nach Esslingen zu holen.

Kann sich die Modernisierung im Bestand auch finanziell auszahlen?
Auf jeden Fall könnte man sich um Fördermöglichkeiten bemühen. Bisher war davon nie die Rede. Es gibt die staatliche Denkmalförderung, und es gibt die Denkmalstiftung, die man ansprechen kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn sich etwa im Untergrund der heutigen Nanzhalle interessante Funde ergeben. Man könnte das bewusst einbeziehen und dadurch Geschichte erlebbar machen. Solche Funde müssen kein K.o.-Kriterium sein, sondern könnten, wie in anderen Städten auch, ein willkommener Anlass sein, daraus etwas ganz Besonderes zu machen. Das erfordert Kreativität und Arbeit, bringt aber mehr als die einfachen Lösungen.

Kreativität vermisst man in der aktuellen Standort-Diskussion. So war nie die Rede davon, was man aus dem Innenhof des Bebenhäuser Pfleghofs machen könnte.
Der Innenhof ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Weltweit gibt es viele Beispiele, wie ein überdachter Innenhof zum Zentrum eines neuen Konzepts für eine kulturelle Einrichtung wird. Auch unsere Partnerstadt Schiedam hat gezeigt, was möglich wäre. Man kann den Innenhof durch ein Glasdach, das sich im Idealfall im Sommer sogar öffnen ließe, ganzjährig einbeziehen in die Büchereifläche – etwa als Veranstaltungsort oder Café. Es müsste für jeden Architekten ungeheuer reizvoll sein, Ideen für den Pfleghof zu entwickeln.

Der Baubürgermeister hat erklärt, man könne an beiden Standorten eine gute Bibliothek bauen – in einem Neubau sei das jedoch einfacher. Ist ein denkmalgeschütztes Ensemble so viel schwieriger?
Grundsätzlich mag es einfacher sein, ganz neu zu bauen. Einfacher heißt aber nicht besser. Wenn man sich anschaut, was zwischen Küferstraße und Kupfergasse möglich ist, fällt es schwer, sich dort die Bibliothek des 21. Jahrhunderts vorzustellen. Wegen des Zuschnitts des Grundstücks kann dort nur ein ganz eigenartig geformter Baukörper realisiert werden. Wenn ich auf die Grundrisse der Machbarkeitsstudie schaue, frage ich mich, ob die Flächen wirtschaftlich und funktionell bespielt werden können. Und wenn ich nach draußen schaue, fällt mein Blick fast überall auf Hinterhöfe und Wände.

Das Grundstück in der Küferstraße lässt einen Eingangsbereich von maximal zehn bis zwölf Metern Breite zu. Wie wichtig ist ein großzügiges Foyer?
Die Kulturverwaltung betont selbst, wie wichtig der erste Eindruck ist, wie mich ein Gebäude empfängt und ob ich dort die Offenheit erwarten darf, die eine so gut besuchte Bücherei braucht. Ich glaube nicht, dass der schmale Schlauch von der Küferstraße solchen Erwartungen gerecht werden kann. Da muss man so bauen, dass man möglichst wenige Einsprüche bekommt. Den großen Wurf für unsere Bücherei sehe ich in der Küferstraße nicht.

Stadtplanung hat immer auch etwas mit der Beseitigung von Defiziten zu tun. Das Areal in der Küferstraße ist schwierig, die Oststadt braucht Impulse. Müssen wir dafür Interessen der Bücherei hintanstellen?
Dass man an dieser Stelle baulich etwas tun muss und dass die Küferstraße eine Belebung braucht, ist unbestritten. Die Grundsatzentscheidung, mit der Bücherei in der Oststadt zu bleiben, halte ich für richtig. Aber die Bücherei, ihr Personal und ihre Besucher verdienen es, dass eine wirklich faire Abwägung über Vor- und Nachteile stattfindet.

Die Stadt setzt doch darauf, herausragende Architekten zu finden, die dort ein architektonisches Glanzlicht setzen könnten ...
Ich glaube nicht, dass es in der Küferstraße große architektonische Möglichkeiten gibt. Die Gebäudeform wird fast ausschließlich durch Grenz- und Nachbarschaftsabstände bestimmt. Ob sich hochrangige Architekten um solch eine Aufgabe reißen werden, wage ich zu bezweifeln. Dagegen halte ich die denkmalgerechte Erweiterung und Modernisierung des Pfleghofs für ei ne höchst anspruchsvolle architektonische Aufgabe. Man sollte sich darauf einlassen.

Das Interview führte Alexander Maier.

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