Das 9-Euro-Ticket und Deutschlandticket haben den Autoverkehr nicht merkbar verringert, kritisiert das Wirtschaftsinstitut Ifo. Aber ist das die richtige Betrachtung, fragt Andreas Geldner?
Die Haare in der Suppe finden, das ist in Deutschland eine politische Kunstform. Sie greift insbesondere dann, wenn man in diesem Land einmal etwas Neues riskiert. Die pessimistische Analyse des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) zum 9-Euro-Ticket ist dafür ein gutes Beispiel. Das temporär eingeführte Ticket habe den Autoverkehr insbesondere bei Pendlern nicht reduziert, heißt es dort. Das stimmt zweifellos.
Nur auf kurzfristige Effekte geblickt
Doch daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass nun auch das langfristiger angelegte 49-Euro-Ticket ein Flop sein müsse, entlarvt eine gedankliche Engführung. Das Ifo blickt auf kurzfristige Effekte. Doch das Verkehrsverhalten, insbesondere beim Pendeln, verändert sich erfahrungsgemäß nur langsam.
Viel wichtiger wäre doch die Frage, ob man strategisch den richtigen Weg eingeschlagen hat? Ohne 9-Euro-Ticket hätte es kein Deutschlandticket gegeben. Und dies war dann ein Befreiungsschlag wider den wuchernden Tarifdschungel in Deutschland. Diese Revolution wurde zugegebenermaßen zum Start mit einem auf Dauer nicht haltbaren Dumpingpreis erkauft.
Rettung nach dem Homeoffice
Damit wurde aber auch bei Pendlern kurzfristig mehr erreicht, als das Ifo bei seiner Analyse sehen will. In der Coronakrise ging die Zahl der Nahverkehrsabos drastisch zurück. Und da anschließend in vielen Unternehmen das Homeoffice eine Option blieb, lohnten sich Jahres- oder Monatskarte zu den bisherigen Preisen für Millionen Pendler nicht mehr. Gerade noch zum rechten Zeitpunkt hat das Deutschlandticket diese bisherigen Nutzer bei der Stange gehalten. Eingefleischte Autofahrer sind hingegen viel schwerer zu gewinnen.
Erfolg nicht klein reden
Aber soll man deshalb kritisieren, dass nicht sofort alle Ziele erreicht wurden? Sollte man nicht besser auf dem Bisherigen aufbauen und es nicht klein reden? Wenn wir den Nahverkehr voranbringen wollen, wird das seinen (höheren) Preis haben. Insofern war das 9-Euro-Ticket nur ein Appetithappen. Aber es hat neue verkehrspolitische Horizonte eröffnet, die Deutschland dringender braucht als Krämerrechnungen.