Nach drei Tötungsdelikten in sechs Wochen ist das Sicherheitsgefühl der Menschen in Göppingen gehörig ins Wanken geraten – auch wenn die Taten offenbar in keinerlei Zusammenhang stehen.
Ein Augenzeuge steht unter Schock, kann nach dem Anschlag nicht über das Erlebte sprechen. Er hatte gesehen, wie der Täter am Abend des 2. Oktober die Shorty‘s Bar in der Göppinger Gartenstraße betrat und sofort feuerte: Der Schütze soll mit einer Maschinenpistole einem 29-Jährigen gezielt in den Kopf geschossen haben. Der Mann wurde getötet, zwei weitere Opfer kamen schwer verletzt in die Klinik und wurden operiert. Der Täter wurde bis jetzt nicht gefasst. Auch die Tatwaffe ist bisher nicht auffindbar, eine akribische Suche von Polizeitauchern in der Fils blieb erfolglos.
Die Verunsicherung lässt Spekulationen ins Kraut schießen
„Ich hoffe, unsere Kinder wachsen weiterhin so behütet auf wie bisher“, sagt eine Mutter, die mit ihrer Familie im Göppinger Wohngebiet Schiefergrube wohnt – unweit eines weiteren Tatorts im Gerokweg. Dort kam ein 46-Jähriger am Abend des 16. Oktober, genau zwei Wochen nach den tödlichen Schüssen in der Bar, gewaltsam zu Tode. Eine 25 Jahre alte Frau aus dem Großraum Stuttgart soll den Mann mit Messerstichen umgebracht haben. Sie sitzt wegen Mordverdachts in U-Haft. Derzeit wird geprüft, ob die Frau psychisch krank ist. Es war das erste und einzige Treffen zwischen mutmaßlicher Täterin und ihrem späteren Opfer, die Hintergründe der Bluttat sind nicht bekannt.
Vergangene Woche dann ein weiteres Verbrechen: Am Montagabend wurde ein Mann mit Stichverletzungen vor einem Haus in der Hohenstaufenstraße gefunden. Der 43-jährige Vietnamese starb am Tatort, ein 33-jähriger Tatverdächtiger aus Vietnam und eine gleichaltrige vietnamesische Staatsangehörige wurden vorläufig festgenommen, die Frau war kurze Zeit später wieder auf freiem Fuß. Auch die Hintergründe dieser Tat liegen im Dunkeln, eine Tatwaffe war bisher nicht auffindbar.
„Leben wir in Chicago?“. Diese rhetorische Frage hört man oft in diesen Tagen. Bei der Arbeit, an der Supermarktkasse, im Gespräch mit Nachbarn. Hinzu kommt eine lähmende Ungewissheit. Die Menschen sehnen sich nach Antworten, nach Informationen, nach Aufklärung. „Der Buschfunk ist wie stille Post. Ständig kommt etwas dazu, und es wird immer dramatischer“, meinte eine Frau nach dem mutmaßlichen Mord im Gerokweg. „Verrückte Welt“, spricht ein Mann, der im Wohngebiet Schiefergrube wohnt, das aus, was derzeit viele denken. „Eine seltsame Zeit. Und viele schlechte Nachrichten.“
Die Gerüchteküche brodelte nach diesem Verbrechen im Gerokweg, vor allem in der direkten Nachbarschaft, die ihre heile Welt erschüttert sieht. Der Ulmer Oberstaatsanwalt Michael Bischofberger entkräftet einige der ungesicherten Informationen, die nach der Tat im Umlauf waren, zum Beispiel die Mutmaßung, dass beim Mord Sex im Spiel war. „Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich um ein Sexualdelikt gehandelt haben dürfte. Die Beschuldigte ist auch keine Prostituierte.“
Polizei beruhigt: Keine Gefahr für die Bevölkerung
Auch zu den Schüssen in der Shorty‘s Bar gibt es jede Menge Theorien. Vielen Menschen in der Stadt ist unwohl bei dem Gedanken, dass der Täter noch nicht gefasst ist. Vielleicht rückt die Aufklärung ein Stück näher: Ein Fahndungsfoto wurde veröffentlicht, das Licht ins Dunkel bringen könnte. Es zeigt einen noch nicht identifizierten Mann, der im Tatzeitraum in Tatortnähe war. „Es ist nicht auszuschließen, dass der Mann mit der Tat in Verbindung gebracht werden oder in sonstiger Weise etwas zur Tataufklärung beitragen kann“, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit.
Jener 2. Oktober hat sich scharf ins Gedächtnis vieler Menschen eingebrannt. Vor allem derer, die an dem Abend das Weinfest auf dem Göppinger Marktplatz besucht hatten, wenige hundert Meter entfernt von der Bar, in der die tödlichen Schüsse fielen. Aber auch derjenigen, die an diesem Abend spontan entschieden hatten, nicht auf dem Weinfest feiern zu gehen, und froh waren, dass die Tochter erst am nächsten Tag abends in die Stadt wollte und nicht zur falschen Zeit am falschen Ort war. In diesen Abendstunden nicht mit dem Zug vom Cannstatter Wasen zurückkamen und am Bahnhof ausstiegen. In diese Richtung soll der Täter geflohen sein. Von ihm fehlt jede Spur, doch Polizei und Staatsanwaltschaft gehen weiterhin davon aus, dass keine Gefahr für die Bevölkerung besteht.
Auch ein Anschlag seit langem ungeklärt
Fernsehen
Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ rollte jetzt auch ein Verbrechen auf, das nicht in Vergessenheit, aber etwas aus dem Fokus geraten ist: die Schüsse auf den FDP-Politiker Georg Gallus – ein Attentat, das den Landkreis Göppingen in der Nacht auf den 19. März 2023 erschütterte. Das heute 67-jährige Opfer war durch Schüsse von einem Unbekannten schwer verletzt worden. Der Täter feuerte um 4 Uhr morgens von außen durch ein Fenster auf den Landwirt, der in seiner Wohnung auf dem abgelegenen heimischen Hof in der Gemeinde Hattenhofen schlief.
Auswirkungen
Körperlich sei er wieder hergestellt, sagt Georg Gallus. Seine politische Arbeit lenke ab und sei eine Art der Therapie, mit dieser Ausnahmesituation fertig zu werden. Was bleibt, ist die Angst, dass der Täter wiederkommt. Von ihm fehlt weiter jede Spur.