Die Familie Belan fühlt sich nach anfänglichen Bedenken in der Ex-Klinik wohl. Foto: Simon Granville

Fast 100 Menschen aus der Ukraine haben im alten Marbacher Krankenhaus Unterschlupf gefunden. In der Regel bleiben sie dort aber nur für kurze Zeit.

Noch vor wenigen Wochen herrschten beinahe gespenstische Leere und Stille in den Gängen des ehemaligen Marbacher Krankenhauses. Mittlerweile hat sich das Bild gänzlich gewandelt. In den Fluren ist allerhand los. Hier streicht ein Mann über sein Handy, checkt die Nachrichtenlage. Da wuchtet eine Frau einen unhandlichen Karton auf ein Zimmer. In einem Büro hat sich eine kleine Schlange gebildet. All das hängt nicht etwa damit zusammen, dass in die stillgelegte Klinik wieder Patienten eingezogen wären. Stattdessen ist ein Gebäudeflügel zu einer Unterkunft für Flüchtende aus der Ukraine umgemodelt worden.

Ein großes Kommen und Gehen

95 Frauen, Kinder und Männer hatten hier Stand Donnerstag ein Dach über dem Kopf gefunden. Das kann sich zwischenzeitlich aber schon geändert haben. „Die durchschnittliche Verweildauer liegt zwischen vier und sechs Wochen. Die Belegungsliste ist jede Woche anders“, sagt Olaf Thumann von der AWO, der sich im Auftrag des Landkreises mit seinen Kollegen um die Kriegsflüchtlinge kümmert. Die Leute müssten nicht hierbleiben, könnten auch direkt in Unterkünfte der Kommunen wechseln.

Russisch als Umgangssprache

Während aus anderen Heimen oft ein babylonisches Stimmengewirr nach außen dringt, hört man im Marbacher Krankenhaus fast nur eine Sprache. „Alle unterhalten sich auf Russisch miteinander“, sagt Sozialarbeiterin Maria Medvedeva, die damit aufgewachsen ist und deshalb dolmetschen – und manchmal auch zwischen Streithähnen vermitteln kann. Im Großen und Ganzen gehe es zwar gesittet zu, „aber hier und da rumpelt es mal“, sagt Thumann. Letzteres sei nicht ungewöhnlich, wenn man in einer Zwangsgemeinschaft lebe, sich Bäder teilen oder das Essen in einem Gemeinschaftsraum einnehmen müsse. Konflikte könnten zum Beispiel entstehen, wenn sich einer den Teller zu voll lädt. Frauen und Männer aus den besonders umkämpften Ostgebieten seien zudem teils verwundert über Landsleute, die aus vergleichsweise unbehelligten Gegenden geflohen seien.

Mit nur einem Koffer auf der Flucht

Von der Hauptstadt Kiew aus ging es über Umwege für Ruslana und Volodymyr Belan samt drei Kindern nach Marbach. Am 9. April startete ihre Odyssee. Per Bus gelangten sie zunächst nach Moldau. „Es gab Bombenangriffe. Wir wurden über einen Fluchtkorridor informiert, hatten nur ein paar Stunden Zeit und verließen so schnell wie möglich unser Haus“, sagt Ruslana Belan. Lediglich einen Koffer mit Kleidung konnten sie mitnehmen, dazu ihr Hündchen.

Bitter ist für das Ehepaar, dass es den 18-jährigen Sohn zurücklassen musste. Er durfte kriegsbedingt nicht ausreisen. Das setzt vor allem Ruslana Belan zu. Durch den Stress hat der Zuckerspiegel der Diabetikerin verrückt gespielt. Beruhigungsmittel brauchte sie ebenfalls. Immerhin stehen die Belans mit ihrem Sohn Daniil via Whatsapp und Videotelefonie im Austausch, erzählen die Eltern mit traurigem Blick.

Von Stuttgart noch nie gehört

Nur zu fünft stiegen sie am 27. April auch ins Flugzeug nach Stuttgart. Die Ukrainer dachten eigentlich, die Maschine würde in Berlin landen. Stuttgart, geschweige denn Marbach kannten sie nicht einmal vom Hörensagen. In der schwäbischen Landeshaupt quartierte man sie in einem Hotel ein, eine Woche später wurden sie in die Schillerstadt gebracht.

Manches weckt schlechte Erinnerungen

Dass sie dort in einer Klinik leben sollten, war Ruslana Belan am Anfang nicht geheuer. „Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Alleine das Wort hat mich sehr, sehr belastet“, erzählt die 35-jährige via Dolmetscherin Maria Medvedeva. Aber rasch waren diese Bedenken verflogen. „Es ist alles perfekt“, findet Volodymyr Belan. Die Familie bedankt sich für die Hilfsbereitschaft der ehrenamtlichen Helfer, die Handtücher, Spielsachen und mehr gespendet hätten. Manchmal, durch die Geräuschkulisse einer vorbeirollenden S-Bahn oder wenn es an einer Tür im Gebäude poltert, werden aber auch unschöne Erinnerungen wach: an die Bombeneinschläge in der Heimat.

Umzug klappt nicht

Solange sich die Situation dort nicht beruhigt hat, wollen die Belans auch nicht zurückkehren. Prinzipiell und sofern ihre Wohnung die russischen Attacken heil übersteht, ist es aber schon ihr Ziel, das Leben in der Ukraine fortzusetzen. „Zu Hause ist es am besten“, ist sich das Ehepaar einig. Einen Plan B haben sie nicht, darüber auch noch nicht gesprochen, ob eine langfristige Zukunft in Deutschland denkbar wäre. Kurzfristig wollte die Familie am 12. Juli dem Marbacher Krankenhaus den Rücken kehren und in eine Wohnung in Kornwestheim ziehen. Diese Pläne hätten sich aber zerschlagen, teilt Sozialarbeiter Olaf Thumann mit. Der Vermieter dulde keine Haustiere. Eine große Enttäuschung für die Belans, die sich darüber und über andere Themen zumindest in einer größeren Community austauschen können.

Bisher seien 4629 geflüchtete Ukrainer im Landkreis Ludwigsburg registriert worden, erklärt Landratsamts-Sprecher Andreas Fritz. Der Zustrom scheint nicht abzureißen. „In den vergangenen drei bis vier Wochen hat sich die Zahl um rund 600 Personen erhöht“, teilt Fritz mit.

Mehr als 4000 Ukrainer im Landkreis Ludwigsburg