Eisrettung will gelernt sein – die DLRG übt an den Kirchheimer Bürgerseen. Foto: Kerstin Dannath

Die DLRG übt im Kreis Esslingen an den Kirchheimer Bürgerseen den Ernstfall – was tun, wenn Menschen ins Eis einbrechen?

Bei Minusgraden frieren Gewässer zu – die Gefahr: Die Verlockung die Flächen zu betreten ist groß. Doch meist wirkt das Eis stabiler als es eigentlich ist. Wer die Situation falsch einschätzt, droht einzubrechen. Für den Ernstfall hat die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Bezirk Esslingen am Silvestermorgen eine Großübung an den Kirchheimer Bürgerseen durchgeführt - 77 Einsatzkräfte aus den Landkreisen Esslingen, Rems Murr, Glems Schönbuch, Fils und Neckar Alb nutzten bei knackigen minus 10 Grad die Gelegenheit, unterschiedliche Rettungstechniken, ihr Material und Einsatzabläufe zu trainieren.

„Eigentlich würden wir das gerne jedes Jahr üben“, sagte der Esslinger Einsatzleiter David Kaiser. Allerdings ist das Szenario stark wetterabhängig, auch dass die Kirchheimer Übung stattfinden konnte, wurde final erst am Nachmittag des Vortags entschieden. „Das Eis am Unteren Bürgersee hat aktuell einen Durchmesser von etwa 8 Zentimetern, das reicht uns“, sagte Strömungsretter Hugo Hirling von der DLRG Ortsgruppe Berkheim, der die Übung koordinierte.

15 Zentimeter sollte Eis auf stehenden Gewässern dick sein, um darauf laufen zu können

Aufs Eis zu gehen wird indes erst ab 15 Zentimetern empfohlen – aber auch bei 8 Zentimetern kam zunächst eine Axt zum Einsatz, um das Eis zu brechen, damit die insgesamt 26 Strömungsretter im eiskalten Wasser trainieren konnten.

Strömungsretter sind auf stark strömende Gewässer, Wildwasser und Hochwasser spezialisierte Wasserretter. Sie werden grundsätzlich im Team eingesetzt und sind durch eine spezielle Ausrüstung wie Prallweste und Helm vor den besonderen Gefahren in Flüssen und Überschwemmungsgebieten geschützt. Flossen an den Füßen sucht man bei Strömungsrettern vergeblich, stattdessen tragen sie spezielle Wasserschuhe: „Flossen wären bei der Suche nach Vermissten eher hinderlich, etwa in Uferbereichen. Wenn wir schwimmen müssen, arbeiten wir eher mit der Strömung und nutzen ihre Kraft“, erklärte Hirling.

Ein Taucher in eiskaltem Wasser übt den Ernstfall. Immer wieder brechen Menschen auf zugefrorenen Gewässern ein. Foto: Kerstin Dannath

Trainiert wurde in Kirchheim der sichere Ausstieg nach einem Einbruch und der Abtransport von bewegungsunfähigen Menschen. „Wenn man aus dem Loch rauskommen will, ist es wichtig, nicht nach vorne zu arbeiten, also sich nicht mit den Armen aufzustützen“, sagte Hirling. Denn dann droht das Loch weiter einzubrechen - stattdessen sollte man versuchen, die Füße hinten aufs Eis zu bekommen und sich seitwärts heraus zu rollen.

Hat man das geschafft, ist weiter Vorsicht geboten, wie Noah Neuffer, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der DLRG im Bezirk Esslingen ergänzte: „Das Gewicht muss gut verteilt werden, sonst bricht das Eis weiter ein.“ Sprich, am besten die Hände nach links und rechts ausstrecken und sich robbend in Richtung Ufer bewegen.

Guter Rat: Nie alleine aufs Eis gehen

Generell gelte, dass man nie alleine aufs Eis sollte, betonen beide DLRG-Männer: „Einer muss immer Hilfe rufen können.“ Fängt das Eis an zu knarren und zu knistern wird es gefährlich und man sollte so schnell wie möglich den Rückzug ans Ufer antreten. „Am besten auf der exakten Spur, auf der man gekommen ist, denn dort ist davon auszugehen, dass das Eis das aushält“, sagte Neuffer. Schafft man es nicht alleine, aus dem Wasser zu kommen, sollte der außen stehende Helfer den direkten Kontakt zu der verunfallten Person unbedingt vermeiden: „Es sollte immer etwas zwischen der eingebrochenen Person und dem Helfer sein – etwa ein Stock, eine Leiter oder im Notfall tut es auch eine Jacke“, erklärte Hirling. Denn bricht das Eis weiter, kann der Helfer den Gegenstand schnell loslassen und hat größere Chancen, sich in Sicherheit zu bringen um eine weitere Rettungsaktion zu starten.

Neben der Eisrettung an sich, testete die DLRG in Kirchheim zudem, wie sich ihre Boote auf dem Eis verhalten. „Ausprobieren steht heute im Vordergrund: Geht es, ein Raftingboot über eine Eisfläche zu schieben oder muss man es tragen, wenn ja, wieviele Leute benötigt man dafür“, erklärte Gruppenführer Gerd Kögler. Auch vier Rettungstaucher waren am Start. „Eistauchen ist etwas komplett anderes“, sagte Taucheinsatzführer Ralf Herdtle: „Die Sicht ist schlecht und man muss auch psychologisch damit umgehen können, dass man nicht jederzeit auftauchen kann.“ Auch hier stand das Training im Vordergrund: „Beim Eistauchen gibt es immer einen Sicherheitsmann draußen und auch die Flaschen haben zwei voneinander getrennte Atemsysteme.“ Kommuniziert wird per Funk und per Zug an der Sicherheitsleine: „Einmal ziehen bedeutet Notfall“, erklärte Herdtle – aber auch das will geübt sein.

Poller zugefroren – Wichtige Zeit verloren

Eine wichtige Erkenntnis für die DLRG war indes eine andere: Die direkte Zufahrt zum unteren Bürgersee ist das ganze Jahr über mit Pollern gesichert. Und die waren am Silvestermorgen so festgefroren, dass sie nicht gelöst werden konnten und die Einsatzfahrzeuge einen anderen, längeren Anfahrtsweg nehmen mussten. „Das werden wir der Stadt Kirchheim mitteilen“, kündigte Herdtle an, „Wenn man keine technische Lösung findet, müssen die Poller eventuell in der kalten Jahreszeit abgebaut werden.“

Ab wann darf man aufs Eis?

Freigabe
Man darf erst aufs Eis, wenn eine offizielle Freigabe von der jeweiligen Kommune, auf deren Gemarkung sich das zugefrorene Gewässer befindet, erfolgt ist.

Eisdicke
Die offizielle Empfehlung lautet mindestens 15 Zentimeter bei stehenden Gewässern wie Seen oder Teichen und mindestens 20 Zentimeter bei fließenden Gewässern wie Flüssen.

Naturschutz
Neben der Eisdicke ist auch der Naturschutz zu beachten – auf den Kirchheimer Bürgerseen etwa ist Schlittschuhlaufen nur am Unteren See direkt nach dem Parkplatz erlaubt. Die beiden anderen Seen (Mittlerer und Oberer See) sind Biotop-Zonen – Baden und Schlittschuhlaufen sind dort verboten.