Kreuz ab, Balkon ran, Beet vor die Eingangstür: Die ehemalige Kirche ist nur noch durch ihre Form als solche zu erkennen. Foto: Roberto Bulgrin / Huff Architektur

In Denkendorf im Kreis Esslingen ist eine ehemalige Kirche in Wohnraum umgewandelt worden. Wie sieht es dort aus – und was sagt die Gemeinde dazu?

Auf Google Maps ist sie noch mit einem alten Bild zu finden, die KircheGemeinde Gottes“ in Denkendorf (Kreis Esslingen). Doch vor Ort wird schnell klar: Hier hat sich etwas fundamental verändert. Das große Kreuz an der Außenwand ist durch einen Balkon ersetzt worden, vor dem Kircheneingang steht ein Beet, links und rechts davon gibt es Ladestationen für E-Autos. Die Kirche in der Neuffenstraße 4 dient nicht mehr als Gotteshaus, sondern seit kurzem als Platz für zwei Wohnungen. Es ist ein außergewöhnliches Bauprojekt – auch für das zuständige Architekturbüro aus Esslingen.

„Uns war es wichtig, den Geist des Ortes zu erhalten. Wir Architekten sprechen da vom Genius Loci“, sagt Maurice Huff, Leiter des gleichnamigen Architekturbüros. Das Dach und die Maße der Kirche wurden laut ihm beibehalten. „Wir haben die sehr charmante Form berücksichtigt.“ Außen gibt es nun unter anderem überdachte Fahrradstellplätze samt Stromanschluss für E-Bikes, eine Wärmepumpe und eine Terrasse mit Holzdielen.

Wie sieht die Kirche in Denkendorf von innen aus?

Im Inneren der Kirche ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Das Gebäude wurde energetisch und auf ökologischer Basis kernsaniert, erklärt Huff. Bis auf den Rohbau sei alles von Handwerksbetrieben aus der Region zurückgebaut worden. Wo früher ein Gebetsraum mit Holzbänken und Altarbereich war, liegt nun das große Wohn- und Esszimmer der ersten von zwei neuen, etwa 90 Quadratmeter großen Wohnungen. „Imposante Raumhöhen und Bogenfenster machen das Gebäude aus“, sagt der 49-jährige Architekt. Gerade in der oberen Maisonette kommt das eindrucksvoll zum Tragen.

Auf zwei Ebenen, verbunden mit einer engen Wendeltreppe, entfaltet sich der Wohnbereich – unten in einen größeren Raum, der in den anfangs genannten Balkon mündet. Mehrere kleine Zimmer wurden dafür komplett herausgebrochen. Unter dem Dach, im oberen Bereich der Maisonette, liegt durchzogen von Holzbalken ein längliches Zimmer mit Blick auf den vergrößerten Raum. Was wegen der kalten Temperaturen draußen auffällt: In beiden Wohnungen ist es, obwohl noch nicht geheizt wird, überraschend warm. „Wir haben bei den Materialien auf Qualität geachtet“, sagt Huff. Statt Styropor, das kaum zu entsorgen sei, habe das Architekturbüro Mineralwolle als Dämmung verwendet. Die Holzfaserdämmung im Dach sei ebenfalls ein extremes Qualitätsmerkmal. Es soll im Sommer für einen sehr guten Hitzeschutz sorgen. „Das Nonplusultra auf dem Dach.“

Architekt Maurice Huff vor dem neuen Balkon samt großen Bogenfenstern. Foto: Roberto Bulgrin

Wie reagiert die Gemeinde auf die umgenutzte Kirche?

Die Bauphase dauerte vom Februar dieses Jahres bis in den Dezember. Dabei sei die Planung anspruchsvoll gewesen, sagt Huff. „Wir haben viele Erfahrungen auf dem Weg mitgenommen – von der Grenzbebauung bis zum Brandschutz.“ Jetzt sind die Wohnungen blitzeblank und bezugsfertig. Doch noch wohnt niemand in ihnen. Huff will die neuen Wohnstätten verkaufen. Für wie viel sie auf den Markt gehen, verrät er noch nicht. Für das Architekturbüro ist das ganze Projekt ein Novum: „Wir haben noch nie eine Kirche umgebaut, wollen künftig aber immer mehr Gebäude umnutzen“, so Huff. Zuletzt habe das Büro in Reichenbach eine Schule umgebaut. „Das ist schöner als ein trockener Neubau mit Flachdächern.“

Aber eine Kirche als Wohnraum? Kann es da nicht Spannungen geben? Vor dem Umbau hätten die Jugendlichen der Gemeinde das Gebäude als eine Art Jugendzentrum genutzt, erklärt der Architekt – samt Tischkicker und Discokugel im Saal. Als wirkliche Kirche seien die Räume also sowieso nicht mehr in Verwendung gewesen. „Wir haben schon viel Feedback von Mitgliedern der Kirchengemeinde und auch von Menschen, die hier wohnen, bekommen“, sagt Huff. „Die Resonanz war durchweg positiv. Das kennen wir so nicht.“ Jeder in Denkendorf kenne das Gebäude, bisher sei es abgenutzt gewesen, jetzt freue man sich, dass es wieder aufbereitet wurde.

„Die Resonanz war durchweg positiv. Das kennen wir so nicht.“

Maurice Huff, Leiter des zuständigen Architekturbüros Huff.

Die Gemeinde bestätigt das: „Aus kommunaler Sicht ist es erfreulich, wenn nicht mehr kirchlich benötigte Räumlichkeiten anderen Nutzungen zugeführt werden können“, sagt Bürgermeister Ralf Barth auf Nachfrage. „Sie ermöglichen wie auch in diesem konkreten Fall Wohnraumschaffung der etwas besonderen Art.“ Im Süddeutschen Raum werden relativ viele Kirchen verkauft, sagt Architekt Huff. „Das sehen wir als Potential und wollen es nutzen.“