Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt – typisch für Jugendgewalt? Foto: dpa/Silas Stein

Was trieb die Täter der Stuttgarter Randalen an? Und: Zeigt sich hier ein typisch männliches Problem? Zwei Experten für Jugendgewalt geben Antworten.

Stuttgart/Mundelsheim - Als er von den Gewaltexzessen las, die am vergangenem Wochenende in Stuttgart passierten, habe er sofort an ein Zitat des Psychoanalytikers Erich Fromm denken müssen, sagt Hans Hopf: „Zerstörung ist die Kreativität des Hoffnungslosen.“ Der Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, der viel über die Psyche von Buben und das Thema Gewalt geforscht hat, erkennt in dem Verhalten der Gewalttäter ein Muster, mit dem er es oft zu tun hatte: „Das sind junge Männer, die eine dissoziale Persönlichkeitsstörung entwickelt haben. Sie können Affekte nicht steuern und sind leicht zu kränken“, sagt Hans Hopf. Innere Spannungen könnten sie nicht aushalten, sondern müssten sie nach außen tragen. „Sie inszenieren sozusagen ihre ­innerseelischen Konflikte, nicht selten mit Zerstörung“, so Hopf, der lange Jahre das Therapiezentrum Osterhof bei Baiersbronn geleitet hat.

Aus der Forschung zeige sich, dass Jungen eher als Mädchen dazu neigten, gewalttätiges Verhalten gegen andere zu entwickeln. „Wir wissen, dass Jungen eher zu narzisstischen Größenfantasien neigen und risikobereiter sind.“ Um jedoch ein Verhalten wie das der Täter von Stuttgart zu entwickeln, müssten mehrere Faktoren zusammenkommen. „Dem können Traumatisierungen und Gewalterfahrungen in der Kindheit zugrunde liegen“, sagt Hopf, der in Mundelsheim lebt.

Der Vater lehrt den Sohn, Gefühle zu kontrollieren

Für die Gewaltentwicklung sei außerdem die Figur des Vaters zentral. „Der Vater lehrt den Sohn, Affekte zu kontrollieren, und prägt seine Vorstellung von Männlichkeit“, so Hopf, der auch Psychoanalytiker ist. Wenn ihm in der Arbeit Jugendliche mit einer instabilen männlichen Identität begegnet seien, dann habe dem oft ein gestörtes oder gar kein Vater-Sohn-Verhältnis zugrunde gelegen. Alkohol- und Drogenmissbrauch wirkten außerdem wie Brandbeschleuniger.

Gewalt sei für solche jungen Männer eine Strategie, ein chronisches Gefühl von innerer Leere zu betäuben. Hopf bezieht sich noch mal auf Erich Fromm: „Er sah als Ursache für solche Formen der Destruktivität und Akten der Selbstzerstörung ein unerträgliches Gefühl der Langeweile und Ohnmacht und das Bedürfnis zu erleben, dass es doch noch jemanden gibt, der reagiert, jemanden, auf den man einen Eindruck machen kann, eine Tat, die der Monotonie des täglichen Lebens ein Ende machen wird.“ Die Corona-Beschränkungen hätten laut Hans Hopf wie ein Beschleuniger auf die Jugendlichen gewirkt, weil andere Möglichkeiten der Ablenkung und Beschäftigung lange wegfielen. „Solche Menschen ­haben keine Fantasie, sie brauchen den ständigen äußeren Reiz.“

Um mit einem solchen Typus Gewalttäter klarzukommen, habe er in seiner Zeit als Heimleiter immer auf eine Doppelstrategie gesetzt: „Empathie und Grenzsetzung – übertragen auf Stuttgart könnte das heißen: Sozialarbeit verbunden mit klaren Alkoholverboten und Polizeipräsenz“, rät Hopf. Dissoziale brauchten Strafen, um väterliche Autorität zu verinnerlichen. Das sei Teil ihrer Therapie und eine Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Der Experte betont, dass sicherlich nicht alle, die bei den Gewaltexzessen mitmachten, eine „dissoziale Persönlichkeit“ hätten. „Es gibt da auch ein großes Mitläufertum. Leute, die einfach in diesen Sog mithineingeraten. Aber ich bin mir sicher, die Rädelsführer sind sicherlich geschädigte Menschen. Sie sind auch Straftäter und akzeptieren keine Autoritäten. Gerade darum müssen sie die Härte des Gesetzes erfahren.“

Empathie und Grenzsetzung

Für Annemarie Schmoll vom Deutschen Jugendinstitut in München zeigen sich in den Stuttgarter Ausschreitungen auch typische Merkmale für Jugendgewalt: Diese sei überwiegend männlich, eruptiere spontan und situationsabhängig und in der Gruppe. Die Juristin und Soziologin, die unter anderem zum Thema Jugendgewalt und Kriminalitätsprävention forscht, betont aber auch, dass solche schweren Ausschreitungen sehr selten seien und dass in Stuttgart nicht nur Jugendliche und junge Erwachsene beteiligt waren, sondern auch Männer jenseits der 30. „Außerdem findet Jugendgewalt oft zwischen Jugendlichen statt, so dass sie gleichzeitig Täter und Opfer sind“, sagt Annemarie Schmoll.

Jugendgewalt geht zurück

Sie tritt dem Eindruck entgegen, dass Jugendgewalt zunehme und die Täter außerdem immer brutaler und enthemmter würden. „Das belegen weder die Statistik noch Studien, im Gegenteil ist die Jugendgewalt in den vergangenen 15 Jahren gesunken“, so Schmoll. Auch für die These, dass Männer mit Migrationshintergrund per se gewalttätiger seien, gebe es keine klaren Belege; vielmehr spielen hier Faktoren wie beispielsweise der sozioökonomische Status oder Zukunftsperspektiven eine Rolle.

Beide Forscher – Hans Hopf und Annemarie Schmoll – sehen in der Gesellschaft eher eine Antihaltung zu Gewalt zunehmen, was Vor- und Nachteile habe, vor allem für Jungen. „Aggression wird mit Zerstörung gleichgesetzt und deshalb bei Jungen von Kindheit an von einem überwiegend weiblichen Umfeld unterbunden“, sagt Hans Hopf. Dabei sei es für Jungen in ihrer Entwicklung wichtig, ein gewisses Maß an Wildheit auch mit körperlichen Auseinandersetzungen ausleben zu können. „Nur so können sie auch lernen, wo die Grenzen sind“, so Hans Hopf.

Und Annemarie Schmoll betont: Das Austesten von Grenzen, auch in Form strafbaren Verhaltens, ist auch Teil der Entwicklung von Jugendlichen. „Damit will ich nicht die Vorfälle in Stuttgart verharmlosen, die ­si­cherlich eine ganz andere Dimension hatten“, so Schmoll, aber in einem gewissen Maß sei Jugenddelinquenz, statistisch gesehen, normal. Es sei dann aber auch die Aufgabe aller, von der Zivilgesellschaft über die Polizei, Justiz, Jugendarbeit bis zur Politik, damit umzugehen.

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