Von der aktuellen Krankheitswelle sind auch die Schulen betroffen. Die meisten Rektoren im Kreis Böblingen berichten, dass rund 30 Prozent der Schüler fehlen, teilweise gar die Hälfte. Auch viele Lehrer melden sich krank.
Eine Klassenarbeit steht an, doch viele Schülerinnen und Schüler fehlen krankheitsbedingt – kein seltenes Bild derzeit an den Schulen. Gleichzeitig bekommen die Klassen immer wieder kurzfristig mitgeteilt, dass Stunden ausfallen oder eine Vertretung ihnen Aufgaben gibt – auch bei den Lehrkräften schlägt die Grippewelle in diesen Tagen Lücken.
Manche Schulen lassen an einem fixen Termin nachschreiben
„Wir spüren das deutlich“, sagt Alexander Groß, der Rektor der Eichendorffschule in Böblingen, „wir hatten zuletzt tatsächlich Klassen, in denen mehr als die Hälfte der Kinder krank gemeldet waren.“ Bei den verpassten Prüfungen wendet Groß wie auch andere Schulleiter einen organisatorischen Kniff an: „Wir haben am Freitagmittag einen festen Nachschreibetermin für alle, die eine Arbeit versäumt haben“, erläutert der geschäftsführende Schulleiter für Grund- bis Realschulen in Böblingen. Das erleichtert das Prozedere, denn die Lehrer müssen nicht mit jedem Schüler individuell klären, was er wann auf Kosten welcher anderen Stunde nachzuschreiben hat. „Damit fahren wir gut“, so Groß.
Ein anderes Thema sind die Ausfälle aufseiten der Lehrkräfte. „Das ist zwar im Moment auf einem normalen Niveau für die Jahreszeit“, erläutert der Rektor, „doch ist die Personaldecke inzwischen insgesamt so dünn, dass sich Ausfälle gravierend bemerkbar machen.“ Zwar würden sich die Kollegen stark füreinander einsetzen, doch es gebe einfach keinen Puffer. „Und die Perspektive ist nicht gut“, weiß Groß, „junge Lehrerinnen und Lehrer sind rar.“
Telefon steht morgens kaum still
Ganz ähnliches berichtet Stefanie Bermanseder. „Wir betreiben hier Mangelverwaltung“, sagt die Schulleiterin des Otto-Hahn-Gymnasiums in Böblingen, „manche Klassen haben zeitweise nur sehr wenig Unterricht – da gibt es nichts zu beschönigen.“ Und das, obwohl die Ausfälle auf Lehrerseite überschaubar seien. Aber neben der Krankheitswelle würden derzeit auch viele Fortbildungen stattfinden, die den Lehrkräften zustehen und die wichtig sind. Doch die personelle Ausstattung sei dafür zu knapp. „Das lässt sich dann kaum auffangen.“
In der Schülerschaft würde derzeit – grob geschätzt – immer rund ein Drittel fehlen, sagt Stefanie Bermanseder. „Morgens steht das Telefon kaum still“, beschreibt die Schulleiterin, „zudem müssen Kinder auch immer wieder abgeholt werden, weil sie krank sind.“ Was verpasste Klassenarbeiten angeht, würde man „mit Augenmaß“ vorgehen. Der Fokus liege da auf der Oberstufe, weil dort die Prüfungsergebnisse für den Schulabschluss am wichtigsten seien. „Ansonsten wird nachgeschrieben, wo möglich – aber das muss auch nicht erzwungen werden.“
Insbesondere die Unterversorgung bei den Lehrkräften kritisiert Anja Sklarski: „Es reicht ja an manchen Schulen, dass zwei oder drei Lehrer krank sind, damit das ganze System ins Stocken gerät“, sagt die Böblinger Gesamtelternbeiratsvorsitzende. Wenn alle Pädagogen an Bord sind, würde der Unterricht gerade so funktionieren. „Bei Krankmeldungen kommt es sofort zu Problemen.“
Hat die aktuelle Krankheitswelle mit Corona zu tun? Sind das Spätfolgen, weil das Immunsystem von Kindern und Jugendlichen geschwächt wurde? Das glaubt Diemut Rebmann eigentlich nicht. „Zumindest hatten wir vor ein paar Jahren schon einmal eine heftige Krankheitswelle im Herbst“, berichtet die Rektorin der Gemeinschaftsschule Goldberg in Sindelfingen. „Wir versuchen, die kranken Kinder – in manchen Klassen fehlen derzeit 50 Prozent – so gut wie möglich mitzunehmen.“ Hier würden der Schule die enormen Fortschritte entgegenkommen, die man beim Online-Unterricht zu Corona-Zeiten gemacht habe.
Berufstätige Eltern in Nöten
Wie mit den verpassten Klassenarbeiten umgegangen wird, sei die pädagogische Ermessensentscheidung der Lehrerinnen und Lehrer. „Da schauen wir, was individuell Sinn macht“, so Rebmann, „mit Blick auf die Halbjahresinformation sehen wir das sowieso nicht so eng.“ Zumal die Sindelfinger Rektorin weiß, dass diese Zeit auch für die Familien nicht einfach ist. „Gerade berufstätige Eltern kommen natürlich in Nöte, wenn kurzfristig Unterricht ausfällt oder das Kind krank wird – wir sind da im Austausch und suchen nach guten Lösungen.“
Christiane Lay kommt gerade aus einer Klasse, in der 7 von 25 Kindern abgemeldet waren – zurzeit sogar ein erträgliches Maß. „Etwa ein Drittel der Kinder fehlt auch bei uns“, sagt die Rektorin der Buchhaldengrundschule in Aidlingen, „wir müssen täglich Kinder abholen lassen.“ Beim Lehrerpersonal sei das System „auf Kante genäht“, betont auch sie. „Wir tun, was wir können, aber bei Ausfällen wird es schnell eng.
Böblinger Kinderklinik phasenweise überbelegt
Infekte
Bundesweit schlagen Kinderkliniken Alarm: Die Zahl der jungen Patienten und Patientinnen, die wegen Atemwegsinfektionen stationär aufgenommen werden müssen, ist dramatisch hoch. Manche Häuser müssen Kinder abweisen, die Betten reichen nicht aus.
Welle
Lutz Feldhahn, Chefarzt der Kinderklinik Böblingen, berichtete dieser Tage von einer riesigen Welle, wie sie es das letzte Mal vor fünf Jahren gab. In Böblingen stehen 80 Betten, die an einigen Tagen überbelegt seien – mancher Patient müsse auf den Gang.
Viren
Am RS-Virus sei etwa ein Drittel der jungen Patienten erkrankt. Dieses Virus, das die Atemwege befällt, trete saisonal mal stärker, mal schwächer auf. Ein weiteres Drittel ist mit dem Influenzavirus infiziert, das letzte Drittel leide an anderen Erkrankungen.