Das Zürcher Kammerorchester war zu Gast bei „Faszination Klassik“ – und begeisterte unter Leitung des Geigers Daniel Hope mit dem ausbalancierten Pianissimo eines Top-Ensembles.
Man nannte ihn den „Schwarzen Mozart“: Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges hieß der Komponist, dem im Frankreich des Ancien Régime eine erstaunliche Karriere gelang. Geboren auf Guadeloupe als Sohn eines französischen Plantagenbesitzers und einer senegalesischen Sklavin, stieg er sowohl zum Offizier als auch zu einem gefeierten Fechter auf und war nebenbei als brillanter Geiger, Dirigent und Komponist ein Star der Pariser Musikwelt. Lange Zeit vergessen, wurde Bologne in den letzten Jahren wiederentdeckt - wobei man fragen kann, ob das neu geweckte Interesse wirklich seinen Werken oder mehr dem Umstand geschuldet ist, dass er so gut in die„Woke“-Schublade der Diversitybewegung passt.
Denn mit Mozarts Genialität – das wurde beim Konzert des Zürcher Kammerorchesters unter Leitung von Daniel Hope klar – hat Bologne wenig gemein. Sein Violinkonzert Nr. 2 A-Dur, eines von insgesamt 14, mag effektvoll und brillant sein, bleibt aber stilistisch dem Ideal seiner Zeit verhaftet, das vor allem auf Virtuosität und Eleganz ausgerichtet war. Die Rolle des Orchesters beschränkt sich meist auf Begleitung, dramatische Konfrontationen wie bei Mozart oder kontrapunktische Verdichtung findet man kaum. Immerhin bot es Daniel Hope reichlich Material zur solistischen Profilierung, was dieser auch nutzte: strahlend der golden legierte Ton seiner Guarneri in den Kantilenen des Largo-Mittelsatzes, und dass ihm in den rasenden Akkordbrechungen des Rondeau-Finales schon mal ein bisschen die Intonation verrutschte, sah man dem sympathischen Rotschopf gerne nach.
Die Zürcher bestechen durch ihre Homogenität
Seit 2016 leitet Hope das Zürcher Kammerorchester, das er in dieser Zeit zu einem der besten Ensembles seiner Art geformt hat. Ähnlich wie die Festival Strings Lucerne, die erst vor kurzem in der Reihe Faszination Klassik gastierten, bestechen auch die Zürcher durch ihre Homogenität und technische Brillanz. Die ermöglicht extreme Wirkungen: Furios, wie in der „Air de Furies“ aus Christoph Willibald Glucks Oper „Orphée et Eurydice“ die motivischen Blitze in perfektem Unisono herunterfahren und einen veritablen Orkan auslösen.
Ausgefeilte Kultur der leisten Töne
Doch das Orchester kann auch anders: im ersten Werk des Abends, Mozarts Sinfonie D-Dur KV 196, einem verblüffend genialen Werk des 18-Jährigen, zeigten die Zürcher ein dynamisches Spektrum, das vor allem auf einer ausgefeilten Kultur der leisen Töne beruht: ein derart ausbalanciertes Pianissimo ohne tonale Brüche ist auch von Toporchestern selten zu hören.
Mit Mozart ging es nach der Pause weiter
Mit Mozarts erstem Violinkonzert B-Dur KV 207 ging es nach der Pause weiter im gut besetzten Beethovensaal. Auch hier bewies Hope seine geigerischen Qualitäten eindrucksvoll: sein schlanker, fein gewirkter Ton, seine bewusst als Ausdrucksmittel eingesetzten Vibrati – eine Qualität, die auch das Orchester auszeichnet – und sein immer frei wirkendes, von Fantasie und Spontaneität getragenes Spiel.
Nach so viel Klassik wäre ein Werk einer anderen Epoche zum Schluss schön gewesen. Doch die Verantwortlichen hatten sich für eine Haydn-Sinfonie entschieden: jener in f-Moll Hob.I:49, einem Hauptwerk aus Haydns Sturm-und-Drang-Phase, deren Untertitel „la passione“ Programm ist.
Viel Applaus, eine Zugab gab es
Das Werk ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Zwar hatte Haydn auch zuvor schon Sinfonien mit einem Adagio als Kopfsatz geschrieben, die aber nicht von einem derart ernsten, dunkel dräuenden Charakter sind wie diese. Die heiter-ausgewogene Klangwelt der Wiener Klassik ist hier weit weg – die unruhigen Achtelbewegungen und scharfen Akzentuierungen des Allegro di molto und erst recht der motorisch drängende Impetus des Prestofinales klingen eher wie eine Vorausahnung jener existenziellen Dramatik, die dann spätere Komponisten wie Ludwig van Beethoven in ihren Werken verwirklichten.
Viel Applaus, eine Zugabe: das Allegro spirito aus Mozarts Sinfonie A-Dur KV 201.