Teodor Currentzis Foto: Veranstalter

Seufz, uff, bumm, päng: Teodor Currentzis hat mit seinem Utopia Orchestra in Stuttgart Mahler und Brahms aufgeführt.

Wie heikel die Sache mit der Meinungsfreiheit ist, beweist gerade die US-Regierung um Donald Trump: Einerseits wird Europa verurteilt, weil hier Hass und Hetzreden nicht als erlaubte freie Meinungsäußerungen gelten, andererseits verbietet man selbst Begriffe wie Diskriminierung oder Gerechtigkeit in wissenschaftlichen Arbeiten und schasst eine Nachrichtenagentur, die der Umbenennung des Golfs von Mexiko nicht folgen will. Noch problematischer wird die Sache, wenn nicht geredet wird, sondern so geschwiegen, wie es seit Beginn des Ukraine-Krieges einer der prominentesten Köpfe der Klassikszene tut. „Wie kann es sein“, zitiert „Der Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe Teodor Currentzis, „dass es in Europa keine Redefreiheit mehr gibt?“ Und, mehr noch: Es gebe hierzulande „nicht mal mehr die Freiheit zu schweigen“.

Wie ein Comic!

Man mag müde davon geworden sein, immer wieder über die Gräben zwischen Kunst und Moral bei einem ausgewiesenen Profiteur des Systems Putin zu räsonieren, und tatsächlich geben inzwischen immer mehr Veranstalter ihre Blockadehaltung gegenüber dem Pultstar auf. Aber Currentzis folgt mit seiner Aussage einem zurzeit populären Argumentationsmuster. Und irgendwie passt seine rhetorische Umkehrstrategie zu dem Konzert, das er am Montag mit seinem Utopia Orchestra in der Stuttgarter Liederhalle gegeben hat. Auch hier hat er vieles umgekehrt.

Man mag sich die Freiheit herausnehmen, das nicht nur extrem, sondern auch nicht immer (im Werksinne) richtig zu finden. Vor allem bei Brahms’ zweitem Klavierkonzert. Das darf hier zwar sein, was es sonst oft nicht sein darf, aber auch ein bisschen ist: nämlich ein Virtuosenkonzert (und der ebenso flinkfingrig wie feinsinnig aufspielende Solist Alexandre Kantorow rechtfertigt diesen Ansatz). Aber die Geschichte, die Brahms hier erzählt, ist nun kein vielschichtiger Entwicklungsroman mehr, sondern ein Comic. Manches – nicht nur das Walzerthema im dritten Satz, bei dem Currentzis die Geiger aufstehen lässt – klingt tatsächlich so grell und plump, dass auch eine Sprechblase darüberstehen könnte: seufz, uff, bumm, päng!

Schöner Trost

Zu Gustav Mahler passt die Neigung des Dirigenten zur theatralischen Verschärfung der Kontraste besser, denn seine Musik lebt von Gegensätzen. Durch die ersten beiden Sätze der vierten Sinfonie bewegt sich Currentzis wie ein Kind, das in seinem Zimmer staunend von einem Spielzeug zum nächsten springt. Große Bögen gibt es nicht, wohl aber sehr viel urplötzlich Aufblitzendes. Der langsame Satz wirkt aber überirdisch: Hier lässt Currentzis die Musik zwischen einzelnen Eruptionen ruhig dahinfließen, bis beim wirkungsvollen Schluss die Pauke das Pizzikato-Motiv der Kontrabässe zu Tode prügelt. Im letzten Satz sorgt die Sopranistin Regula Mühlemann mit klarem, leichtem Ton für ebenjenen „kindlich heiteren Ausdruck“, den sich Mahler für sein „Himmlisches Leben“ wünschte. In der Zugabe (Richard Strauss’ „Morgen“) verkündet sie im Dialog mit dem Konzertmeister, dass auch am nächsten Tag die Sonne wieder scheinen wird. Schöner kann Trost nicht klingen.