Das Freiburger Barockorchester ließ alle Künste der Verfeinerung hören. Foto: Marco Borggreve - Marco Borggreve

Sensibel folgte das Freiburger Barockorchester mit Chor im Stuttgarter Mozartsaal der Musik Henry Purcells. Kontrastdramaturgie bot erst der zweite Teil mit Werken Händels.

StuttgartWenn es nach der holden Musica ginge, hätten die Briten ihren Brexit schon vor über 300 Jahren ad acta legen können. Denn bereits Ende des 17. Jahrhunderts feierte der englische Komponist Henry Purcell eine europäische Union der Klänge, die französischen Esprit und – sorgsamer dosiert – italienische Manier in einen völlig eigenständigen Nationalstil einfließen ließ. Eher verhaltener als flamboyanter Ausdruck, sinnliches Moll und zarte Melancholie, nobles Understatement und dabei eine Feinheit der tiefen Empfindung, die sich in chromatischen Durchgängen und schwindelerregenden „Ohnmachtsharmonien“ ergeht: Das sind die Zutaten, die Mister Purcells Brit-Barock adeln. Zu hören im Stuttgarter Mozartsaal im Konzert des Freiburger Barockorchesters mit Chor, vom Cembalo aus geleitet von Kristian Bezuidenhout, bekannt als großer Hammerklavier-Meister und Mozart-Interpret.

Sensible Wege

Bei Purcell folgt Bezuidenhout ganz den sensiblen Wegen der Verinnerlichung. So bereits in „Welcome to all the pleasures“, einer Ode zu Ehren der Musikheiligen Cäcilia, undogmatisch verknüpft mit Bezügen zu antiken Mythologie. Schlanke, sehnige Linien und hochmusikalische Phrasierung loteten die expressiven Finessen aus – im Orchester wie im mit Muttersprachlern besetzten Vokalensemble. Anfangs nicht hundertprozentig homogenen ließen die Sängerinnen und Sänger jedoch keinen Zweifel, wie vertraut ihnen die Nuancen dieser Musik sind – einer Klangwelt ohne Triumphalismus: Die Cäcilienode endet in keiner Apotheose, sondern bricht mit den letzten Tönen der Bässe radikal ab. Und das politische Opus „Why are all the muses mute“ wurde in rein solistischer Besetzung bis hin zum überirdischen A-cappella-Ausklang noch ätherischer dosiert – auch wenn König James II. martialisch als „Cäsar“ gerühmt und die von ihm niedergeschlagene Rebellion zur Hölle verdammt wird.

Sopranistin Rachel Redmond sang wunderbar innig eine „Evening Hymn“, Kontratenor Reginald Mobley glänzte (trotz weniger Intonationsunschärfen) mit lichtem, unverquetschtem Timbre und bruchlosen Registerwechseln, Tenor Hugo Hymas mit kerniger Kantabilität. Doch bei allen Künsten der Verfeinerung: Es fehlte die Kontrastdramaturgie.

Die lieferte im zweiten Teil Georg Friedrich Händel, der italienisch geschulte Deutsche in London: nach dem erlesenen „As pants the hart“ vor allem mit dem virtuos trompetenglänzenden und auch so interpretierten „Jubilate Deo“. Brillant, aber ohne jede Oberflächlichkeit wölbten die Ensembles das Klangfresko zu einer gloriosen musikalischen Kuppelarchitektur.

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