Noch führen die Grenzschließungen zu Tschechien und Tirol zu keinen Unterbrechungen in der Lieferkette von Daimler, Porsche & Co. – doch das könnte sich die kommenden Tage ändern. In der Zwischenzeit steigen bei den Logistikunternehmen die Kosten.
Stuttgart - Tausend Lastwagen sind täglich in Europa für das Stuttgarter Logistikunternehmen LSU Schäberle unterwegs, die wichtigsten Routen führen durch Tschechien und Tirol – ausgerechnet. Denn seit Sonntag kontrolliert Deutschland die Grenzen, um die Verbreitung der ansteckenderen Coronavirus-Varianten einzudämmen.
An der tschechischen Grenze zu Bayern und Sachsen und an der Grenze zwischen Tirol und Bayern stauen sich seit Montagmorgen die Lastwagen, auch jene von LSU Schäberle. Schon am Wochenende hatte der Verband der Automobilindustrie (VDA) gewarnt, dass in diesem Fall mit dem „Abriss der Lieferkette und kurz danach zum Produktionsstillstand in vielen Pkw-Werken in Deutschland“ kommen könne. Erste Bänder würden schon nach wenigen Stunden stehen, hieß es.
Noch laufen die Autowerke
Davon ist am Montagnachmittag noch nichts zu spüren. „Aktuell haben die Grenzkontrollen keine negativen Auswirkungen auf unsere Produktion“, heißt es bei Porsche. Volkswagen erwarte für den Montag keine Einschränkungen, sagt ein Sprecher, und bei Daimler heißt es, alle Werke würden normal und ohne Probleme laufen.
„Das könnte schnell auch anders sein“, sagt LSU-Geschäftsführer Thomas Schäberle. Das Logistikunternehmen liefert viele Waren für die Chemie, den Automobil- und Maschinenbau. Vieles davon nutzen die Unternehmen „just in time“ und „just in sequence“, was heißt: Die Firmen nehmen die Waren nach Bedarf und in der Anzahl und Reihenfolge, in der sie für die Produktion gebraucht werden, haben aber wenig oder nichts davon auf Lager.
Das Lager von LSU Schäberle wiederum leert sich, wenn die Lastwagen nicht eintreffen. Und dann könnte es auch für die belieferten Kunden knapp werden, so Schäberle: „Wir hoffen, dass es nicht zum Super-GAU kommt.“
Keine Alternativrouten
Momentan drohen dem Logistiker wie auch anderen Logistikunternehmen höhere Kosten. Brauche ein Lkw für eine Tour vom Werk in Tschechien nach Deutschland und zurück normalerweise zwei Tage, könnte sie sich jetzt auf vier Tage verdoppeln. Dann müsste man über Nachzahlungen an die Fahrer und Subunternehmen verhandeln, gegebenenfalls auch mit den Lieferanten. Ausweichmöglichkeiten gibt es kaum: „Für die Waren aus Tschechien gibt es praktisch keine alternative Route, und aus Italien laufen 90 Prozent der Warenströme über den Brenner“, so Schäberle.
„Es gibt keine alternative Transportmöglichkeit“, heißt es auch bei EBM-Papst. Das Mulfinger Unternehmen befürchtet deshalb Produktionsprobleme. „Täglich liefern mehrere Lkws Gussmaterial und Schutzgitter für die Ventilatorenproduktion. Von Tschechien aus werden die deutschen Produktionsstandorte mit Statoren und konfektionierten Kabeln versorgt“, sagt ein Sprecher.
Tschechien und Österreich rangieren bei den Importen als Nummer sieben und Nummer neun unter den Handelspartnern Deutschlands. Ein Viertel der tschechischen Exporte machen Autos und Autoteile aus. Außerdem sind die Exporte beider Länder auch für die Maschinenbauer wichtig. Ob hier demnächst Staus zu unterbrochenen Lieferketten führen könnten, ist unsicher. „Wir haben bisher nur wenige Rückmeldungen, uns fehlt derzeit noch eine belastbare Datenbasis“, teilt der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) auf Anfrage mit.
Coronatests schon in Italien nötig
Es könnte also noch einige Tage dauern, bis sich die Auswirkungen der Staus an den Grenzen zeigen. Auch der Verband der Automobilindustrie ruderte mit seiner Prognose am Montag zumindest zum Teil zurück und sprach nun anstatt von „Stunden“ von „Tagen“.
Dass sich Probleme bereits aufbauen, zeigt ein Anruf beim Verband der Spedition und Logistik (VSL) im Südwesten: „Die größten Probleme, die uns unsere Mitglieder berichten, gibt es zurzeit in Italien“, sagt Geschäftsführer Andrea Marongiu. Auf dem Weg nach Deutschland würden einige Lastwagen-Fahrer schon in Verona von der Polizei herausgezogen und nach einem Coronatest gefragt. So musste offenbar ein Speditionsunternehmen mit zwölf Lastwagen in Verona auf einen Coronatest warten.
Es fehle bisher vor allem an der Infrastruktur, die den Lastwagen-Fahrern ermöglicht, einen Coronatest überhaupt zu machen, so Marongiu am Nachmittag. „Wenn die Störungen in den nächsten Tagen zunehmen, riskieren wir, dass die Automobilindustrie mit ihrem Just-in-Time-Prinzip in die Knie gezwungen wird.“ Am Abend teilte Marongiu dann mit, dass Italien ab Dienstag Schnellteststationen auf der Route nach Österreich anbieten werde.