Gebäude der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen an der Fabrikstraße 1 in Esslingen Foto: Caroline Holowiecki

Die IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen hat ihre neueste Konjunkturumfrage vorgelegt. Demnach ist die Lage düster – aber nicht hoffnungslos

Gerade erst ist Bundeskanzler Friedrich Merz vom Antrittsbesuch bei US-Präsident Donald Trump zurückgekehrt – ein Besuch, der auch hierzulande mit Spannung erwartet wurde, denn Turbulenzen im Welthandel und bei den Lieferketten sowie andere geopolitische Unsicherheiten belastet die Stimmung in der hiesigen Wirtschaft.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) für den Bezirk Esslingen-Nürtingen hat nun ihre aktuelle Konjunkturumfrage vorgelegt, und die malt zunächst ein düsteres Bild. Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen Befragung lokaler Unternehmen. Für den aktuellen Bericht haben sich im April und im Mai rund 1050 Firmen aus der Region Stuttgart und darunter 201 aus dem Landkreis Esslingen zu ihrer Situation geäußert.

Mehr als 40 Prozent der Industriebetriebe wollen Personal abbauen

Die Quintessenz: Die aktuelle Geschäftslage bleibt negativ, der Aufschwung verzögert sich weiter. Besonders die Industrie, die den Standort hierzulande prägt, bildet das Schlusslicht in der Region Stuttgart. Die Lage im besonders stark von der Industrie abhängigen Kreis Esslingen ist also extra angespannt. Tatsächlich planen nur neun Prozent der Industrieunternehmen, ihre Investitionen in den kommenden zwölf Monaten auszuweiten, während die Hälfte Kürzungen plant. Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft wollen immerhin 17 Prozent der Unternehmen hierzulande ihre Investitionen im Lauf des kommenden Jahres ausweiten. Auch bei der Beschäftigung überwiegt der Pessimismus. Mehr als 40 Prozent der Industriebetriebe wollen Personal abbauen.

Der Schuh drückt von mehreren Seiten. Als besonders belastend empfinden die befragten Firmen demnach die Bürokratie und langwierige Entscheidungsprozesse, ebenso hohe Standortkosten wie Lohnkosten, Gewerbe- und Grundsteuer und Energiepreise sowie das Thema Wohnraumknappheit und hohe Immobilienpreise, das mitunter zum Problem bei der Personalgewinnung und -haltung wird. Gleichzeitig sind gerade diese Faktoren sehr relevant für die Wettbewerbsfähigkeit. „Die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Geld allein macht keinen starken Standort“, sagte Vanessa Bachofer, die Präsidentin der IHK-Bezirkskammer, bei der Vorstellung des Berichts. Es brauche schnelle Entscheidungen und spürbare Fortschritte, sonst drohe der Standort Esslingen weiter an Attraktivität zu verlieren. Sie betonte: „An der Industrie hängt ein erheblicher Teil des Wohlstands.“

Vanessa Bachofer, die Präsidentin der IHK-Bezirkskammer Foto: Caroline Holowiecki

Trotz allen Missmuts: Es zeigen sich auch erste Zeichen von Optimismus, und dies gerade in der stark gebeutelten Industrie. „Man kann schon sagen, dass die Talsohle erreicht ist und dass sich die Unternehmen wieder auf ein gewisses Wachstum auf niedrigem Niveau einstellen“, sagte Christoph Nold, der leitende Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer. Allein schon, dass es eine neue, nach Ansicht der Unternehmen wirtschaftsfreundlichere Bundesregierung gebe, hebe die Stimmung enorm, sagte Vanessa Bachofer, „daher kommt eine gewisse Zuversicht“. Dabei geht es vor allem um angekündigte wirtschaftspolitische Reformen wie den sogenannten Investitionsbooster und die Hoffnung auf eine veränderte Energiepolitik.

Die IHK hat ein Arbeitsprogramm bis 2029 erarbeitet

Bei der IHK will man die Erkenntnisse nutzen. „Das ist für uns eine Basis, um wirtschaftspolitische Positionen abzuleiten“, sagte Christoph Nold. Als Antwort auf die strukturellen Herausforderungen hat die IHK ein Arbeitsprogramm bis 2029 erarbeitet. Dessen fünf Handlungsfelder sollen als Leitplanken für ihre weitere Arbeit im Landkreis dienen. Dabei geht es unter anderem darum, – Punkt eins – den Fokus auf die Berufsorientierung und die Fachkräftesicherung zu legen, insbesondere etwa an Gymnasien und durch Integration ausländischer Fachkräfte.

Zweitens sollen Unternehmen im Strukturwandel unterstützt und bei Transformationsprozessen begleitet werden, ebenso sollen Wertschöpfungsketten durch attraktive Standortbedingungen in der Region gehalten werden. Vanessa Bachofer: „Wir suchen den Dialog mit der lokalen Politik.“

Außerdem soll der Bürokratieabbau vorangetrieben werden, etwa durch Kooperationen mit Kreisen und Kommunen oder konkrete Pilotprojekte. Und zu guter Letzt – Punkt fünf – sollen Betriebe besser vernetzt werden durch durch Arbeitskreise, Best-Practice-Formate und mehr Öffentlichkeitsarbeit.

Mitgliedsbetriebe
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat in der Region Stuttgart um die 175 000 Mitgliedsbetriebe. Zwei Drittel davon sind kleine Firmen, teilweise auch Ein-Mann-Unternehmen, ein Drittel ist im Handelsregister eingetragen. Im Zuständigkeitsbereich der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen sind es etwa 34 000 Mitgliedsbetriebe. Obendrauf kommen bei diesen Zahlen noch Handwerks- und freie Berufe, außerdem die Landwirtschaft.

Bezirksversammlung
Seit Januar ist die neue Bezirksversammlung im Amt. Das Präsidium wurde durch Stefan Eberhard, den Geschäftsführer der Energiehelden Academy Plochingen, erweitert, die Präsidentin Vanessa Bachofer (Geschäftsführerin Mack & Schneider Filderstadt), die Vizepräsidentin Heike Gehrung-Kauderer (Geschäftsführerin Hirsch-Hotelbetrieb Ostfildern) und Beatrice Kiesel-Luik (Geschäftsführerin Kiesel Bauchemie Esslingen) waren bereits zuvor Teil des Präsidiums.