Ein in Waiblingen verhafteter Kommunist trickst seine Wärter aus und türmt. Der Vorfall führt 1924 zu einem schweren deutsch-russischen Konflikt und macht Schlagzeilen. Auch im Satireblatt „Simplicissimus“.
Die Story klingt wie das Drehbuch zu einem spektakulären Kinofilm, hat sich aber im Mai 1924 tatsächlich so zugetragen und ist als „Russischer Zwischenfall“ in die Geschichte eingegangen: Zwei kommunale Ordnungshüter verhaften in Waiblingen nach einer Wahlveranstaltung der kommunistischen Partei den Redner Johannes Botzenhardt im Saal des Hotel Adler. Denn dieser wird vom Amtsgericht seiner Heimatstadt Parchim steckbrieflich gesucht und soll schnurstracks zurück nach Mecklenburg-Vorpommern verfrachtet werden.
Deshalb setzen sich die beiden Polizisten mit ihrem Gefangenen in den Nachtzug nach Berlin, wo sie am Morgen des 3. Mai mit Verspätung und obendrein müde, hungrig und durstig ankommen – so schildert es Walther Küenzlen in seinem Buch „Waiblinger Miniaturen. Geschichten aus einer schwäbischen Oberamtsstadt“. Was danach geschieht, führt zu einem schweren Konflikt zwischen Deutschland und Russland und macht landesweit Schlagzeilen.
Das Satiremagazin schildert den Vorfall auf einer ganzen Seite
Das bekannte Satiremagazin „Simplicissimus“, dem die Galerie Stihl Waiblingen derzeit eine große Ausstellung widmet, schilderte den Vorfall damals sogar ausführlich auf einer kompletten Seite. Diese ist zwar in der aktuellen Ausstellung nicht zu sehen, dennoch ist die Geschichte durch die Schau wieder ins Bewusstsein gerückt. „Wir wurden darauf am Rande einer unserer Mitgliederführungen aufmerksam gemacht“, berichtet Hansjörg Thomae, der Vorsitzende des Fördervereins Freunde der Galerie Stihl Waiblingen. Den Hinweis darauf habe Wolfgang Wiedenhöfer, ein Mitglied des Fördervereins und lange Jahre Vorsitzender des Heimatvereins Waiblingen, gegeben.
In einer Bildergeschichte in dem Satireblatt erzählt Thomas Theodor Heine unter der Überschrift „Ein Schwabenstreich in Berlin“ genüsslich die Geschichte von „Stempfle und Klötzle, zwei schwäbischen Schandarmen“, die „hungrig und halb verdurstet“ nach Berlin kommen. „Der Landessprache nicht mächtig, fragten sie vergeblich nach einer Gastwirtschaft“, spottet Heine über die beiden Schwaben in der Großstadt, die tatsächlich Grüner und Käser hießen.
Der Gefangene sperrt seine Wärter ein
Ein Glück, dass zumindest der Gefangene ortskundig ist. Weil das Trio den Anschlusszug verpasst hat, schlägt Botzenhardt vor, die Zeit mit dem Besuch eines Cafés in der Nähe zu überbrücken. Die gutgläubigen Beamten lassen sich vom Gefangenen in die Lindenstraße führen. Dort bittet Botzenhardt die beiden Polizisten, ihm die Handschellen abzunehmen, da er sich damit vor seinen Bekannten im Lokal nicht sehen lassen könne. Das leuchtet den beiden Waiblingern ein, sie befreien den Gefangenen also von den Handschließen. Johannes Botzenhardt führt seine Bewacher in einen Raum, geht hinaus – angeblich, um eine Bedienung zu suchen – und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
Nach einiger Zeit stellen die Waiblinger Wärter fest, dass sie selbst eingesperrt worden sind: Das vermeintliche Café ist die russische Handelsvertretung, die sie erst nach viel Gebrüll und Drohungen verlassen können. Ihre umgehende Beschwerde beim Berliner Polizeipräsidium zeigt sofortige Wirkung – die Behörde lässt die russische Handelsvertretung durchsuchen. Der Vorfall scheint der Berliner Polizei gerade recht zu kommen, hat sie doch schon im Herbst des Vorjahres solch eine Razzia für nötig erklärt. Doch das Außenministerium war zu dieser Zeit für eine Hausdurchsuchung nicht zu haben gewesen. Gustav Stresemann, damals Reichsminister des Auswärtigen, befürchtete, ein solch „außerordentlich bedenklicher Schritt“ würde „eine schwere Gefährdung der deutsch-russischen Beziehungen“ bedeuten. Nun aber umstellen Dutzende Polizisten die russische Handelsmission in der Lindenstraße, durchsuchen das Gebäude und verhaften einige Mitarbeitende.
Russischer Botschafter verlässt Deutschland
Das hat die von Stresemann befürchteten Folgen: Der russische Botschafter reist noch am selben Tag nach Moskau ab, die Sowjetregierung beendet die seit einem Jahr laufenden Wirtschaftsverhandlungen und storniert alle noch nicht fest abgeschlossenen Aufträge an deutsche Firmen. Der „Russische Zwischenfall“ schlägt hohe Wellen, die erst dadurch geglättet werden, dass der Reichskanzler sich in Moskau für den Übergriff der Polizei entschuldigt. Zudem schlägt die deutsche Regierung vor, die „Exterritorialität der ganzen Lindenstraße“ zu erklären, sie quasi als russisches Staatsgebiet zu behandeln. „Der Leiter der politischen Abteilung im Polizeipräsidium und fünf Beamte wurden beurlaubt“, berichtet Walther Küenzlen und schreibt weiter: „An allem waren unsere zwei Waiblinger Polizisten schuld, nur weil sie in Berlin gern gevespert hätten.“
Wie es den zwei Beamten bei ihrer Heimkehr erging, ist nicht bekannt. Eines aber ist sicher: Zu diplomatischen Vertretern Deutschlands in Moskau, wie vom Satireblatt „Simplicissimus“ vorgeschlagen, sind sie nicht ernannt worden.
Das Heft und weitere Information unter: www.simplicissimus.info