Die Kommunalpolitik ist noch immer stark männlich dominiert. In welchen Gemeinden wurden die meisten Frauen in die Räte gewählt – und was machen die Parteien dort anders?
Kommunalpolitik ist in der Region Stuttgart ebenso wie in Baden-Württemberg auch nach der Wahl vom 9. Juni überwiegend Männersache. Der Frauenanteil in den neu gewählten Gemeinderäten der Region liegt bei knapp 31 Prozent (995 Frauen bei 3256 Sitzen insgesamt). Landesweit liegt der Anteil laut Statistischem Landesamt bei 27,4 Prozent.
Nur in acht der 179 Kommunen in der Region Stuttgart sitzen gleich viele oder mehr Frauen als Männer im Rat, in zwanzig weiteren fehlt dazu nur ein Sitz. In allen übrigen 151 Gemeinderäten sind Männer klar in der Überzahl – am deutlichsten in Sersheim und Affalterbach, wo die Gemeinderäte aus einer Frau und dreizehn Männern bestehen.
Die folgende Grafik zeigt die Kommunen mit dem höchsten und geringsten Frauenanteil:
Hemmingen (Kreis Ludwigsburg) ist im Ranking dagegen absoluter Spitzenreiter: Mit 10 von 18 Sitzen liegt der Frauenanteil dort bei rund 56 Prozent; bisher waren es fünf Frauen. Der Bürgermeister Thomas Schäfer zeigt sich erfreut über das Ergebnis: „Es gab dafür vorher keine direkten Anzeichen, aber die Listen versuchen, sich zu diversifizieren.“ Bei der aktuellen Wahl standen 31 Kandidatinnen (von 90) zur Wahl.
Eine Rolle könnte gespielt haben, dass die Fraktionen von SPD und Freien Wählern bereits von Frauen angeführt wurden. Die FDP war bisher mit einer einzelnen Gemeinderätin vertreten. Nun ist eine zweite hinzugekommen, und auch die neue Grünen-Gemeinderätin ist weiblich. Mit dem hohen Frauenanteil könnten sich nun auch die Debatten verändern, vermutet Bürgermeister Schäfer: „Unser Rat ist sehr diskussionsfreudig. Das wird jetzt vielleicht etwas anders, dann stehen womöglich Zwischenrufe weniger im Vordergrund.“
Was ist in Erkenbrechtsweiler los?
Anders geht es Vanessa Zintgraf in Erkenbrechtsweiler (Kreis Esslingen). Sie ist die einzige Frau im zehnköpfigen Gremium. Man kennt sie im Ort, als Leiterin der Grundschule, auch im Sportverein ist sie aktiv. Das habe ihre Wiederwahlchancen erhöht, vermutet Zintgraf. Warum hat es bei allen anderen Kandidatinnen nicht geklappt? „Vielleicht waren sie nicht so sichtbar“, sagt sie. Im neu gewählten Gemeinderat seien vor allem Bürger, die im Sportverein oder bei der Feuerwehr aktiv sind.
Unsere Karte zeigt den Frauenanteil in allen Gemeinderäten der Region. Klicken Sie auf einen Ort, um Details zu den Sitzen im Gemeinderat zu sehen.
Bei der Suche nach Kandidatinnen für ihre „Unabhängige Bürgerliste“ hätten Frauen häufig an der Vereinbarkeit von Ehrenamt, Beruf und Familie gezweifelt und sich dann nicht aufstellen lassen. Vor den Sitzungen im Gemeinderat graut Zintgraf dagegen nicht – allein weil von der Verwaltung stets auch Mitarbeiterinnen an den Sitzungen teilnehmen. „Im Rathaus sitzen viele Powerfrauen“, findet sie.
„Wo verstecken sich die Jungen und die Frauen?“
Von der Kandidatensuche kann auch Hans Steidle ein Lied singen. Seit 1989 erstellt er für die CDU Affalterbach federführend die Listen. „Es war schon immer ein Problem, diesmal besonders“, klagt er, „wo verstecken sich die Jungen und die Frauen?“ Einer aussichtsreichen Kandidatin hätten die Großeltern versprochen, während der Sitzungen die Kinder zu betreuen. Kandidiert habe sie trotzdem nicht. Eine andere wollte nicht auf ihren Gymnastikabend verzichten, der wie die Ratssitzungen immer donnerstags stattfindet. „Und manche trauen es sich einfach nicht zu“, glaubt Steidle.
Er bedauert es, dass für die CDU in Affalterbach nur eine Frau kandidiert hat, die zudem nicht gewählt wurde. „Wir bemühen uns wirklich“, sagt er. Es könne schon sein, dass die unmittelbare, teils harsche Kritik an der Kommunalpolitik Frauen mehr Sorgen bereite als Männern. Warum die CDU-Kandidatin nicht in den Gemeinderat kam, ist für Steidle unklar. „Sie arbeitet bei der Bank, ist im Kindergarten engagiert ...“ Manchmal erscheint es den Kommunalpolitikern selbst als ein Rätsel, warum so wenige Frauen im Gemeinderat sitzen.
Grüne und SPD machen es anders
Andere Parteien schreiben einen bestimmten Frauenanteil einfach vor. Linke und Grüne machen in ihren Statuten die Vorgabe, dass die örtlichen Listen mindestens zur Hälfte weiblich sein müssen, bei der SPD sind 40 Prozent vorgesehen. Bei Linken und Grünen führt dies zu einem Frauenanteil der Gewählten von 54 beziehungsweise 52 Prozent; die SPD liegt mit landesweit rund 37 Prozent Frauenanteil auf Rang drei der Geschlechterparität. In der Region sind die Werte fast identisch.
Das Kommunalwahlgesetz empfiehlt seit 2013, dass „Männer und Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden“ sollen. Vor allem der konservative Teil des Parteienspektrums hält sich nicht daran. Der CDU-Landesverband verweist auf Schulungsangebote für Frauen vor der Kommunalwahl, dazu habe auch die gezielte Ansprache potenzieller Kandidatinnen gehört. „Häufig ist die Vereinbarkeit von Familie und politischem Ehrenamt oder Mandat ein Thema für Frauen“, sagt die Generalsekretärin Nina Warken. Digitale Angebote und verbindliche Anfangs- und Endzeiten von Sitzungen könnten Lösungsansätze sein.
Der Co-Vorsitzende des AfD-Landesverbands, Emil Sänze, sagt: „Wenn sich wenige Frauen zur Verfügung stellen, werden auch weniger gewählt.“ Statt wie 2019 noch acht schickt seine Partei nun immerhin 51 Frauen in die Parlamente, der Anteil hat sich von 6,8 auf 14,9 Prozent mehr als verdoppelt. „Wir fordern bei jeder Versammlung Frauen auf, dass sie sich aufstellen lassen“, sagt Sänze. Warum kandidieren dann so wenige? „Vielleicht liegt es an der Erziehung. Wer für uns kandidiert, das sind oft ältere Menschen. Frauen in dieser Generation sind zurückhaltender“. Außerdem könne es „Auswirkungen auf die Kinder haben, wenn man AfD-Frontfrau ist. Da weichen viele aus.“
Leinfelden-Echterdingen macht es vor
Laut dem Statistischen Landesamt ist die Einwohnerzahl entscheidend für den Frauenanteil der Gemeinderäte: Mit zunehmender Gemeindegröße steige die Anzahl der gewählten Ratsvertreterinnen. Außerdem kommt es wesentlich darauf an, wie viele Frauen antreten. In den Gemeinden mit dem höchsten Frauenanteil in der Region Stuttgart war mehr als jede dritte Kandidatur von einer Frau; in denen mit dem niedrigsten Frauenanteil nur jede fünfte.
Dass es auch anders gehen kann, zeigt das Beispiel Leinfelden-Echterdingen. Dort sind neben der CDU auch Grüne und Freie Wähler mit je 6 Sitzen vertreten, davon immer die Hälfte weiblich besetzt. Auch FDP, SPD und zwei lokale Listen haben alle mindestens eine Gemeinderätin. Damit gehört der Gemeinderat von Leinfelden-Echterdingen zu den wenigen mit 50 Prozent Frauenanteil. Die CDU erreicht hier einen viel höheren Wert als im Regionsdurchschnitt. Warum? „Wenn bei uns Frauen kandidieren möchten, bekommen sie auf Wunsch genauso eine Platzierung auf den vorderen Listenplätzen wie Männer“, sagt die CDU-Fraktionsvorsitzende Ilona Koch. Dadurch sind zumindest die vorderen Listenplätze abwechselnd männlich und weiblich besetzt. In der vorletzten Wahlperiode waren die Frauen in der CDU-Fraktion sogar in der Mehrheit.
Koch glaubt: „Unser Erfolgsrezept ist keine verpflichtende Quote. Man wolle den Wählern zeigen, „dass wir dem Nachwuchs echte Chancen geben.“ Nun sei mit Lara Moltenbrey beispielsweise eine jüngere Frau auf der CDU-Liste in den Gemeinderat eingezogen. Koch, die schon seit 2007 im Gemeinderat sitzt und inzwischen den Stadtverband leitet, sieht sich dabei in einer Vorbildrolle: „Ich kann andere Frauen immer wieder ermuntern“, sagt sie. „Ich bin auch nicht auf Anhieb gewählt worden, sondern war zuerst Nachrückerin. In der Kommunalpolitik braucht es sehr viel Hartnäckigkeit und Ausdauer.“
Daten
Methodik
Für die Analyse haben wir die Vornamen der Ratsmitglieder zunächst automatisch in männlich und weiblich kategorisiert. Um sicherzustellen, dass die Zuordnung korrekt erfolgt ist, haben wir die Zuordnung von Hand überprüft und überarbeitet. Anschließend haben wir ausgewertet, wie groß die Frauenanteile in den einzelnen Kommunen und bei den Parteien sind. Kleine Parteien und lokale Listen fassen wir unter Sonstige zusammen, Freie Wählervereinigungen werten wir gemeinsam mit den Freien Wählern.
Region
In die Analyse eingeflossen sind alle 179 Gemeinden in der Region Stuttgart. Die Ergebnisse wurden entweder über die Wahlsoftware des kommunalen Dienstleisters Komm.One erhoben oder händisch recherchiert.