Das öffentliche Kulturleben steht ein zweites Mal still. Dabei sind der Politik, meint der Kulturressortleiter Tim Schleider, die Inhalte egal; es geht ihr schlicht um Mathematik. Die Betroffenen brauchen deshalb unbedingt Hilfe.
Stuttgart - Zum zweiten Mal in diesem Jahr ist das öffentliche Kulturleben, sind Theater, Konzerthäuser, Kinos, Bühnen und Museen im Komplett-Lockdown. Von diesem Montag an herrscht für vier Wochen in Deutschland ein Veranstaltungsverbot – für mindestens vier Wochen, muss man inzwischen hinzufügen, nachdem am Wochenende einige Bundespolitiker darauf hingewiesen haben, dass die Einschränkungen auch über den 30. November hinaus verlängert werden könnten, wenn’s denn nötig würde.
Die kulturellen Veranstaltungen, die nach dem ersten Lockdown seit Pfingsten in Deutschland schrittweise wieder möglich waren, haben zwar nach aktuellem Kenntnisstand überhaupt nichts zur „zweiten Welle“ der Corona-Pandemie in Deutschland beigetragen. Dazu waren die Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Veranstalter viel zu penibel, was Wissenschaft und Politik auch stets anerkannt und gelobt haben. Aber die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben sich nun mal zum Ziel gesetzt, die täglichen zwischenmenschlichen Kontakte der Bundesbürger um 75 Prozent zu senken, um so auch die Zahl der möglichen Ansteckungen um 75 Prozent zu kappen. Deswegen muss und soll es möglichst wenig Anreize für die Menschen geben, abends oder am Wochenende ihre Wohnung zu verlassen. Deswegen schließt man nicht nur Kneipen und Restaurants, sondern auch Theater und Kinos. Es geht nicht um Inhalte oder den gesellschaftlichen Wert der Künste, sondern schlicht um Mathematik. Das kränkt zu Recht die Künstler. Doch auch sie sehen natürlich, wie nicht nur in Deutschland, sondern gerade in ganz Europa die Mathematik regiert.
Kunst ist auch mit Arbeit und mit Wertschöpfung verbunden
Doch auch ein Kultur-Lockdown hat mathematischen Folgen – in den Bilanzen der Kulturanbieter und bei den Einkommen der Künstler. Viel zu lange wurde in Deutschland missachtet, dass Kunst und Kultur sowohl mit Arbeit als auch mit Wertschöpfung verbunden sind. Kulturschaffende verdienen mit dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt. Der kulturelle Veranstaltungssektor, der von einer kleinen Bühne bis hin zum großen Tournee-Betrieb der Popstars reicht, die Kultur- und Kreativbranche insgesamt umfasst nach Zählung der Bundesregierung sage und schreibe 1,7 Millionen Beschäftigte. Das ist alles andere als eine gesellschaftliche Nische. Oder wie es der Jazzmusiker Till Brönner vor einigen Tagen in einer Videobotschaft ausgedrückt hat: Die Zukunft dieses Bereiches ist kein Luxus-, sondern ebenfalls ein Kernproblem.
Mit Ausgleichszahlungen von maximal zehn Milliarden Euro will der Bund jene Verluste ausgleichen, die Betrieben und Vereinen durch den November-Teillockdown entstehen – und es ist ein wichtiges Signal, dass diese Zahlungen auch Kulturanbietern und Kulturschaffenden zugute kommen sollen. Auch den Solo-Selbstständigen unter ihnen, die durch wegfallende Auftritte und Engagements im November besonders betroffen sind. Die Kulturpolitik Baden-Württembergs ist hier bereits im Sommer Vorreiter gewesen, als sie zur ersten Krisen-Überbrückung für freie Kulturschaffende einen fiktiven Unternehmerlohn eingeführt hat. In dieser Zahlung drückt sich tatsächlich einmal konkret aus, worauf die Kulturszene unseres Landes ein Recht hat: Wertschätzung.
Till Brönner meint in seinem Video: „Der Staat muss doch ein Interesse daran haben, dass wir Künstler am Ende der Krise noch da sind“. Das Publikum hat dieses Interesse auf alle Fälle. Deswegen gilt für die Kulturszene wie für die Wirtschaft: Die öffentliche Hand muss ausreichend Geld zur Verfügung stellen, damit die Breite der Kulturlandschaft gesichert werden kann. Das ist kein Luxus, keine Gunst, kein Bonus, sondern dient der Sicherung unserer Grundlagen. Schlicht und einfach.