Die Last wiegt schwer: Nathalie Armbruster muss bei den Olympischen Spielen zuschauen. Foto: Imago/Funke Foto Services

Von wegen Gleichberechtigung! Bei den Winterspielen im Norden Italiens dürfen die Kombiniererinnen nicht starten – weshalb eine ganze Sportart um ihre Zukunft bangt.

Je näher die Olympischen Winterspiele kamen, umso größer wurde bei Nathalie Armbruster (20) der Frust. Bis er sich kurz vor der Eröffnungsfeier am Freitagabend entlud. In deutlichen Worten kritisierte die Gesamtweltcup-Siegerin aus Freudenstadt das Internationale Olympische Komitee (IOC) – weil nicht nur sie zu Hause vor dem Fernseher sitzt, sondern alle Kombiniererinnen vom Ringe-Spektakel ausgeschlossen bleiben. Und eine ganze Sportart um ihre Zukunft bangt.

„Niemandem sollte die Möglichkeit verwehrt werden, seine Träume zu leben – nur weil man eine Frau ist“, erklärte Nathalie Armbruster, „wir haben uns den Platz bei den Winterspielen verdammt noch mal verdient – als hochprofessionelle Weltklasse-Athletinnen, die alle Anforderungen erfüllen, die das IOC selbst festgelegt hat.“ Wenn schon Gleichberechtigung im 21. Jahrhundert „nicht selbstverständlich“ sei, „dann sollte es wenigstens Gerechtigkeit sein“. Ist es aber ganz offensichtlich nicht.

IOC wird „Sexismus“ vorgeworfen

Bei den Winterspielen im Norden Italiens gibt es lediglich eine Sportart, in der keine Frauen am Start sind. Das wühlt nicht nur Nathalie Armbruster auf. „Es ist nicht, weil wir nicht gut genug sind. Nicht, weil wir nicht bereit sind. Sondern weil das IOC den Frauen die Chancen verweigert, die Männer seit Jahrzehnten haben“, schimpfte die US-Kombinierin Annika Malacinski (24), die dem IOC „Sexismus“ vorwarf. „Wir schreiben das Jahr 2026. Dass so etwas immer noch passiert, ist inakzeptabel. Wir bitten nicht um Gefälligkeiten. Wir fordern Gleichberechtigung.“

Gefragter Gesprächspartner mit klarer Haltung: Johannes Rydzek. Foto: Imago/Ulrich Wagner

Diese gibt es spätestens bei den nächsten Winterspielen im Jahr 2030 in den französischen Alpen. Wie die Gleichbehandlung dann aussehen wird, ist jedoch völlig unklar. „Entweder die Frauen kommen ins Programm“, sagt Horst Hüttel, „oder die Männer fliegen raus.“

Der Sportdirektor für Skispringen und nordische Kombination beim Deutschen Ski-Verband (DSV) ist einer der größten Kämpfer für die Disziplin, der das Olympia-Aus droht. Weil die Kombination eine große Tradition hat. Weil sich die Frauen enorm gesteigert haben. Aber natürlich auch, weil dem DSV ohne diese medaillenträchtige Sportart Fördergelder fehlen würden, die auch in die Infrastruktur und Nachwuchsarbeit im Skispringen und Langlauf fließen. Würde das IOC ernst machen und die Kombination für eine kommerz- und PR-trächtigere Sportart opfern, dann wäre das aus Sicht von Horst Hüttel „ein riesen Desaster“.

Die Männer müssen liefern

Auch den Kombinierern, die erstmals am Mittwoch in Predazzo (Schanze) und Tesero (Loipe) starten, ist bewusst, dass sie nicht nur um Medaillen kämpfen, sondern auch um ihre sportliche Perspektive. „Als wir uns zuletzt in Seefeld vom Frauen-Team verabschiedet haben, hat es mir fast das Herz gebrochen“, sagt Johannes Rydzek, „wir müssen bei Olympia unsere Sportart bestmöglich präsentieren, das drohende Aus schwebt wie ein Damoklesschwert über uns.“

Ähnlich äußert sich sein deutscher Kollege Vinzenz Geiger. „Ich weiß nicht, was man für ein Adrenalin-Junkie sein muss, um die Kombination nicht spannend zu finden“, sagt der Olympiasieger von Peking 2022, „es ist traurig, dass überhaupt überlegt wird, diese Sportart zu streichen.“ Und auch Julian Schmid ist klar, dass die drei olympischen Kombi-Wettbewerbe unter besonderer Beobachtung stehen: „Wir müssen jetzt Drama liefern.“ Für die erste Entscheidung am Mittwoch hat sich Kirsty Coventry angesagt, die neue IOC-Präsidentin will sich selbst ein Bild von der Sportart machen, die ihre Organisation in Frage stellt. Was sie dann nicht zu sehen bekommt, ist die Entwicklung der Kombiniererinnen, die auch ohne Aussicht auf eine Olympia-Teilnahme in den vergangenen Jahren große Sprünge gemacht haben – qualitativ und quantitativ. Sagen sie zumindest selbst.

„Im letzten Sommer und in diesem Winter standen zehn verschiedene Athletinnen aus sieben Nationen und von drei Kontinenten auf dem Podium“, erklärte Nathalie Armbuster, „wenn das keine Vielfalt ist, dann weiß ich es auch nicht.“

Wie groß der Einfluss der emotionalen Ausbrüche und sachlichen Argumente auf das IOC ist, wird sich bis Juni zeigen. Spätestens dann soll die Entscheidung über die Zukunft der Kombination gefallen sein. Nicht ausgeschlossen, dass sich bei Nathalie Armbruster anschließend der Frust erst richtig entlädt.