Die Politik versagt bei brisanten Themen – die Kultur ist gefragt, meint unsere Kolumnistin Elisabeth Kabatek
Der Herbst ist da, der Alltag ist zurück. Seit Schulbeginn ist wieder jeden Morgen das Lachen und Plappern der Kinder zu hören, die in kleinen Grüppchen an unserem Haus vorbei zur nahe gelegenen Schule marschieren. Die Normalität hat etwas Tröstliches in unserer durchgeknallten Welt. Dabei geht die Weltenlage selbst an Grundschulkindern nicht vorbei: Ein paar Kinder unterhalten sich vor unserem Haus über Israel und Gaza. Nicht zu beneiden sind die Lehrkräfte, die mit den Fragen und Ängsten der Kinder umgehen müssen.
Wie geht’s weiter in Weilimdorf?
Fragen und Ängste gab es auch bei der Bürgerversammlung in Stuttgart-Weilimdorf im Juli. Eine Landeserstaufnahmeinrichtung für Geflüchtete soll möglicherweise ins Industriegebiet kommen. Die Stadt hat keine Handhabe, das Land entscheidet. Damit kann man als Oberbürgermeister auf verschiedene Art und Weise umgehen. Der Stuttgarter OB will die LEA nicht, und er entscheidet sich dafür, seine Hände in Unschuld zu waschen. Das trägt nicht dazu bei, die vielen Menschen zu beruhigen, die schon jetzt davon überzeugt sind, dass sich das friedliche Weilimdorf in eine No-go-Area verwandeln wird: S-Bahn fahren wird gefährlich, die Immobilienpreise werden sinken, Wohnungseinbrüche an der Tagesordnung sein. Der Vertreter des Landes bemüht sich redlich, aber ziemlich erfolglos, die Bedenken auszuräumen. Der OB: schweigt.
Hilfreich ist das nicht. Man werfe einen Blick nach Großbritannien: Dort wurde ein mit Geflüchteten belegtes Hotel in Epping wegen (nicht nachgewiesener) sexueller Übergriffe eines Flüchtlings wochenlang belagert, was schließlich zu einer vom rechtsextremen Influencer Tommy Robinson organisierten Demo gegen Einwanderung in London führte, an der 110 000 Menschen teilnahmen, plus Elon Musk per Video. Die Labour-Regierung reagiert mit Hilflosigkeit und härteren Maßnahmen gegen Geflüchtete, anstatt dem Hass entschieden entgegen zu treten, der sich wie ein Virus ausbreitet.
Kuscheln mit den Populisten
Nicht nur in Großbritannien scheint die Politik jegliche Art von Differenzierung aufgegeben zu haben und sich immer mehr dem Schwarz-Weiß der sozialen Medien anzugleichen. Anstatt sich vom rechten Populismus abzugrenzen und ganz klare Ansagen zu machen, wird auch bei uns gekuschelt, angeblich, damit nicht noch mehr Wahlvolk nach rechts driftet. Je mehr die Politik versagt, desto mehr brauchen wir Kultur. Theater, Kleinkunstbühnen, Volkshochschulen und Vereine sind zunehmend die Orte, an denen über Demokratie, Klimakrise und Umgang mit Geflüchteten nachgedacht und diskutiert wird. Themen, denen sich die Politik nicht stellt. Die redet lieber über Waschbären.
Kulturelle Einrichtungen können das Vakuum nicht füllen, das die Politik hinterlässt. Aber sie bieten Raum zum Auftanken, Nachdenken, Ablenken, Inspirieren, Streiten, Lachen und Weinen. Die Herbstspielzeiten haben begonnen.