Forscher haben ein Faible für überraschende Parallelen. Manchmal ist das durchaus lehrreich.
Stuttgart - Welches Salatdressing darf’s denn sein? French, Italian, Thousand-Island, Leinöl-Zitrone-Joghurt – oder doch lieber eine klassische Vinaigrette aus Essig und Öl? Das Angebot in Restaurants und Supermarktregalen wird immer verwirrender. Wer bei der Salatzubereitung sein naturwissenschaftliches Wissen auffrischen will, dem sei die Vinaigrette empfohlen. Denn an ihr kann man sehr schön studieren, wie sich Flüssigkeiten mit gegensätzlichen Eigenschaften verhalten. Und das ist noch vorsichtig formuliert. Essig und Öl können sich nämlich überhaupt nicht ausstehen. Wenn man kräftig rührt, bildet sich zwar eine Emulsion, in der winzige Öltröpfchen gleichmäßig in der Salatsauce verteilt sind – was sich positiv auf das Geschmackserlebnis auswirkt. Doch lässt man das Gemisch eine Zeit lang unbeaufsichtigt stehen, entmischen sich Essig und Öl wieder und stehen sich alsbald erneut in klar abgegrenzten Lagern gegenüber. Man könnte auch sagen: Dann herrscht wieder Ordnung in der Salatschüssel.
Ordnungsprozesse im Fokus
Hinter der Entmischung von Essig und Öl verbirgt sich ein Vorgang, den Physiker als Phasentrennung bezeichnen. Beschrieben wird dieser Prozess durch die Cahn-Hilliard-Gleichung, von der wir ehrlich gesagt bis vor Kurzem auch noch nichts gehört hatten. Bis uns dieser Tage eine Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation ins elektronische Postfach flatterte. Dort wird ein Forschungsprojekt beschrieben, in dem es um die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten von Ordnungsprozessen geht. Weil sie wissen, dass Journalisten solche Vergleiche lieben, stellen die Max-Planck-Presseleute in ihrer Mitteilung überraschende Parallelen zwischen Salatsaucen und Wolfsrudeln her – genauer: zwischen der Entmischung von Öl und Essig sowie der Bewegung der Raubtiere und ihrer Beute. Tatsächlich entsteht in beiden Fällen aus scheinbar chaotischen Einzelbewegungen ein übergeordnetes Muster.
Bei allen Ähnlichkeiten gibt es aber auch Unterschiede. In ihrer Urform gilt die oben erwähnte Gleichung nämlich nur für unbelebte Materie, die allein physikalischen Gesetzen folgt und sich ansonsten passiv verhält. Im Gegensatz zu Essig und Öl kann sich lebende Materie jedoch aktiv bewegen, wie die Forscher betonen. Wölfe verfolgen ihre Beutetiere, während diese versuchen, ihnen zu entkommen. Ähnliche Verhaltensweisen fanden die Wissenschaftler beispielsweise bei Enzymen – also bei jenen Eiweißmolekülen, die in lebenden Zellen den Laden am Laufen halten. Auch Enzyme können sich gezielt in einzelnen Bereichen zusammenballen, was bei vielen biologischen Prozessen notwendig ist.
Republikaner im Paralleluniversum
Zusammenballungen ganz anderer Art zeigen sich beim Blick auf die Karte der USA nach der jüngsten Präsidentschaftswahl. Dort gibt es große zusammenhängende Bereiche, die entweder von Republikanern oder Demokraten dominiert werden und daher rot oder blau eingefärbt sind. Mit etwas Fantasie sieht das Ganze aus wie eine schlecht verrührte Salatsauce. Alles andere wäre auch eine Überraschung. Schließlich stoßen sich die Wähler der beiden Parteien mindestens so stark ab wie Essig und Öl. Während der quälend langen Auszählung der Stimmen waren aber auch noch andere interessante physikalische Phänomene zu beobachten. So lieferten fanatische Trump-Anhänger überzeugende Belege für die Existenz eines Paralleluniversums. Sie schafften es nämlich, gleichzeitig für und gegen die Auszählung weiterer Briefwahlstimmen zu protestieren.
Nun ist die Wahl vorbei – und die USA sowie der Rest der Welt haben den Salat. Um das gespaltene Land wieder halbwegs zu einen, wäre ein ziemlich starker Emulgator nötig. Doch solange führende Republikaner sich jeglicher konstruktiven Zusammenarbeit verweigern und lieber noch Öl ins Feuer gießen, ist es damit wohl Essig.