Das G9 soll zeitgemäßer werden. Doch wie können die beschlossenen Neuerungen mit Leben gefüllt werden? Darüber haben der Ministerpräsident und die Kultusministerin mit Schülern, Lehrern und Eltern diskutiert.
Schon seit einiger Zeit setzt das Königin-Charlotte-Gymnasium (KCG) in Stuttgart-Möhringen auf „Deeper Learning“. Die Jugendlichen sollen selbstständig und fächerübergreifend Wissen erwerben und dieses auf die reale Welt übertragen können. Deeper Learning sei aber nicht nur ein „Projektlernen“, sondern vielmehr eine „Haltung“, betonte der Rektor Benjamin Köhler. Das Ziel seien „hochkompetente und wertorientierte Selbstlernende“.
Das ist im Sinne von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne). Vor dem Hintergrund der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium besuchten sie am Mittwoch das KCG, um sich über die nun anstehenden Veränderungen auszutauschen. Die Innovationselemente im neuen G9 sind
- Stärkung der Grundlagenfächer Mathe und Deutsch
- Stärkung des naturwissenschaftlichen Bereichs
- Stärkung der beruflichen Orientierung
- mehr Demokratiebildung
- Einführung eines individuellen Schülermentorings.
„Wir freuen uns über diese Innovationselemente. Denn das ist genau das, woran wir arbeiten“, sagte der Schulleiter Köhler. Beim Deeper Learning gehe es darum, jungen Menschen zu zeigen, dass ihr Handeln etwas bewirke. Die Lehrkräfte am KCG seien „eher in einer Coaching-Rolle“, sie begleiteten die Schüler und schafften Rahmenbedingungen. Beides zusammen habe „ein großes Potenzial für die Demokratiebildung“, ist Köhler überzeugt.
KCG ist Pilotschule für Künstliche Intelligenz
Zu den sogenannten 21 Century Skills gehört für Köhler auch ein tiefes Verständnis für Künstliche Intelligenz (KI). Das KCG versteht sich als KI-Pilotschule. An dem Gymnasium haben mittlerweile viele Eltern, fast alle Lehrkräfte sowie die Schülerschaft ab der 8. Klasse Schulungen erhalten. Darauf aufbauend haben alle Lernenden ab der Mittelstufe Zugang zu der Plattform Fobizz, die verschiedene KI-Anwendungen zur Verfügung stellt. Wobei Köhler betont, dass es bei den KI-Schulungen nicht um einzelne Tools gehe. Viel wichtiger sei es, KI zu verstehen, zu wissen, wie sie arbeite, was sie leisten könne und welche Schwächen sie habe.
Kretschmann wollte von den Jugendlichen genauer wissen, wie sich Digitalisierung und KI auf ihren Alltag auswirken. Ein Neuntklässler antwortete: „Wir nutzen fast jeden Tag i-Pads im Unterricht.“ Die KI gebe zum Beispiel Feedback zu einem Probeaufsatz. Die Lehrkraft könne das nicht immer leisten. Früher sei es oft so gewesen, dass man erst mit der Note unter der Klausur eine ausführliche Rückmeldung bekommen habe. Eine Elftklässlerin ergänzte, sie nutze KI, um sich Lernpläne für die Vorbereitung auf die nächsten Klassenarbeiten zu erstellen. Die Lehrkräfte erklärten, wie sie KI für ihre Unterrichtsvorbereitung nutzen und dass so Freiräume geschaffen werden, unter anderem für das Lerncoaching.
Das KCG möchte sein KI-Wissen weitergeben. „Wir wollen Schulen vernetzen und teilen alle Materialien“, sagte Köhler. Das Interesse sei groß. „Da steckt richtig viel Arbeit drin.“ Lehrkräfte würden hier Zeit außerhalb ihres Deputats investieren.
Kretschmann wollte keine Rückkehr zu G9
Er habe die Wünsche sehr wohl vernommen, aber die finanziellen Mittel und personellen Kapazitäten seien knapp, antwortet Kretschmann. Das Land habe ein „gigantisches Schulprogramm“ aufgelegt, um den Defiziten an der Basis entgegenzuwirken, sagte der Ministerpräsident mit Blick auf die beschlossene Sprachförderung in den Kitas und Grundschulen. Hinzu komme das neue G9, „was ich persönlich nicht wollte“, sagte Kretschmann. Schopper lobte das Engagement des Kollegiums: „Sie leisten hier exzellente Arbeit.“ Der Ministerpräsident ergänzte: „Es macht nicht immer Spaß, aber immer Sinn.“
Das gilt auch für das von der Schulgemeinschaft entwickelte Sanierungskonzept. Es sieht moderne Klassenzimmer sowie Räume für Einzel- und Gruppenarbeit vor. Das Kernstück ist ein Lernzentrum. An der runden Theke geben Lerncoaches Bücher und Laptops aus und sind bei Fragen ansprechbar. Die Schulgemeinschaft machte bei dem Termin deutlich, dass modernes Lernen moderne Gebäude brauche. Dieser Wunsch ist beim Schulverwaltungsamt und der Amtsleiterin Kerstin Niendorf längst angekommen. Die Sanierung des KCG beginne 2028, sagte sie. Wann es fertig werde, fragte Kretschmann. Niendorfs Antwort: „Später.“