Florian Hoffmann ist Geschäftsführer der neuen Klimaschutzagentur Landkreis Esslingen. Foto: Kerstin Dannath

Die Zeit der guten Vorsätze ist für Florian Hoffmann, Geschäftsführer der neuen Klimaschutzagentur Landkreis Esslingen, vorbei. Konzepte zum Klimaschutz gebe es genug. Um voranzukommen, müssten jetzt alle an einem Strang ziehen.

Kreis Esslingen - Die Zeit der guten Vorsätze ist für Florian Hoffmann beim Thema Klimaschutz vorbei. Konzepte gebe es genug. Um voranzukommen, müssten jetzt alle an einem Strang ziehen.

Worin bestehen die Hauptaufgaben der Klimaschutzagentur des Landkreises?

Wir wollen eine wert- und anbieterneutrale Erstinformation und -beratung rund um das Thema Klimaschutz, Energieeffizienz und Erneuerbare Energien anbieten. Adressaten sind neben Privatpersonen auch das Gewerbe in Form von kleineren und mittleren Unternehmen und natürlich die Kommunen. Übrigens sind wir auch ein Ansprechpartner für Kommunen, die nicht oder noch nicht Mitglied in der Klimaschutzagentur sind. Es geht darum alle Akteure zusammenzubringen und Synergieeffekte zu nutzen. Die allermeisten Leistungen, die wir ab Jahresanfang 2022 anbieten, werden entgeltfrei sein.

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Die Klimaschutzagentur ging hervor aus der Energieagentur im Landkreis, ist das Aufgabenspektrum größer geworden?

Die alte Energieagentur hat sich im Wesentlichen auf Privatpersonen konzentriert. Jetzt geht es mit der Frage, wie wir es schaffen können, den kompletten Landkreis bis zur Mitte dieses Jahrhunderts klimaneutral zu bekommen, um deutlich mehr. Wir haben mittlerweile auf Bundes- und Landesebene eine entsprechende Gesetzgebung zum Schutz des Klimas als Grundlage. Was bisher freiwillig war, ist nun verpflichtend – und niemand kann sich mehr herausreden.

Sind nun vor allen Dingen die Kommunen gefordert?

Was sie tun können, wissen die meisten Städte und Gemeinden. Es passiert auch schon sehr viel auf kommunaler Ebene. Aber es reicht nicht. Es braucht alle Akteure in einer Kommune. Wir wollen den Prozess des kommunalen Klimaschutzes begleiten. Konzepte gibt es mittlerweile genug. Wir wollen schauen, ob und wie sich die Kommunen den Anforderungen stellen. Die Zeit, etwas zu bewirken, wird immer knapper. Ein strukturierter Prozess kann helfen, Dinge in die Realität umzusetzen. Hierbei bieten wir zukünftig Prozessbegleitung an.

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Welche Rolle soll die Klimaschutzagentur dabei spielen?

Ein hilfreiches Tool sind zum Beispiel die Abläufe, die der European Energy Award vorgibt. Damit kann man in einem bestimmten Zyklus Verbesserungen erreichen. Es gibt schon viele Landkreise und Kommunen, die damit großartige Erfolge gefeiert haben. Der European Energy Award ist ein Qualitätsmanagementsystem, das anhand definierter Handlungsfelder die Energie- und Klimaschutzaktivitäten einer Kommune erfasst, bewertet, steuert und regelmäßig extern und unabhängig überprüft. So können die Kommunen einer zukunftsfähigen Potenziale der nachhaltigen Energie- und des Klimaschutzpolitik identifizieren und nutzen. Während des gesamten Prozesses hat jemand von außen, zum Beispiel von der Klimaschutzagentur, eine Auge darauf, dass die gesteckten Ziele konsequent abgearbeitet werden. Wir wollen relevante Impulse geben und auch die Netzwerkarbeit stärken. Das können auch simple Dinge sein, wie regelmäßige Schulungen von Hausmeistern – gerne interkommunal, denen gezeigt wird, wie sie ihre Heizungsanlagen noch effizienter steuern können.

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Wie will die Klimaschutzagentur neben der kommunalen Ebene konkret Privatpersonen und Unternehmen unterstützen?

Ein großes Thema ist beispielsweise die Flut an Fördermöglichkeiten – da blickt der Laie meist überhaupt nicht mehr durch. Wir wollen die Fördermöglichkeiten für unsere Klienten so transparent wie möglich machen und können auch individuell Hilfestellung geben, wie man an diese Gelder herankommen kann. Viele Privatpersonen und auch kleinere Unternehmen brauchen einen Ansprechpartner im Kreis. Auch diese Rolle wird die Klimaschutzagentur künftig einnehmen.

Was sind die drängendsten Probleme im Landkreis?

Das größte Sorgenkind ist nach wie vor der Verkehr. Das ist der einzige Sektor, in dem bislang keine CO2-Emissionen eingespart wurden. Im Gegenteil: Die Anzahl der PKWs ist sogar gestiegen. Wir müssen unsere Mobilität neu zu denken. Das heißt aber nicht, dass es zurück in die Steinzeit geht. Die Alternativen müssen einfach gut genug sein – wie ein attraktives öffentliche Nahverkehrs- oder Radwegenetz. Auf dem Weg zur klimaneutralen Gesellschaft müssen wir an das PKW-Thema ran. Vielleicht müssen die Kommunen auch anfangen, über unpopuläre Maßnahmen wie etwa Stellplatzgebühren nachzudenken. Es braucht klimagerechte Anreize sowie eine konsequente Umsetzung des Verursacherprinzips, um die Treibhausgasemissionen wirksam und in der nötigen Geschwindigkeit zu reduzieren.

Wo soll die Klimaschutzagentur bis Ende des kommenden Jahres stehen?

Ich hoffe, dass die Agentur bis dahin alle ihre Geschäftsfelder aktiv bespielt und sich im Landkreis Esslingen etabliert hat. Sie soll in der breiten Öffentlichkeit mit all ihren Angeboten wahrgenommen werden. Dazu wird auch viel Öffentlichkeitsarbeit nötig sein. Klimaschutz muss sexy werden, was mit klimagerechten neuen Statussymbolen einhergeht. Wir müssen endlich damit aufhören uns in die Tasche zu lügen und konkret anfangen, das Richtige zu tun. Keine Konzepte und Vorsätze mehr – machen heißt die Devise der Zukunft.

Vom Kameraassistent zum Geschäftsführer

Zur Person
Florian Hoffmann wurde 1979 in Karlsruhe geboren und machte dort 1998 Abitur. Nach einer Ausbildung zum Mediengestalter arbeitete er unter anderem als Kameraassistent und Tontechniker für den SWR. 2012 schloss er ein berufsbegleitendes Studium der Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik ab. Von 2019 bis 2021 war er Leiter der Geschäftsstelle Klimaschutz im Landratsamt Göppingen. 2020 schloss er ein begleitendes Masterstudium in Sustainability Management ab (Schwerpunkt Führungskräfte und Nachhaltigkeitsfragen). Im September 2021 wurde er zum Geschäftsführer der Klimaschutzagentur des Landkreises bestellt.

Klimaschutzagentur
Die acht Gesellschafter der Klimaschutzagentur sind der Landkreis Esslingen, die großen Kreisstädte Esslingen, Filderstadt, Kirchheim, Leinfelden-Echterdingen, Nürtingen, Ostfildern sowie der Kommunale Klimaschutzverein Landkreis Esslingen mit bislang 27 Kommunen als Vereinsmitglieder.