Der Einzelne kann das Klima nicht allein retten. Aber er kann ziemlich viel erreichen – wenn auch Regierungschefs und Bürgermeisterinnen mehr Mut beweisen, kommentiert unsere Autorin Julia Bosch.
Zunächst eine kleine Auswahl der beliebtesten Gründe, die Menschen anführen, wenn sie sich nicht klimafreundlich verhalten. Nummer Eins: Was wir in Deutschland fürs Klima tun, ist eh egal, solange China so weitermacht wie bisher. Nummer Zwei: Ich brauche dringend Erholung, darum fliege ich im Urlaub nach Bali. Nummer Drei: Tofu schmeckt halt nicht so gut wie Hähnchen.
Deutsche sollten nicht auf China zeigen
Zu Argument Nummer Eins: In China lag im Jahr 2022 der Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 bei 7,99 Tonnen, in Deutschland bei 7,98 Tonnen. Rechnet man den internationalen Handel mit dazu, liegen Deutsche sogar bei mehr als 10 Tonnen, Chinesen bei 7 Tonnen. Beide Länder liegen sehr weit über dem weltweiten Durchschnitt – und dem, was die Erde verkraftet.
Nummer Zwei: Ein Urlaub auf Bali ist nicht unbedingt erholsamer als ein Urlaub, den man ohne Flugzeug erreicht. Italien hat wunderschöne Strände und Altstädte, Frankreich hat Pinienwälder und den Atlantik, Österreich oder die Schweiz haben beeindruckendere Berge als Indonesien.
Nummer Drei: Wer sich über langweilig schmeckenden Tofu beklagt, sollte sich daran erinnern, wie ein Hähnchen ohne Gewürze und Fett schmeckt: nach nichts. Sojasoße, Kräuter, Rauch- oder Schwefelsalz können bei Tofu übrigens Wunder bewirken.
In ganz Europa mehr Hitze und Dürre
Modellrechnungen von Klimawissenschaftlern zeigen, dass bis zum Jahr 2100 die Temperaturen um bis zu 4,7 Grad höher sein werden als im vorindustriellen Zeitalter. Das wäre eine Temperaturänderung, die mit einer Schnelligkeit erfolgt, wie sie in den vergangenen 10 000 Jahren nicht vorkam. In Frankreich, Spanien und Andorra könnten die Temperaturen um mehr als 6 Grad ansteigen. In ganz Europa werden mehr Hitzewellen, Dürre und Starkregen erwartet.
Der Einzelne muss sein Verhalten ändern, daran führt kein Weg vorbei. Aber es braucht auch zwingend mehr Mut und Durchhaltevermögen bei Staatschefs, Ministerpräsidentinnen und Bürgermeistern. Bei künftigen Entscheidungen rund ums Klima muss zwar sozial, klug und sensibel vorgegangen werden. Zugleich darf nach dem ersten Aufschrei nicht alles derart abgemildert werden, dass Emissionen eher weiter steigen. Manche Dinge brauchen ein, zwei Jahre, um ihre Wirkung zu entfalten und Akzeptanz in der Breite zu erzeugen. So gibt es vor dem Bau einer Fahrradstraße oft Widerstände – später merkt man dann, dass es für alle angenehm ist, wenn Radfahrer eigene Wege haben. Auch über Papier- statt Plastikverpackungen ärgert sich niemand mehr.
Das schnellste Auto bringt bei Überflutung nichts
Die jüngsten Wahlen in Deutschland haben gezeigt, dass vielen Menschen der Klimaschutz nicht wichtig genug erscheint, um daraus entsprechende Entscheidungen abzuleiten. Wer die AfD gewählt hat, hat dafür gestimmt, dass alle Klimaschutzgesetze auf nationaler und europäischer Ebene abgeschafft werden. Wer bei der FDP sein Kreuzchen gesetzt hat, will weiter unbegrenzt schnell Auto fahren.
Nur: Das schnellste Auto bringt einem wenig, wenn die Straßen überflutet sind. Und der schönste Urlaub ist nicht mehr erholsam, wenn es jenseits des klimatisierten Hotelzimmers über 40 Grad hat.
Deshalb müssen Entscheider viel mehr hervorheben, wie ein klimafreundlicher Lebensstil dem Einzelnen nutzt. Eine Ernährung mit weniger tierischen Produkten kann auch Krankheiten wie Diabetes oder Darmkrebs vorbeugen. Wenn Innenstädte fußgänger- und fahrradfreundlich umgebaut werden, profitieren auch die, die Auto fahren müssen – weil insgesamt weniger Kfz-Verkehr auf den Straßen ist. Und dass es der Lebensqualität zuträglich ist, wenn Stadtzentren weitgehend autofrei sind, zeigt sich in Barcelona, Amsterdam oder Kopenhagen.