Esslingen steht vor der Gefahr, sein CO₂-Budget um 35 Prozent zu überschreiten. Der Klimarat fordert dringende Maßnahmen, insbesondere im Verkehrssektor.
Wenn Esslingen so weiter macht wie bisher, verfehlt die Stadt ihre selbst gesteckten Klimaziele. „Wird der bisherige Trend lediglich fortgeführt, verfehlt die Stadt Esslingen ihr Ziel klar“, heißt es in einem Bericht des Klimarats. Der Klimarat ist ein Gremium, das die öffentliche Diskussion zum Thema Klimaschutz und Klimawandel „kritisch-konstruktiv“ begleitet und sicherstellen soll. Neben Stadträten sind dort auch Vertreter verschiedener Gruppen und Einrichtungen vertreten.
Der Klimarat Esslingen nahm die aktuelle CO₂-Bilanz der Stadt zum Anlass, eine Bilanz zu ziehen und Vorschläge über das weitere Vorgehen zu machen. Hintergrund: Esslingen möchte bis zum Jahr 2040 klimaneutral sein. Unter Klimaneutralität versteht man, dass nicht mehr menschengemachte klimaschädliche Emissionen verursacht werden, als beispielsweise Wälder und Meere aufnehmen und binden können.
Esslingen produziert mehr CO₂ als es sich vorgenommen hat
Um diese Klimaneutralität zu erreichen, hat die Stadt bis zur Deadline ein Limit an bestimmten Menge von CO₂ oder vergleichbaren Treibhausgasen, das es zu unterschreiten gilt. Dem Klimarat zufolge sind das 5,6 Millionen Tonnen. Wenn aber der gegenwärtige Trend anhält, würde Esslingen bei 7,5 Tonnen landen – das wäre eine Überschreitung von rund 35 Prozent.
Der Klimarat gibt auch Empfehlungen ab, wie Esslingen wieder in die Klimaspur kommen könne. Erkennbar sei, dass die Reduktion klimaschädlicher Emissionen im Industriesektor passierten. Zwischen 2007 und 2020 hätten sich die Emissionen um rund 31 Prozent verringert. Es gibt jedoch ein Aber: „Allerdings ist dieser Rückgang vermutlich überwiegend durch konjunkturelle Effekte und wirtschaftliche Abschwünge geprägt, weniger durch tatsächliche strukturelle Transformation“, heißt es in einem Papier des Klimarats, das Anfang Juni vorgestellt wurde.
Klimarat: Verkehr in Esslingen besonders wichtig für Klimaziele
Der Klimarat lege daher bewusst den Fokus auf den Verkehrssektor, einem Bereich, in dem die Stadt „unmittelbare Gestaltungsspielräume besitzt, etwa durch Stadt- und Verkehrsplanung, Infrastrukturmaßnahmen und die Förderung nachhaltiger Mobilität“. Das Fachgremium konstatiert: „Mit Blick auf die vergangenen 15 Jahre zeigt sich hier ein deutliches Defizit.“ Und: „Angesichts der Bedeutung dieses Sektors für eine erfolgreiche kommunale Klimastrategie besteht hier dringender Handlungsbedarf.“
Der Klimarat bot seine Unterstützung bei der Entwicklung und Umsetzung wirksamer Strategien an, die zum postulierten Klimaziel führen könnten. Das Gremium wurde vor etwa zwei Jahren neu aufgestellt. Zuvor war der Klimarat ausschließlich mit Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinderatsfraktionen besetzt. Inzwischen sitzen dort auch Bürgerinnen und Bürger, die nicht in den Gemeinderat gewählt wurden, aber ein Expertenwissen mitbringen. Sie werden auch auf der Homepage der Stadt namentlich aufgeführt, allerdings nicht, aus welchem Grund ausgerechnet diese Frauen und Männer in diesem Gremium sitzen.
Zu den Unterzeichnern der Stellungnahme gehören unter anderem Carla Cimatoribus, die als Professorin für Angewandte Naturwissenschaften, Energie-und Gebäudetechnik an der Hochschule Esslingen lehrt, und Maria Eberspächer, die in der Bürgerlobby Klimaschutz als Ansprechpartnerin der Ortsgruppe Esslingen genannt wird.
Die Stadt Esslingen führt eine Reihe von Aktivitäten an, um die eigene Energie- und Klimaschutzpolitik darzustellen. Sie möchte eine „Stadt der kurzen Wege“ sein. Deshalb arbeitet die größte Kommune im Landkreis seit Ende 2024 an einem Nahmobilitätskonzept. „Ziel ist es, wichtige Haupt- und Nebenrouten für den Fuß- und Radverkehr im Stadtgebiet zu definieren und nach und nach zu verbessern. Am Ende soll aus jedem Stadtteil zu Fuß und per Rad eine durchgehende Route bis zur Innenstadt führen“, hieß es im April. Inzwischen liegen erste Ergebnisse einer Umfrage vor, die in ein Konzept einfließen sollen.
Auch bei den eigenen Gebäuden will die Stadt den Klimaschutz vorantreiben. Der Gemeinderat stimmte einer Energieleitlinie zu, die seit Anfang Januar in Kraft ist und die dafür sorgen soll, dass Bauweisen und Bauprodukte für städtische Gebäude und Infrastruktur klimagerecht weiterentwickelt werden. Das soll auch Geld sparen: Im Esslinger Rathaus rechnet man damit, dass die Kosten für die Wärme-, Strom- und Wasserversorgung kommunaler Liegenschaften durch kommunales Energiemanagement und ohne größere Investitionen um 10 bis 20, in Einzelfällen sogar um bis zu 30 Prozent verringert werden könnten – das entspreche einem unteren bis mittleren sechsstelligen Eurobetrag pro Jahr.