Ein ganzes Leben hat seine Höhenflüge, aber vor allem seine Talfahrten: Christian A. Koch (links), Wolfram Karrer und Cathrin Zellmer. Foto: Björn Klein - Björn Klein

Der Regisseur Klaus Hemmerle hat den Roman von Robert Seethaler nicht dramatisiert, sondern lässt den erzählerischen Originaltext sprechen – und in szenische Anschaulichkeit münden. Die Geschichte eines einfachen Mannes in einem Alpental, die das 20. Jahrhundert spiegelt, gewinnt dadurch eine ganz eigene Dimension.

EsslingenÜber Marie, in die sich der Protagonist Andreas Egger verliebt, heißt es: Flachsblond sei ihr Haar, und kurz. Darstellerin Cathrin Zellmer trägt einen dunkelbraunen Zopf. Ein kleiner Lacher im Publikum – und ein Signal: Hier geht es eben nicht um Rollenverkörperung und nicht nur um Darstellung. Sondern um Erzählung und jene magischen Momente, wo die Intimität des Erzählens nicht mehr nur bei sich und ihrer Geschlossenheit bleibt, wo sich das geistige Auge öffnet für Gestalten, Körpersprache, Aktionen. Der Regisseur Klaus Hemmerle hat an der Esslinger Landesbühne diese Fenster in Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“ aufgemacht für Szene und Drama – ohne den Text in irgendeiner Weise zu dramatisieren. Es bleibt beim – stark gekürzten – originalen Wortlaut, und der wird weder durch stumme Bühnenhandlung ersetzt noch dialogisiert. Letzteres wäre sowieso unmöglich bei einer Hauptfigur, die nur äußerst selten den Mund zum Reden bewegt.

„Ich“ sagen ist Luxus

Andreas Eggers ganzes Leben ist eingeschlossen in der Sprache des Romans, aber er selbst spricht nur das Allernotwendigste. Nicht weil er beschränkt oder gestört wäre, sondern weil es sich so gefügt hat. „Ich“ sagen ist Luxus für Leute wie ihn: den Waisenknaben, Anfang des 20. Jahrhunderts zum rabiaten Ziehvater in einem damals noch abgelegenen Alpental verfrachtet. Prügel kassieren soll er von diesem Bauern namens Hubert Kranzstocker, das Maul halten, zupacken. Schuften statt denken, überleben statt leben. Egger fügt sich, duldet Mühsal, Schmerz und kaum artikulierte Seelenpein. Widerstand bleibt noch sporadischer als seine Wortäußerungen. Erst mit 18, als ihn der Bauer längst zum hinkenden Krüppel geschlagen hat, wehrt er sich und meint es ernst: „Wenn du mich schlagst, bring ich dich um.“

Aber Egger bleibt einer der Unzähligen, denen die Geschichte kein Stimmrecht gab, einer, in den sich das 20. Jahrhundert hineinschreibt wie in ein weißes Blatt Papier, ähnlich wie in das Tal, in dem er lebt. Er – verkrüppelt, aber bärenstark – wird Arbeiter beim Bergbahnbau, mit dem der „Lärm“ und der Tourismus in das Dorf Einzug halten, und Egger ahnt, dass sie niemals mehr verschwinden werden. Als die Nazis ihren Krieg beginnen, meldet er sich freiwillig – ohne Überzeugung, einfach so. Er wird abgelehnt, muss später doch an die Ostfront, gerät in russische Gefangenschaft. Nach seiner Heimkehr macht er – immerhin – eine kleine Karriere als Bergführer. Doch sein ganzes Leben bis zu jenem geduldig erwarteten Herzschlag, dem kein weiterer mehr folgt, ist „pures Dasein“ (Seethaler) und offene Frage: Was ist der Sinn? Egger hadert nicht mit der fehlenden Antwort. Am Ende blickt er zurück ohne Zorn: Er ist zufrieden mit sich und seiner Existenz ohne Transzendenz. Darin, und nicht nur in der Struktur des Romans, liegt der Ausschluss des Theaters, des dramatischen Konflikts. Und genau deshalb erprobt Regisseur Hemmerle im kleinen Podium 1 des Esslinger Schauspielhauses die Mittel des elementarsten Theaters an diesem Stoff: ein Experiment, das man nicht machen muss, aber machen kann. Genauer: Hemmerle und die drei Darsteller können es. Resultat: eine Geburt das Dramas aus dem Geist des Epischen – und der Musik. Denn der Musiker Wolfram Karrer – auch Mitspieler und Miterzähler – quetscht aus seinem Akkordeon nicht nur atmosphärische Soundtracks. Vielmehr antwortet die Musik der Sprachlosigkeit der Hauptfigur: dem, was Egger nicht sagen kann und was auch der Erzähltext, dessen Sätze manchmal selbst wie Musik zu fließen beginnen, nicht über ihn sagt. Das Unausgesprochene ist der Gegenstand von Hemmerles Inszenierung, die in ihren gelungensten Momenten keine bloße Illustration bietet, sondern eine andere Dimension, die sich in der Romansprache dunkel öffnet. Gespielt wird: Ein Text sucht drei Darsteller.

Andere Dimension

Diese andere Dimension gehört der Liebe, dem Tod und der Natur. Ihnen nähert sich die Inszenierung mit einer Systematik wachsender Einfühlung: Stimmen vom Band mit der Neutralität eines Nachrichtensprechers gehen in Live-Erzählung über und diese in Gestik, Mimik, subtil beredte Körpersprache. Solche Verlebendigung verleiht Eggers Liebe zu Marie, die bald mit einem tödlichen Lawinenunglück endet und doch ein Leben lang währt, einen utopischen Glanz. Christian A. Koch spielt den Egger in karger, kantiger Eindringlichkeit, auf unsentimentalste Weise berührend. Cathrin Zellmer gibt die Marie und andere Figuren mit bodenständiger Anmut, vif und facettenreich (ihr die Haselgerte des prügelnden Bauern in die Hand zu drücken ist freilich Unsinn – oder verquere Psychologisierung).

Mit dem Tod verschwistert ist die Bergnatur, die ihn oftmals verursacht: eine unheimliche Macht für die Dörfler, die sie eher fürchten als ihren katholischen Herrgott, an den sie nicht glauben. Ein Felsblock links für die wilden Berge, ein Sesselliftsessel rechts für deren Zähmung – das genügt Katrin Busching für die treffende Symbolspannung ihres Bühnenbilds. Egger spenden die Berge trotz allem einen rätselhaften Trost: nicht den des touristischen Naturschwärmers, sondern jenen anderen einer Überschreitung des Daseins. Wohin des Wegs? Diese Frage eines ganzen Lebens verfolgt Hemmerles szenische Überhöhung des Romantexts in lebendiger, bewegender Anschaulichkeit. Sie wird nicht beantwortet. Aber gestellt.

Die nächsten Vorstellungen: 2. und 4. April, 8., 11., 15., 29. und 31. Mai im Podium 1 des Esslinger Schauspielhauses.

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