Die evangelische Kirche in Oberaichen Foto: Caroline Holowiecki

Stefan Wittig hätte Pfarrer in Oberaichen (Landkreis Esslingen) werden sollen, er fühlt sich aber in der ihm zugewiesenen Wohnung derart unwohl, dass er stattdessen lieber den Job ausschlägt, als dort dauerhaft zu wohnen. Was bemängelt er?

Leinfelden - Das hat ordentlich gerumst in der Kirchengemeinde Leinfelden. Gerade hatte die sich gefreut, für die Pfarrstelle Leinfelden 2 mit dem Gemeindebezirk Ober- und Unteraichen Stefan Wittig gefunden zu haben – und dann sagte der kurz vor dem Einsetzungsgottesdienst ab. Der Grund: das Pfarrhaus in Oberaichen. „Ich musste erkennen, dass die Unzufriedenheit über die Wohnsituation mir die Kraft und Energie nehmen würde, die ich für die Bewältigung meiner dienstlichen Aufgaben benötige“, schrieb der 47-Jährige in einem Brief an die Kirchengemeinderäte. Eine ganze Reihe von Punkten, die zum Teil sicher vorher schon erkennbar gewesen, zum großen Teil aber erst nach dem Einzug in ihrer Tragweite deutlich geworden seien, hätten ihn zur Entscheidung gebracht.

Seither wird im Ort spekuliert, warum der Neue Reißaus nimmt. Eine Frau will von einer versteckten Mobilfunkantenne im Kirchturm wissen. Die ehemalige Kirchengemeinderätin Kerstin Fehrle wiederum wundert sich nicht, dass Stefan Wittig nicht bleiben will, „da man das Wohnniveau auf 70er Jahre und Vintage eingruppieren kann“. Es stünde der Kirchengemeinde gut zu Gesicht, Geld in die Hand zu nehmen. Der Dekan Gunther Seibold wiederum findet: „Das ist ein Haus, in dem man gut leben kann.“ Tatsächlich gehöre der helle Bungalow von 1964 samt Gartenzugang laut Bezirkskämmerer „zu den besseren Pfarrhäusern im Kirchenbezirk“. Er liege in einer geschützten Lage mit wenig Verkehr. Nach jedem Wechsel habe es Schönheitskorrekturen gegeben, zudem mehrmals größere Modernisierungen. Die zwei Vorgänger hätten gern da gewohnt, sagt Seibold.

Er nennt Dinge, die ihn in der Summe sehr stören

Stefan Wittig sieht das anders. Das Haus weise zwar keine Schäden auf, Fenster, Dach und Bad seien vor ein paar Jahren hergerichtet worden. Gleichwohl nennt er Dinge, die ihn persönlich in der Summe so sehr stören, dass er sich nicht vorstellen kann, hier dauerhaft zu leben. „Das innere Erscheinungsbild entspricht weitgehend den 60ern“, sagt er. Die Wohnung sei schlauchförmig geschnitten, der Flur sei kalt, das Bad winzig, das Parkett teils brüchig. „Es ist immer subjektiv. Es mag Leute geben, die sich da wohlfühlen“, er selbst tue das aber nicht. Wohnen sei Lebensqualität, und schließlich zahle er auch Miete. Sein Resümee: „Ein modernes Wohnen sieht anders aus.“

Es gibt allerdings auch Differenzen übers Kirchengeläut. Das Schlafzimmer in der Wohnung liege am Eingang, quasi unterm Kirchturm. Stefan Wittig bekennt: „Ich finde es sehr laut.“ Er will gehört haben, dass es zur Glocken-Lautstärke weitere kritische Stimmen gebe. Der Dekan kommentiert das schriftlich so: „Den einen tut das in der Seele gut, andere werden in ihrer Ruhe gestört.“

Die Landeskirche sieht eine Residenzpflicht vor

Alles in allem hätte sich Stefan Wittig ein Signal der Kirchengemeinde gewünscht, nämlich dass die Residenzpflicht aufgehoben wird. Diese sieht die Landeskirche grundsätzlich vor und sie bedeutet, dass Pfarrer in die jeweiligen Pfarrhäuser ziehen müssen. „Die Landeskirche hatte dazu schon Umfragen und Diskussionen“, erklärt Gunther Seibold, Kirche und Pfarrer aber seien zum Ergebnis gekommen, dass die Residenzpflicht gewünscht sei. Gleichwohl räumt er ein, dass in der Vergangenheit in Einzelfällen bereits davon abgewichen worden sei. „Der Oberkirchenrat müsste das genehmigen.“

Noch leben der aufgabenlose Pfarrer und seine Partnerin, mit der er eine Wochenendbeziehung führt, in der Wohnung. Um wegzuziehen, braucht er eine neue Stelle, aber „ich habe noch keine Perspektive“. Auch die Kirche ist daran interessiert, dass die Wohnung bald frei wird, um sie einem neuen Pfarrer anbieten zu können – und das Kapitel abzuschließen. „Glücklich ist der Fall für alle Beteiligten nicht“, sagt Gunther Seibold. Es seien Kosten und Verzögerungen entstanden. Stefan Wittig steht indes zur Entscheidung. Der Job sei attraktiv, Dienstauftrag, Region und Gemeinde hätten gut gepasst, doch „ich will mir selbstbestimmt meine Wohnsituation aussuchen können“.

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