Andreas Colosi ist Schulsozialarbeiter und leitet den Kinder- und Jugendtreff. Foto: Roberto Bulgrin

Seit zehn Jahren arbeitet Andreas Colosi in Baltmannsweiler mit Kindern und Jugendlichen. Deren Medienkonsum und die örtlichen Betreuungsdefizite haben teils üble Folgen, stellt der Sozialpädagoge fest.

An drei Baustellen gleichzeitig arbeitet die Kinder- und Jugendförderung Baltmannsweiler. Dazu zählen die Schulsozialarbeit in Baltmannsweiler und Hohengehren sowie die offenen Angebote im Kinder- und Jugendtreff im Kulturzentrum Baltmannsweiler. Andreas Colosi und sein Team vom Kreisjugendring (KJR) haben es dort mit Herausforderungen wie zunehmenden psychischen Problemen unter Heranwachsenden, ausuferndem Medienkonsum und Betreuungsdefiziten zu tun.

Schockierende Entwicklungen

Auch die Corona-Pandemie, in der der Kinder- und Jugendtreff im Kulturzentrum Baltmannsweiler zeitweise geschlossen war, hat Bremsspuren hinterlassen. Diese Einschnitte durch die Pandemie versteht der Sozialpädagoge als Brennglas, das die Probleme noch deutlicher zum Vorschein gebracht habe. Und der Fachmann zählt auf: Es gebe mehr Kinder, die Ängste entwickelten, deren Aufmerksamkeitsspanne abnehme und die sich in virtuellen Welten treiben ließen. Alles Effekte, die Bildungsforscher seit Jahren beklagen und die auch in Baltmannsweiler für Colosi und sein Team zu beobachten sind. Colosi spricht von schockierenden Entwicklungen, bei denen Kinder und Jugendliche beispielsweise auf TikTok verführt werden, Guthaben zu kaufen, um Influencer bei deren Rollenspielen zu beschenken. Dabei entstehe bei Kindern und Jugendlichen der trügerische Eindruck, sie könnten das digitale Geschehen beeinflussen. Schon Neunjährige wüssten über solche In-App-Käufe Bescheid. Problematisch sei auch das infinite scrolling, bei dem weitere Inhalte am Ende der Seite automatisch nachgeladen werden, sobald der Anwender zum Seitenende gescrollt hat. Das führe zu Reizüberflutung.

„Diese Trends finde ich völlig verrückt“, erklärt Colosi und warnt vor unkontrollierter digitaler Berieselung und Verdummung. „Solche Spiele sind bereits ab 12 Jahren zugelassen“, dabei sei die schnelle Abfolge von Bildern für Kinder problematisch, zumal sie Realität und Fiktion noch nicht scharf trennen könnten. Das Ganze habe eine neurologische Dimension, so gebe es Mechanismen wie instant gratification, gemeint sind emotionale Glückserfahrungen, die das Gehirn anregten, immer weiter zu machen. Colosi hat festgestellt, dass immer mehr Grundschulkinder digitale Endgeräte besäßen. „Vor zehn Jahren war es ein Kind pro Klasse, heute besitzt bereits ein Drittel ein Smartphone oder eine Smartwatch“.

Abendöffnungszeiten wären wünschenswert

Angesichts dieser Herausforderungen wünscht sich der Sozialpädagoge längere Öffnungszeiten im Kinder- und Jugendtreff für Ältere. „Das lassen unsere Arbeitszeiten aber leider nicht zu“, sagt er mit Blick auf die 50-Prozentstelle für den Treff. Insgesamt verfügt der KJR in Baltmannsweiler über 1,5 Stellenanteile, von denen jeweils 50 Prozent für die Schulsozialarbeit an den beiden Schulstandorten genutzt werden. „Wir brauchen 100 Prozent mehr“, sagt Colosi, der sich insgesamt 75 Prozent für den Kinder- und Jugendtreff sowie 25 Prozent für ein künftiges kommunales Jugendreferat wünscht.

Gefragt nach der Zusammenarbeit mit den Schulen lobt Colosi die Kooperation. Gerade die Schulsozialarbeit habe sich in Baltmannsweiler als Frühwarnsystem bewährt, denn es brauche die Expertise von Sozialpädagogen, um Kindern zu helfen, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit oder einer Hyperaktivitätsstörung, bekannt als ADHS, leiden. Und genauso brauche es fachliche Expertise für Kinder mit Ängsten und posttraumatischen Störungen. Lehrkräfte seien dafür nicht ausgebildet.

Es gebe Kinder, die schon beim Beobachten von körperlicher oder psychischer Gewalt in ihrem Umfeld Ängste entwickelten. Oft sei abendliches Bauchweh die Folge und der Schulbesuch werde verweigert. Dann sei aber schon viel passiert. Kinder brauchen nach Colosis Worten Menschen, denen sie vertrauen und zu denen sie einen Bezug aufbauen. Das sei die Herausforderung.

„Manche Bedarfe für Kinder werden nicht gesehen“, erklärt er mit Blick auf wechselnde Zuständigkeiten im Schulalltag. Er stehe voll hinter dem Konzept des geplanten Ganztagsangebots, damit Kinder nicht von einer Zuständigkeit in die nächste geschubst werden. Manche hätten es pro Tag mit vier verschiedenen Bezugspersonen zu tun, das sei deutlich zu viel.

Ein breites Angebot für verschiedene Altersgruppen

Digitales
 Auch im Kinder- und Jugendtreff darf übrigens gezockt werden, allerdings maximal 45 Minuten lang und bestimmte Spiele auch erst ab 14 Jahren, das ist Andreas Colosi wichtig. Für den Treff hat er einen 3-D-Drucker angeschafft, mit dem Alltagsgegenstände hergestellt werden können. In diesen Tagen hat ein erster 3-D-Drucker-Workshop stattgefunden.

Beteiligung
 Mit einem kommunalen Jugendreferat könnte die Kinder- und Jugendbeteiligung in Anlehnung an das Ziel der Bürgerbeteiligung gefestigt werden. Seit 2017 veranstaltet das Team des KJR als Kinder- und Jugendförderung Baltmannsweiler im Auftrag von und in Kooperation mit der Gemeinde das Format Jugendforum. Der Status der dort formulierten Anliegen wird dokumentiert. Außer dem Treff bietet die Kinder- und Jugendförderung auch regelmäßig Ferienprogramme an.