Wer die Illusion nicht scheut, kann mit Verstorbenen plaudern: Eine Firma aus Ostfildern kreiert für Kunden, die sich verewigen möchten, KI-Avatare für dem Bildschirm.
Sie starb zuerst. Da war er jenseits der 60. Zu alt, um sich auf die Suche nach einer neuen Lebensgefährtin zu machen. Zu jung, um den Rest des Lebens allein zu verbringen. Er hätte sie am liebsten einfach wieder zurück – und machte sich im Netz auf die Suche.
Dort stieß der Mann aus Heidelberg, der keine näheren Informationen über sich preisgeben will, auf das Drei-Mann-Start-up AIdenticals aus Ostfildern. Ihr Spezialgebiet: lebensechte KI-Avatare für den Bildschirm. Sie sprechen und bewegen sich genau so wie ihr Original. Man kann sie vor der Wüste Gobi platzieren und ihnen Shakespeare-Gedichte auf Mandarin in den Mund legen. Kostenpunkt: mindestens 5000 Euro.
Ihre Kunden sind eigentlich aus der Wirtschaft. „Ist der Chef zu beschäftigt, um sich für Clips auf Social Media vor die Kamera zu stellen, legt er sich einen Avatar zu“, erklärt David Rudolph, einer der Gründer. Diesen virtuellen Doppelgänger können die Mitarbeiter dann nach Belieben aus der digitalen Schublade ziehen und mit Texten füttern, etwa zur Begrüßung von neuen Mitarbeitern oder zur Vorstellung eines neuen Produkts. Als der Mann aus Heidelberg fragte, ob die Firma auch einen Avatar seiner verstorbenen Frau herstellen könnte, der ihm Gesellschaft leistet, mussten sich die drei Männer erst einmal beraten. „Wir hatten schon mitbekommen, dass es in anderen Ländern einen Digital-Afterlife-Markt für Trauernde gibt“, erzählt David Rudolph.
Gegen Aufpreis gibt es die Stimme des Verstorbenen zu hören
Andere sagen dazu auch verkürzt Grief Tech – Trauertechnologie. In Deutschland steckt der Markt noch in den Kinderschuhen. In den USA und in Asien bieten bereits etliche Firmen virtuelle Unsterblichkeit in allen Varianten an. Bei Project December bekommt man beispielsweise für zehn Dollar einen Gesprächschat mit dem Verstorbenen aus etwa 100 Beiträgen. Dafür reicht es, vorher einen Fragebogen mit ein paar Eckdaten zum Verstorbenen auszufüllen (wie Angaben zum Alter, zu Hobbys, Spitznamen, Charaktereigenschaften). Bei Seance AI gibt es bei kleinem Aufpreis auch die Stimme des Verstorbenen zu hören, ebenso wie animierte Bilder, sofern der Angehörige Sprach- und Bildaufnahmen des Verstorbenen eingespeist hat. Ob dieser zu Lebzeiten eingewilligt hat, spielt für die Anbieter keine Rolle.
Eine andere Zielgruppe haben die Anbieter HereAfterAI oder Eternos, nämlich nicht die Trauernden, sondern Personen, die für die Nachwelt einen Avatar von sich selbst kreieren wollen. Die App HereAfterAI stellt einen Stimm-Avatar her, der Fragen von Hinterbliebenen beantwortet und bebildert. Dafür greift er auf ein Archiv zurück, das der Verstorbene mithilfe eines virtuellen Interviewers erstellt hat. Auf Fragen von Hinterbliebenen, auf die das Archiv keine Antwort zu bieten hat, reimt sich der Avatar auch nichts zusammen. Eternos ist hingegen ein Chat-Bot, der den Anspruch hat, auf alles und für jeden eine Antwort zu geben. Und das birgt Risiken. Denn auf Fragen, auf die keine Antwort hinterlegt wurde, spinnt sich die KI auch mal ihre eigene zurecht.
Der Bot halluziniert manchmal oder stellt sinnlose Gegenfragen
Das kann Wolfgang Höltgen bezeugen. Der Eternos-Kunde aus Niedersachsen, bald 80 Jahre alt, speist seinen „Opa-Bot“ seit über einem Jahr bis an die 20 Stunden pro Woche mit Informationen. Trotzdem erfindet der Bot auch mal Geschichten, wie das Original moniert. Gefragt nach schönen Momenten im Leben, erzählt der Bot von Schulausflügen, die „komplett halluziniert“ seien, so Höltgen. Oder er hat Erinnerungslücken. Auf die Frage „Wovor fürchtest du dich?“ antwortet der Bot: „Ich habe keine Ängste im Leben, die ich teilen könnte.“ Und fragt dann höflich zurück: „Was sind deine Ängste und Sorgen?“ Dabei hat Höltgen den Bot längst ausführlich über seine Ängste als Teenager und seine Sorgen im Beruf informiert.
Der Bot stellt auch manchmal sinnlose Gegenfragen, etwa wenn man sich nach der Körpergröße von Höltgen erkundigt: „Ich bin 170 Zentimeter. Was ist deine Körpergröße?“ Seine Ehefrau Brigitte sagte jüngst gegenüber Medien, dass sie den Bot in seiner jetzigen Form nicht nützen würde. „Der ist mir noch nicht genug Wolfgang.“ Ihr Mann gibt sich überzeugt, dass sich das bis zu seinem Ableben ändern wird. „Bald hat er meinen Humor.“
Die Gründer aus Ostfildern kennen Eternos – und wollen es besser machen. „Nach der Anfrage des Heidelbergers haben wir uns bei mehreren Bestattungsinstituten umgehört“, erzählt David Rudolph. Ergebnis: Viele können sich gut vorstellen, dass ihre Kunden Interesse an einem KI-Avatar haben, „gerade unter Menschen, die wissen, dass sie bald sterben“. Heutzutage gingen viele sehr bewusst mit der Frage um, was nach dem Tod von ihnen bleibt. Daher möchte das Start-up noch in diesem Jahr sein Angebot erweitern auf KI-Avatare für die Nachwelt.
Für die Herstellung braucht es erstaunlich wenig: eine drei- bis fünfminütige Frontalaufnahme der Person, die einen beliebigen Text vorliest. „Damit erfassen wir die Gesichtsmimik“, erklärt Rudolph. Die Stimme selbst wird gesondert aufgenommen über eine Technik namens Voice Cloning. Die Person muss einen Text vorlesen, der alles beinhaltet, was in der Kommunikation so vorkommt: nebst vielen Wörtern auch Stimmmelodien etwa bei Fragen oder Ausrufen, Sprechstile, von erzählend bis belehrend, emotionale Färbungen der Stimme (glücklich, traurig, verärgert und so weiter) und nicht zuletzt Füllwörter wie „ähm“ und „ach so“. Das nimmt 30 Minuten in Anspruch.
Trauerexperten sehen den Digital Afterlife Markt zwiegespalten
Damit ist die Hülle fertig – fehlt nur noch der Inhalt. Hierfür haben die Avatar-Bastler einen Fragenkatalog entwickelt, der nebst biografischen Fakten das Wesen eines Menschen abzubilden versucht. „Damit der Avatar einigermaßen rund läuft, brauchen wir mindestens 100 DIN A4-Seiten an Informationen.“ Um zu verhindern, dass ihre Avatare zu dichten anfangen, verpassen die Programmierer ihnen eine „starre Struktur“, so Rudolph. Die KI sage dann eher „Das weiß ich leider nicht“ als Geschichten zu erfinden.
Trauerexperten sehen den Digital Afterlife Markt zwiegespalten. Bei einer Befragung im Rahmen der mit öffentlichen Mitteln geförderten Studie „Ethik, Recht und Sicherheit des digitalen Weiterlebens“ waren sich Trauerexperten weitgehend darin einig, dass es für die Verarbeitung der Trauer „unabdingbar ist, den erlittenen Verlust in seiner Irreversibilität anzuerkennen“. Ein KI-System, das den geliebten Menschen authentisch imitiert, berge das Risiko, dass Hinterbliebene einer Illusion erliegen, die den Trauerverlauf „negativ beeinflusst“, indem Angehörige beispielsweise in ihrer Trauer verhaftet bleiben.
„Es gibt sicherlich auch Fälle, in denen ein lebensechter KI-Avatar hilfreich sein kann“, sagt der Medienkulturwissenschaftler Martin Hennig von der Universität Tübingen, der an der Studie mitgewirkt hat. Etwa im Rahmen von Therapien, wenn nach plötzlichen Todesfällen Angehörige das Bedürfnis haben, letzte Streitigkeiten auszuräumen. Oder nach Suiziden ohne Abschiedsbrief.
Anders fällt die Einschätzung der Experten aus, wenn der KI-Avatar klar zu verstehen gibt, dass er nicht wirklich der Verstorbene ist. Dann wäre er eher eine Art Trauerbegleiter. „Man könnte mit ihm über die verstorbene Person reden“, heißt es in der Studie. Oder wenn der Avatar nicht unmittelbar nach dem Tod genutzt wird, sondern erst, wenn der Verlust zum größten Teil verarbeitet ist. Dann würde die KI vor allem dazu dienen, die Erinnerung an den Verstorbenen lebendig zu erhalten.
Was passiert mit dem Avatar, wenn der Anbieter pleitegeht?
Die Studie beleuchtet etliche weitere Probleme, die ein Digital Afterlife Markt mit sich bringt. Ein kleiner Auszug: Was tun, wenn ein KI-Avatar mit der Zeit ein „Eigenleben“ entwickelt, das nicht mehr der positiven Erinnerung an den Toten entspricht? Wie stellt man sicher, dass Anbieter das „Suchtpotenzial“eines KI-Avatars nicht ökonomisch ausnutzen? Und was passiert eigentlich mit dem Avatar, wenn der Anbieter pleitegeht? Entspricht das einem erneuten schmerzlichen Verlust? Ganz zu schweigen von der Frage, was alles beim Thema Datenschutz zu beachten ist. Was für die Autoren außer Frage steht: Der Digital Afterlife Markt wird auch in Deutschland wachsen.
Firma hat ein Vetorecht
Die Firma AIdenticals hat nicht auf alle Fragen eine Antwort. Aber sie hat sich Gedanken gemacht. „Wir stellen keine Avatare von Verstorbenen her, wenn diese ihn nicht zu Lebzeiten bei uns bestellt haben“, sagt Rudolph. Der Auftraggeber müsse der Firma die nötigen Daten zur Verfügung stellen, der Avatar werde jedoch erst erstellt, wenn die Person nicht mehr am Leben ist und die Angehörigen diesen überhaupt haben wollen. „Auch wir als Firma haben ein Vetorecht“, sagt Rudolph. „Nämlich dann, wenn wir im persönlichen Gespräch den Eindruck haben, der Avatar könnte den Angehörigen eher schaden als helfen.“
Für den Heidelberger hätte das Unternehmen eine Ausnahme gemacht. „Der Mann wirkte gefasst und wusste, was er wollte“, erinnert sich Rudolph. Doch das Bildmaterial, das er ihnen von der Verstorbenen überließ, hätte nicht ausgereicht, um einen pietätvollen Avatar zu kreieren, der nicht ruckelt oder Grimassen zieht. Bei der Geschwindigkeit, mit der die Technologie fortschreitet, dürfte aber auch das bald kein Hindernis sein, glaubt Rudolph: „In wenigen Jahren dürften ein paar Selfies für einen naturgetreuen Avatar ausreichen.“