Der chinesische Künstler Feng Mengbo lässt mit einem Computerspiel Mao Tse Tungs „Langen Marsch“ neu beginnen. Foto: Trickfilmfestival Stuttgart Quelle: Unbekannt

Von Verena Großkreutz

Esslingen - „Mein Leben hat einen tollen Soundtrack!“ Ein Satz, der sitzt. Wenn er aus dem Mund von Paula Spencer kommt, erscheint seine Euphorie allerdings fehl am Platz. Denn mit Paula hat es das Leben nicht gut gemeint. Von der Missbrauchs-Kinderhölle führte ihr Weg direkt in die Prügel-Ehehölle.

Die 39-jährige Mutter von vier Kindern ist Protagonistin des Romans „Die Frau, die gegen Türen rannte“ des irischen Schriftstellers Roddy Doyle von 1993. Oliver Reese, Intendant des Frankfurter Schauspiels, hat den Roman 2010 zum Theatermonolog für seine Bühne umgearbeitet. Jetzt spielt ihn Katja Uffelmann an der Esslinger Landesbühne (WLB).

Regisseur Jakob Weiss hat dafür im Podium des Esslinger Schauspielhauses die übliche Guckkasten-Perspektive aufgebrochen: Die Zuschauer bilden auf der ansonsten leeren Bühne einen Stuhlkreis - wie in einer Selbsthilfegruppe. Eine intime Situation. Die Schauspielerin sitzt schon vor Beginn unbemerkt in der Runde. Ihr Taschenradio springt an: „Sugar Baby Love“, Hit der Rubettes aus den 70ern. Sie erhebt die Stimme, als sei sie in einem Treffen der Anonymen Alkoholiker. Erzählt ihre Lebensgeschichte, erst leise, dann immer emotionaler, ohne Larmoyanz, durchaus mit Selbstironie. Dass sie jetzt spricht, ist einem besonderen Ereignis geschuldet: Charlo, ihre große Liebe und ihr Peiniger, ist tot, wurde auf der Flucht von der Polizei erschossen. Er soll eine Frau getötet haben.

Kette der Demütigungen

Paula erzählt vom Horror der Schulzeit, ihrer Einstufung knapp über Sonderschulniveau, von gleichgültigen Lehrern und zudringlichen Mitschülern. Wie sie ihren späteren Mann in der Disco kennenlernt und mit ihm eine Familie gründet. Dann brechen sie mehr und mehr aus ihr heraus: die Demütigungen Charlos, seine brutalen Attacken, die sie selbst im hochschwangeren Zustand ertragen musste. Um dann im Krankenhaus zu erklären, sie sei mit einer Türe kollidiert. Eine Begründung, mit der sich das Personal der Kliniken zufrieden gibt. „Hätten Sie mal nachgefragt. Ich hätte es Ihnen erzählt“, sagt Paula. Was sie von sich gibt, entspricht bekannten Verhaltensmustern: die Schuld bei sich selbst suchen und statt zu handeln sich das Hirn wegzusaufen. Erst nach 17 Jahren schlägt sie zurück, als sie begreift, dass auch ihre älteste Tochter in Gefahr ist. Paula haut Charlo eine große Eisenpfanne über den Kopf, und der verlässt endlich die Familie.

Straffer Spannungsbogen

Katja Uffelmann, die auch in der feinen WLB-Produktion „Herbstmilch“ begeistert, versteht es bestens, in dieser schwierigen, weil sehr intimen Spielsituation Paulas Seele zu entblättern. Sie wird in die Rolle noch weiter hineinwachsen in den nächsten Aufführungen, und die Tuchfühlung mit dem Publikum wird dann sicherlich noch intensiver. Aber wie sie diesen 70-minütigen Monolog meistert und seinen großen Spannungsbogen straff hält, ist beeindruckend. Auch wenn die hochdeutsche Übersetzung sprachlich nicht dem Milieu entspricht, aus dem Paula stammt: Uffelmann verleiht ihr Authentizität; vor allem in ihrem Willen, ihr Leben entgegen aller Prognosen und für ihre Kinder in den Griff zu kriegen. Etwa wenn sie verzweifelt versucht, ihren Alkoholkonsum zu regulieren, den Wodka in den Schuppen sperrt, den Schlüssel ins hohe Gras wirft, um ihn erst dann, wenn der kleine Sohn schläft, zu suchen und zu finden - winters wie sommers. Anrührend die Verzweiflung, die Uffelmann spielt, wenn der Schlüssel nicht auffindbar ist.

Es ist kein Stück mit einem Happy­end. Das Leben dieser Frau, die ihre Kinder mit einem Putzfrauen­lohn durchbringen und jetzt auch noch für die Beerdigung ihres Mannes gerade stehen muss, wird hart bleiben. Paula wird weiter kämpfen müssen - gegen die Umstände, gegen ihre Sucht. Aber die Zeichen stehen gut.

Die nächsten Vorstellungen: 4. und 16. März sowie 30. April.

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