Kein Gas, kein Strom – dann wird es rasch kalt in den eigenen vier Wänden. In Reichenbach bereitet man sich in besonderer Weise auf den Ernstfall vor. Wie aus einer alten Turnhalle kurz vor dem Abriss eine Wärmehalle wurde.
Für die alte Turnhalle in Reichenbach läuft der Countdown. Sie soll abgebrochen werden, sobald das Neubauprojekt „Sporthalle mit Mensa“ fertiggestellt ist. Vorher bekommt die Halle von 1958 aber noch eine neue Bedeutung: Die Gemeinde hält sie als „Wärmehalle“ für Notsituationen vor. Mit ihren mehr als 60 Jahren erfüllt die alte Turnhalle heutige Gebäudestandards nicht mehr. Es hapert insbesondere beim Brandschutz, bei der Wärmedämmung und beim Schallschutz. Wollte man all das nachrüsten, käme die Statik der Halle aus dem Lot, wie ein Gutachten schon vor Jahren festgestellt hat. Genutzt wird die Halle derzeit noch vom Schulsport, vom Turnverein und vom Radsportverein.
Die Ölheizung ist plötzlich wieder ein Vorteil
Dass die alte Turnhalle noch eine Ölheizung hat, macht sie nun zu einer Besonderheit. Sie soll im Falle von Gasmangel oder Stromausfall zur „Wärmehalle“ für die Bevölkerung werden. Das Land nennt in einer Rahmenempfehlung an die Kommunen vom September 2022 solche Hallen als „Kann-Leistung“. Sie sind also nicht verpflichtend, aber erwünscht – anders als „Notfalltreffpunkte“, die als Soll-Leistung in der Regel eingerichtet werden müssen.
Reichenbach jedenfalls will einen Ort zum Aufwärmen bieten, „wenn zu Hause tatsächlich die Bude komplett kalt wird“, wie Hauptamtsleiter Siegfried Häußermann sagt. Ein Blackout – also ein großflächiger, länger andauernder Stromausfall – betrifft letztlich fast alle Heizsysteme, weil deren Steuerung und die Pumpen elektrisch betrieben werden. Die Gemeindeverwaltung hat für diesen Fall mobile Notstromaggregate bestellt und die Elektrik in der Halle so eingerichtet, dass sie angeschlossen werden können. Dass bei Weitem nicht alle Reichenbacher in der Halle Platz fänden, ist Häußermann klar: Im Ernstfall werde man abwechseln müssen und „ein Kommen und Gehen“ haben.
Esslingen gibt sich zurückhaltend
In Städten sei das Problem von zu wenig Plätzen noch ausgeprägter, sagt Andreas Gundl, der Leiter der Stabstelle besondere Gefahrenabwehr in Esslingen: „Wir könnten nur fünf Prozent der Bevölkerung bedienen. Da ist dann die Schwierigkeit zu selektieren – nach welchem Prinzip sollten wir das machen?“ In Esslingen sind deshalb bislang keine Wärmehallen vorgesehen, fürs Erste konzentriert sich die Stadt auf die vorgeschriebenen Notfalltreffpunkte. Dort sollen die Bürgerinnen und Bürger Informationen oder Erste Hilfe erhalten, Notrufe können abgesetzt und Hilfeleistungen koordiniert werden. Für Esslingen habe man 19 solcher Treffpunkte definiert, erklärt Gundl; sie sollen im neuen Jahr bekannter gemacht werden. Vorsorgen müsse letztlich auch jeder und jede Einzelne im Rahmen der eigenen Möglichkeiten.
Plochingen setzt im Ernstfall auf Fernwärme
Das sieht auch Plochingens Bürgermeister Frank Buß so, die Stadt wolle aber für Ältere und Alleinstehende Aufwärmmöglichkeiten bereitstellen. Der Gemeinderat habe sich schon früh mit diesem Thema beschäftigt und Gebäude bestimmt, „die wir für diesen Zweck aktivieren können“. Dazu zählten die Stadthalle, die Sporthalle des Gymnasiums und – wenn er einmal fertig saniert ist – der frühere Kupferbau des Gymnasiums. Als Vorteil sieht Buß, dass die meisten öffentlichen Gebäude in Plochingen am Fernwärmenetz des Altbacher Kraftwerks hängen. Dieses werde nach Aussage des Betreibers nach einem Blackout recht schnell wieder in Betrieb gehen.