Wenige Tage vor Saisonende verlässt das Prinzenpaar im Eklat den Möbelwagen. Streit, Austritte, Intrigen – hinter den Kulissen des Stuttgarter Faschings herrscht dicke Luft.
Beim Faschingsumzug durch Stuttgart werden am nächsten Dienstag auf dem Wagen der veranstaltenden Karnevalsgesellschaft Möbelwagen die Hoheiten fehlen. Prinz Nicola I. und Prinzessin Sarah-Ann I. zu Stutengarten, das Stadtprinzenpaar für 2025/2026, haben kurz vor Ende der Kampagne verärgert ihr Ehrenamt hingeschmissen. Auch bei den Kollegen von der Zigeunerinsel rumort es heftig. Auch dort gibt es Austritte und Beschimpfungen. Beide großen Karnevalsgesellschaften führen vor, wie ernst Fasching in Wahrheit ist.
Wie angespannt die Lage in Vereinen ist, deren Zweck es ist, Spaß zu bereiten, zeigte sich am vergangenen Samstagabend bei der „Karnevalsshow“ der Gesellschaft Möbelwagen in der Turn- und Versammlungshalle Degerloch. Eingeladen war zur „etwas anderen Prunksitzung“ – und tatsächlich war diesmal grundlegend etwas anders. Zwar zogen die Beteiligten ein Programm professionell durch, das beim Publikum bestens ankam. Auf der Bühne also Glanz und gute Laune, hinter den Kulissen aber tobte ein heftiger Knatsch.
Doch nach der Sitzung eskaliert die Situation. Ein Wort gibt das andere. Die Faschingsprinzessin Sarah-Ann, eine vom Volksfest bekannte Schlagersängerin, fühlt sich nach eigenen Angaben schon seit längerem gemobbt. Man habe sie angelogen, nicht wertgeschätzt und immer wieder betont, das frühere Prinzenpaar habe „alles viel besser gemacht“.
Wenige Tag vor dem Ende der fünften Jahreszeit ist Schluss
Gemeinsam mit Faschingsprinz Nicola bittet sie die Verantwortlichen nach der Show in die Garderobe. Beide haben ihr Ornat bereits abgelegt und wieder zivile Kleidung angezogen. Was sie zu sagen haben, führt zum Eklat: Für das Prinzenpaar sei die Kampagne hiermit beendet – wenige Tage vor dem Ende der fünften Jahreszeit. Man könne nicht länger gute Miene zum bösen Spiel machen – dies sei viel zu lange geschehen.
„Vom Musikbusiness bin ich einiges gewohnt, was Intrigen, Neid und Missgunst angeht“, sagt Sarah-Ann am Sonntag unserer Redaktion. „Aber der Fasching in Stuttgart toppt das alles noch.“ Sie sei enttäuscht und wütend, weil sie „so viel verloren“ habe – etliche bezahlte Auftritte („der Ausfall liegt bei 5000 Euro“) habe sie abgesagt, „nur weil ich die Kampagne mitgemacht habe“. Für ihren Einsatz als Faschingsprinzessin habe sie nicht einen Cent bekommen, sondern das Kostüm ihren Tochter, der Kinderprinzessin, auch noch selbst bezahlt.
Klingenberg: „Zwischenmenschliche Differenzen nicht ausgeräumt“
Thomas Klingenberg, Präsident der Möbelwagen, weist die Kritik zurück und schildert das Zerwürfnis aus seiner Sicht: „In den vergangenen Wochen sind zwischenmenschliche Differenzen entstanden, die trotz intensiver Gespräche nicht ausgeräumt werden konnten.“ Zudem sei es zu öffentlichen Äußerungen gekommen, in denen Mitglieder des Vereins vorgeworfen wurde, sie sagten die Unwahrheit. Diese Vorwürfe hätten das notwendige Vertrauensverhältnis nachhaltig beeinträchtigt.
„Vor diesem Hintergrund wurde die Zusammenarbeit beendet“, erklärt Klingenberg, der gleichzeitig Sarah Ann dafür lobt, dass sie sehr gut gesungen habe. Mit ihrem Können habe die Trennung also nichts zu tun, sondern allein mit zwischenmenschlichen Problemen.
Der FDP-Landtagsabgeordnete Friedrich Haag, einer der Besucher der Karnevalsshow in Degerloch, sagt, er habe von einem Zerwürfnis hinter den Kulissen absolut nichts gemerkt. Das Programm sei stark gewesen.
Ex-Mitglieder der Zigeunerinsel trotzen beim Umzug mit 40-Tonner
Beim großen Faschingsumzug am Dienstag durch Stuttgart wird nicht nur das Stadtprinzenpaar fehlen. Die Zerstrittenheit in den beiden großen Karnevalsgesellschaften wird mit dem Wagen 56 zusätzlich sichtbar. Zwei frühere Aktive der Zigeunerinsel haben dem Verein den Rücken gekehrt – und präsentieren nun demonstrativ ihr eigenes Projekt. Statt sich leise zurückzuziehen, setzen sie auf maximale Aufmerksamkeit: Ein gemieteter 40-Tonner rollt durch die Innenstadt. Nicht kleckern, sondern klotzen lautet die Devise. Verteilt werden keine Kamelle, sondern Stoffkamele – außerdem Äpfel, Maultaschen und Klappstühle, damit es sich Zuschauer am Straßenrand bequem machen können.
Der Degerlocher Bauunternehmer Florian Gauder erklärt seinen Austritt bei der Zigeunerinsel so: „Was da abgeht, ist Kindergarten – damit will ich nichts mehr zutun haben.“ Also präsentiert er auf dem Truck nun seine Band mit ihrem Supermann-Song.
Zu den Vorwürfen will sich der Präsident der Zigeunerinsel, Thomas Haas, nicht äußern: „Das sind interne Angelegenheiten.“ Es sei falsch, dass der Verein zerstritten sei. Dass Ehrenpräsident Werner Find, genannt „Sloggi“, kürzlich bei der Prunksitzung demonstrativ vor der Tür der Alten Reithalle saß, weil er nicht eingeladen war, ist noch immer ein Gesprächsthema.
Fasching soll lustig sein? „Das ist eine der ernstesten Angelegenheiten, die es gibt“, sagt Möbelwagen-Chef Klingenberg. Wer dieser Tage hinter die Kulissen der Stuttgarter Karnevalsszene blickt, bekommt einen Eindruck davon, was er meint. Die Saison 2026 ist geprägt von Austritten, Vorwürfen und verletzten Eitelkeiten.
Ehrensenator Wenger verlässt Möbler mit lautem Knall
Bei den Möblern ist der bisherige Ehrensenator Marc Wenger unter lautem Knall ausgetreten. Vor einem Jahr hatte er noch gemeinsam mit Klingenberg die Prunksitzung moderiert. Nun stand der Präsident am vergangenen Samstag allein auf der Bühne.
„Ich habe keine Lust mehr auf Befindlichkeiten und Intrigen“, sagt Wenger und übt heftige Kritik: „Es ist schade um den Stuttgarter Karneval. Schade um Brauchtum und Tradition. Es ist so schlimm, wenn Narzissmus, Eitelkeiten, Empfindlichkeiten und Einzelkämpfer eine Tradition zerstören.“
Der ausgeschiedene Ehrensenator wirft dem Präsidenten vor, „alleiniger König“ sein zu wollen. Klingenberg kontert: Der Austritt sei in persönlichen Differenzen begründet. Wenger, der seinen Unmut über Facebook öffentlich gemacht hat, sei verärgert, weil er diesmal nicht moderieren durfte. Doch der Elferrrat habe sich gegen ihn am Mikro auf der Bühne ausgesprochen.
Marc Wenger hält dagegen: Ohne ehrenamtliches Engagement werde sich der Karneval in zehn Jahren erledigt haben. Künftig wolle er die Tanzkinder der Rot-Weißen Garde in Gerlingen unterstützen. Auch Sponsoren würden sich zurückziehen.
„Es menschelt halt beim Karneval wie überall“
Intrigen, üble Nachrede, Beschimpfungen in der fünften Jahreszeit. Muss nun Anita Rösslein, Präsidentin des Festkomitees Stuttgarter Karneval, eingreifen? Ein Machtwort werde sie nicht sprechen, sagt sie. „Es menschelt beim Fasching halt wie überall.“ Streit gebe es in jeder Familie einmal. Wichtig sei es, „sich wieder zusammenzuraufen“.
Harte Konflikte hinter Stuttgarter Karnevals-Glanz
Ob das gelingt, ist offen. Der Stuttgarter Karneval ist in dieser Saison jedenfalls weit mehr als nur närrisches Treiben. Die fünfte Jahreszeit in Stuttgart zeigt 2026, dass hinter Glanz und guter Laune Konflikte lauern. Ob der Karneval weiterhin genügend Ehrenamtliche findet, die bereit sind, monatelange Arbeit für wenige Wochen Heiterkeit zu investieren? Die Zerwürfnisse und gegenseitigen Beschimpfungen sollen nach der Kampagne aufgearbeitet werden. Dann wird man sehen, ob Tradition und Brauchtum stärker sind als Eitelkeiten und zwischenmenschliche Konflikte.
Hinweis der Redaktion: „Die Bezeichnungen Zigeuner, Zigeunerin sind diskriminierend“, heißt es im Duden und auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Die gesamte Volksgruppe wird demnach als Sinti und Roma bezeichnet. Beide Institutionen empfehlen zur Vermeidung der Reproduktion diskriminierender Begriffe, die dazu beitragen können, Vorurteile zu verstärken, die Verwendung von diskriminierungssensibler Sprache. Der Stuttgarter Verein „Zigeunerinsel“ verzichtet nach eigener Aussage darauf, sich umzubenennen, weil sie sich 1910 nach den gleichnamigen Siedlungen für ausgegrenzte Menschen benannt haben, um gegen deren Diskriminierung einzutreten.