Bei der Zigeunerinsel rumort es hinter den Kulissen. Rechts oben: Präsident Thomas Haas, darunter Ehrenpräsident Werner „Sloggi“ Find. Foto: LICHTGUT/Kovalenko

Glanz in der Alten Reithalle – doch der Ehrenpräsident sitzt verärgert vor der Tür: Die Prunksitzung der Zigeunerinsel sorgt für Nachhall. Und die Namensdebatte schwelt weiter.

Aus Sicht vieler Gäste war die Prunksitzung der Karnevalsgesellschaft Die Zigeunerinsel in der Alten Reithalle des Hotels Maritim ein großer Erfolg. „Besonders schön“, „stimmungsvoll“ und „sehr unterhaltsam“ – so lauteten die Urteile über das Programm, das nach Meinung der Anwesenden bewiesen hat, warum die traditionsreiche Gesellschaft seit Jahrzehnten einen festen Platz im Stuttgarter Fasching hat.

Doch während im Festsaal unter den Kronleuchtern gelacht und gefeiert wurde, sorgte abseits davon ein Vorgang für erheblichen Gesprächsstoff – und für Ärger. Manche sprechen gar von einem Eklat.

Der Ehrenpräsident sitzt draußen

Es geht um Werner „Sloggi“ Find, Ehrenpräsident der Zigeunerinsel und von 1990 bis 2010 deren aktiver Präsident. Während drinnen die Prunksitzung lief, saß der frühere Boa-Chef und VfB-Sprecher, eine Clublegende, in der Hotelbar des Maritim – im Rollkragenpullover, ohne Vereinsuniform und ohne das traditionelle Käppi. Zahlreiche Gäste, die auf dem Weg in die Alte Reithalle an ihm vorbeikamen, erkannten den langjährigen Funktionär und fragten irritiert, warum er nicht bei der Veranstaltung sei.

„Man hat mich nicht eingeladen“, lautete seine Antwort. Eine Bemerkung, die bei vielen Unverständnis auslöste. „Kann das sein? Geht man so mit einem verdienstvollen Mitglied um?“, fragten etliche.

Präsident weist Vorwürfe zurück – Was der Ehrenpräsident darauf erwidert

Thomas Haas, seit 2016 Präsident der Zigeunerinsel, weist den Vorwurf zurück, seinen Vorvorgänger übergangen zu haben. Ehrenpräsidenten seien grundsätzlich immer eingeladen – auch ohne förmliche Einladung. Allerdings, so Haas, hätte auch Find die Getränkepauschale in Höhe von 40 Euro zahlen müssen. War das der Grund, warum sich dieser nicht angemeldet hat?

Nein, erwidert Werner „Sloggi“ Find, er habe gar nicht gewusst, dass er sich anmelden müsse. „Alle Jahre davor habe ich eine schriftliche Einladung bekommen“, sagt er. Anscheinend habe sich das geändert, aber darüber sei er nicht informiert worden. Und Find weiter: „Der Herr Präsident hat die ganzen Jahre nie mit mir kommuniziert! Daher bin ich davon ausgegangen, dass dies auch weiterhin so bleibt. Leider ist er beratungsresistent und hat meine schriftlichen Anregungen, die ich über die Jahre mal geschrieben habe, weder beantwortet noch irgendwie reagiert.“

Gegen Find persönlich habe er nichts, erklärt wiederum Haas: Im Gegenteil: Er habe ihn sogar für Auszeichnungen im Verband vorgeschlagen. Der Eintritt zur Prunksitzung habe 45 Euro gekostet. „Eine so große Veranstaltung in der Alten Reithalle kostet immer viel Geld“, betont der Präsident. „Da legt man als Verein drauf.“ An einen Umzug in einer kostengünstigere Turnhalle – so wie dies der Möbelwagen macht – denkt er nicht. „Unser Verein war schon immer etwas Besonderes“, sagt Haas, „unsere Mitglieder wünschen, dass die so bleibt.“

Haas berichtet zudem, er habe einzig Oberbürgermeister Frank Nopper eingeladen, da er seit Jahren mit ihm befreundet sei. Der Rathauschef habe jedoch, auf die Einhaltung von Compliance-Regeln bedacht, darauf bestanden, Essen und Getränke selbst zu bezahlen.

„Früher war nicht alles besser“

Früher, erinnert Thomas Haas, habe die Karnevalsgesellschaft die Liederhalle für ihre wichtigste Veranstaltung angemietet. Und ganz früher seien Prunksitzungen sogar im Fernsehen übertragen worden – mit Stars wie Heino oder Caterina Valente. „Aber früher war auch nicht alles besser“, sagt der Präsident. Damals habe man mit weißen Handschuhen moderiert, und Frauen hätten im Karneval kaum eine Rolle gespielt.

Die Karnevalsgesellschaft Zigeunerinsel hat eine lange Tradition. Hier ein Foto aus den Anfangsjahren. Foto: Archiv der Zigeunerinsel

Unruhe hinter den Kulissen

Der Vorfall um den Ehrenpräsidenten fällt in eine Phase, in der es hinter den Kulissen der 1910 gegründeten Karnevalsgesellschaft ohnehin rumort. Vor einem Jahr war der junge Vizepräsident Jens Bauer nach einem Streit zurückgetreten und hält sich seitdem dem Verein fern. Und auch die Diskussion um den Vereinsnamen ebbt nicht ab.

„Die Bezeichnungen Zigeuner, Zigeunerin sind diskriminierend“, heißt es im Duden sowie bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Die betroffene Volksgruppe werde als Sinti und Roma bezeichnet. Beide Institutionen empfehlen eine diskriminierungssensible Sprache, um Vorurteile nicht weiter zu reproduzieren.

Die Stuttgarter Karnevalsgesellschaft verzichtet dennoch nach eigener Darstellung auf eine Umbenennung. Der Name „Zigeunerinsel“ gehe auf gleichnamige Siedlungen für ausgegrenzte Menschen zurück. Man habe sich 1910 bewusst so benannt, um gegen deren Diskriminierung einzutreten.

Sponsoren ziehen sich zurück

Die Debatte hat inzwischen auch finanzielle Folgen. Wie aus Vereinskreisen zu hören ist, sind Sponsoren abgesprungen, weil sie keinen Verein unterstützen möchten, dessen Name als diskriminierend verstanden werden könnte. Präsident Haas spricht von einem Zwiespalt. Bei einer Namensänderung, so hätten viele Mitglieder angekündigt, würden sie den Verein verlassen.

Sollte es einen entsprechenden Antrag geben, werde man ihn zur Abstimmung stellen. Bisher habe jedoch niemand einen solchen Antrag eingebracht.

„Viele sagen: Wenn wir den Namen ändern, geben wir unsere Tradition auf“, berichtet Haas. Er ärgert sich darüber, dass sich seiner Ansicht nach immer mehr Menschen dem Zeitgeist unterordnen wollten. „Alles muss ‚woke‘ sein“, sagt er. Früher habe sich niemand über den Namen aufgeregt, das habe erst vor etwa zehn Jahren begonnen. Zugleich verweist Haas auf das Engagement der Zigeunerinsel für die Stadt Stuttgart.

Ein schaler Nachgeschmack

So bleibt nach einer glanzvollen Prunksitzung ein schaler Nachgeschmack: Während das Publikum den Abend genoss, traten die inneren Konflikte des Vereins um Respekt, Tradition und Wandel deutlicher denn je zutage.

Hinweis der Redaktion:  „Die Bezeichnungen Zigeuner, Zigeunerin sind diskriminierend“, heißt es im Duden und auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Die gesamte Volksgruppe wird demnach als Sinti und Roma bezeichnet. Beide Institutionen empfehlen zur Vermeidung der Reproduktion diskriminierender Begriffe, die dazu beitragen können, Vorurteile zu verstärken, die Verwendung von diskriminierungssensibler Sprache. Der Stuttgarter Verein „Zigeunerinsel“ verzichtet nach eigener Aussage darauf, sich umzubenennen, weil sie sich 1910 nach den gleichnamigen Siedlungen für ausgegrenzte Menschen benannt haben, um gegen deren Diskriminierung einzutreten.