Am 3. Dezember ist der Tag der Menschen mit Behinderungen: Wir besuchen die Karl-Schubert-Gemeinschaft in Bonlanden. Wie bereitet sich die Weberei aufs Weihnachtsgeschäft vor?
Michael Kamleiter bewegt das Webschiffchen derart schnell hin und her, dass man ganz genau aufpassen muss, um überhaupt zu erfassen, was er tut. Dazu tanzen seine Füße auf den Hebeln unterm Tisch, die die einzelnen Rahmen des Webstuhls in Bewegung setzen. So wächst, Faden um Faden, ein farbenfroh kariertes Tuch, aus dem später mal einzelne Geschirrtücher werden sollen. Michael Kamleiter ist 70 Jahre alt. Eigentlich ist er längst im Rentenalter. Doch was soll er den ganzen Tag daheim machen?
Seine Ehefrau ist noch berufstätig und ein Schlaganfall hat Michael Kamleiter die Fähigkeit zu lesen genommen. Dann tut er lieber in der Weberei der Karl-Schubert-Gemeinschaft (KSG) in Bonlanden etwas Sinnvolles: arbeiten. Dass er seinen rechten Arm nicht richtig nutzen kann, ist beim Weben egal. Spaß macht ihm der kreative Job allemal, „und das Essen ist sehr gut“, sagt er lachend. Michael Kamleiter greift links neben den Webstuhl, holt einen Stapel Fotos hervor. Die Bilder zeigen verschiedene Muster; Ideen für hübsche neue Tuch-Designs.
Die Weberei in Filderstadt gibt es seit 50 Jahren
Die Weberei der KSG feiert heuer ihr 50-Jahr-Jubiläum. Hier entstehen nicht nur Geschirrtücher, sondern auch Schals, Tischdecken, Sitzkissen, Wolldecken oder Teppiche. 20 Menschen mit Handicaps arbeiten hierfür an 25 großen und kleinen Webstühlen, je nach Fähigkeit. „Oberstes Ziel ist es immer, eine adäquate Beschäftigung für die Menschen anzubieten und diese zu fördern“, sagt Daniela Rohrbacher aus der Werkstattleitung. Ja, mitunter dauere das. In der Weberei nehme das Herstellen von zwei Meter langen Seidenschals gut zwei Wochen in Anspruch. Teppiche nach Maß und in der Lieblingsfarbe dauerten noch länger. „Wenn ich ein Einzelstück möchte, muss ich das einplanen“, sagt Christina Rathke aus der Leitung der Weberei. Und vielleicht auch ein paar Euro mehr bezahlen als bei Ware von der Stange. „Das ist immer wieder diskussionswürdig“, sagt sie.
Advent ist die wichtigste Zeit für die Weberei in Filderstadt
In der Weberei und in den anderen Werkstätten der KSG herrscht derzeit Hochbetrieb. Der Advent ist die wichtigste Zeit im Jahr. Der Endverbrauchershop, also der öffentlich zugängliche Einkaufsladen im großen Gebäude an der Kurzen Straße in Bonlanden, ist mit Kerzen, Nudeln, Spielen, Keksen, Taschen, Wärmekissen und verschiedenen anderen Waren reich gefüllt, der Onlineshop wartet auf Klicks. Die KSG will vom Weihnachtsgeschäft profitieren. „Für die Weberei ist der Direktverkauf wichtig“, erklärt Christina Rathke. Auch wenn das Ziel der Werkstätten nicht die Gewinnmaximierung sei, seien sie doch drauf angewiesen, etwas zu erwirtschaften.
Seltengewordenes Handwerk in Bonlanden
Der KSG sei eine ausgewogene Mischung aus Eigenprodukten und dem Anbieten von externen Dienstleistungen wichtig. Letzteres ist beispielsweise zu sehen in der Filderstädter Musikschule Filum, wo Menschen mit Behinderungen die Hausreinigung übernehmen und das Café betreiben. Die Weberei nimmt in dem Gefüge einen speziellen Platz ein. „Weil das Handwerk so besonders ist. Das sieht man nirgends“, sagt Christina Rathke. Vor allem der Drei-Meter-Webstuhl, an dem Luka Alber und Ralf Bihler an diesem Tag einen großen feuerroten Teppich herstellen, ist imposant. Die Männer sind ein eingespieltes Team. Was ihnen am meisten Spaß macht? Wenn die Lade richtig runterknallt und es einen tierisch lauten Schlag gibt. Und „wenn der Teppich wächst“.
Zeiten werden auch für KSG in Bonlanden schwieriger
Die Zeiten für die KSG sind herausfordernder geworden. Das Geld sitzt sowohl bei Unternehmen als auch bei Privatleuten weniger locker. „Die Spendenbereitschaft geht zurück“, sagt Daniela Rohrbacher, stark zurückgegangen ist laut Christina Rathke zudem der Bereich Dienstleistungen für Firmen. „Das ist zum Teil ein Problem, weil die Menschen hier dann keine Arbeit haben.“ Aber nicht nur deswegen ist das Team ständig bestrebt, auf sich aufmerksam zu machen.
Trotz der Tatsache, dass es die KSG in Filderstadt mehr als 50 Jahre gibt, wüssten viele Menschen nicht, was hier eigentlich gemacht werde. „Es ist unglaublich. Auch die Leute, die hier in Bonlanden wohnen, wissen es nicht“, sagt Christina Rathke. Dabei möchte die KSG explizit ein offenes Haus sein und so Berührungsängste abbauen. Daniela Rohrbacher sagt: „Einfach mal reinkommen und in der Bäckerei eine Brezel holen, das geht.“
Die Karl-Schubert-Gemeinschaft
Aufbau
Die Karl-Schubert-Gemeinschaft mit Hauptsitz in Bonlanden ist eine als Verein organisierte Einrichtung, die sich der Hilfe für Menschen mit Behinderungen in der Lebens- und Arbeitsführung verschrieben hat. Gearbeitet wird nach anthroposophischem Weltbild. Sie wurde 1973 gegründet und umfasst die Bereiche Arbeit, Wohnen und Bildung. In mehr als einem Dutzend Werkstätten und Abteilungen, von der Bäckerei über die Schreinerei bis zur Metallwerkstatt, sind etwa 280 Menschen mit Behinderungen beschäftigt. Viele von ihnen leben in den KSG-Wohngemeinschaften.
Besonderer Tag
Der 3. Dezember ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderungen. Er wurde 1992 von den Vereinten Nationen ausgerufen und soll das Bewusstsein für ihre Belange schärfen und den Einsatz für ihre Würde und Rechte fördern. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung lebt nahezu jeder zehnte Mensch in Deutschland mit einer schweren Behinderung.