Wolfgang Haug paddelt bereits seit 65 Jahren und war mit Kajak oder Kanadier schon auf vielen Bächen, Flüssen, Seen und Meeren unterwegs. Sein nasses Stammrevier aber ist der Neckar – sein „Heimathafen“ das direkt am Wasser gelegene Bootshaus der SV Esslingen 1845 .
Ob Kajak oder Kanadier: Hauptsache Kanu. So einfach sich diese Formel auch anhören mag. Auf Wolfgang Haug lässt sie sich anwenden. Zumindest ist es anders nur schwer zu erklären, wie es jemand schafft – in Fahrtenbüchern ordentlich dokumentiert – mehr als 100 000 Kilometer in seinem Leben zu paddeln. Diese Marke hat der 77-jährige Oberesslinger vor einigen Wochen geknackt. So genau vermag Haug das gar nicht zu sagen, weil er nicht darauf geachtet hat.
Das passt zu ihm. Nicht weil er nachlässig wäre, aber weil er sich selbst und seine Leistung nicht in den Vordergrund stellt. Sein Sport und sein Verein sind für Haug viel wichtiger, weshalb er es auch für sich behält, dass ein Bootsschuppen auf dem Mettinger Gelände der Kanuabteilung der SV 1845 Esslingen seinen Namen trägt. Er spricht viel lieber über die Entwicklung des Paddelns in seiner Heimatstadt als über seine eigenen sportlichen Taten, die ihn ebenso in den Grand Canyon geführt haben wie ins sibirische Wildwasser. Eigentlich so gut wie überall hin, wo man sich mit einem Kanu sportlich bewegen und vergnügen kann.
Am Anfang war ein Holzboot
Sein erstes (Holz-)Boot hat Wolfgang Haug, als er elf Jahre alt war, von seinem Vater bekommen. Schnell schaute er sich nach einem Verein um. Die Wahl fiel – nach seinem eigenen Bekunden „eher zufällig“ – auf den ETSV und damit auf einen der Vorgängervereine der SV 1845 und nicht auf die Kanu-Vereinigung Esslingen (KVE). Eine ernsthafte Konkurrenz oder gar ein Problem gibt es laut Haug zwischen den beiden Klubs aber ohnehin nicht. „Wir haben ein gutes Miteinander und ein freundschaftliches Verhältnis“, findet er und erinnert sich: „Die KVEler haben uns früher sogar immer wieder mal zu Wettbewerben mitgenommen und man hilft sich schon auch mal anderweitig aus.“
Seinem eigenen Verein hat er sich dennoch rasch mit Haut und Haaren verschrieben: ein Stück weit auch gezwungenermaßen. Mitte der 1960er-Jahre sei irgendwie nicht mehr viel gegangen. „Die Abteilung war praktisch tot und als 1976 unser altes Bootshaus auf den Sirnauer Wiesen abgebrannt ist, drohte das Aus“, erinnert er sich. Doch dann kam alles, wie häufig nach derartigen Einschnitten, völlig anders. Bei Mettingen wurde ein anderes geeignetes Grundstück gefunden – und schon nach gut anderthalb Jahren dessen Einweihung gefeiert. Gleichzeitig galt es, den Sportbetrieb und das Vereinsleben wieder aufzubauen.
Gegen den Uhrzeigersinn, zwischen den Schleusen
Immer mittendrin: Wolfgang Haug. Als Wettkämpfer, Trainer und Verbandslehrwart, aber auch als Verantwortlicher für zahllose Projekte bei der SV 1845, zudem ein Vierteljahrhundert lang als Kanuabteilungsleiter sowie für 15 Jahre als Vize des Gesamtvereins. Und mittendrin ist er immer noch, zumindest in sportlicher Hinsicht. Irgendwo müssen die 100 000 gepaddelten Kilometer ja herkommen. Zu allen Jahreszeiten ist der Kanu-Veteran vier- bis fünfmal in der Woche für mindestens drei Stunden auf dem Neckar unterwegs, in der Regel in seinem 31 Jahre alten Boot. Haug fährt Runden, stets gegen den Uhrzeigersinn, zwischen den beiden Schleusen. Vom Vereinsgelände sind es „barrierefreie“ 2,6 Kilometer in Richtung Esslingen und deren 1,7 in Richtung Stuttgart.
Langweilig wird ihm dabei nicht: „Das ist so ziemlich das grünste Ufer, das ich am Neckar kenne, mit vielen Tieren, unter anderem Eisvögeln“, erklärt er. Außerdem sei in den vergangenen beiden Jahren coronabedingt auch nicht viel anderes möglich gewesen, fügt Haug hinzu. „Unsere Gemeinschaftsfahrten im Verein sind praktisch alle ausgefallen.“ Dies galt ebenso für seine sonstigen Aktivitäten. Das spektakuläre Wildwasser- hat er mit dem Tourenfahren getauscht.
Wolfgang Haug: Kanufahren kann man in jedem Alter
„Das geht in meinem Alter immer noch ganz gut, und in diesem Jahr will ich es auf dem Bodensee und beim Wesermarathon auch wieder anpacken“, ergänzt der 77-Jährige. Wer nun aber denkt, dass es sich dabei um seniorengerechte und gemütliche Freizeittouren handelt, sieht sich getäuscht. Beim Wesermarathon etwa sind mit dem Boot satte 135 Kilometer in maximal zwölf Stunden zu absolvieren.
Dennoch sei das Kanufahren für jeden und jede ein geeignetes Hobby, rührt Wolfgang Haug die Werbetrommel für seinen Sport. „Es ist leider viel zu wenig bekannt, dass man von der frühesten Kindheit bis ins hohe Alter problemlos paddeln kann. Vom reinen Familienvergnügen bis zum ambitionierten Hochleistungssport ist da alles möglich.“ – Hauptsache Kanu eben.
Die pflegebedürftige Ehefrau sitzt nach wie vor mit im Boot
Person
Der passionierte Kanufahrer Wolfgang Haug ist im Alter von 77 Jahren sportlich immer noch aktiv. Zudem kümmert er sich um seine schwerstpflegebedürftige Ehefrau. Auf Tourenfahrten, wie etwa der Vogalonga in Venedig, ist sie in einem Spezialsitz nach wie vor mit dabei. „Ohne meine Hannelore im Hintergrund wäre es mit meinem Sport nie gegangen – und geht es auch heute nicht“, sagt er.
Verein
Bei der SV 1845 Esslingen treiben insgesamt 1400 Menschen Sport. Rund 150 Mitglieder zählt die Kanuabteilung. Um die 250 Boote, in allen Formen und Größen, nennt der Verein sein Eigen. Die Kanuvereinigung Esslingen, mit der ein gutes Verhältnis besteht, ist doppelt so groß.