Früher war Erika Seebacher sehr sportlich, heute ist sie auf Rollstuhl und Treppenlift angewiesen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Erika Seebacher hat sich mit dem Vakzin Astrazeneca gegen Covid immunisieren lassen. Sie leidet seither schwer unter den Folgen der Corona-Impfung. Die 63-Jährige, heute auf fremde Hilfe angewiesen, kämpft um Anerkennung und Wiedergutmachung.

Erika Seebacher war immer ausgesprochen leistungsfähig. Im Beruf war die Logopädin sehr engagiert, in ihrer Freizeit hat sie viel Sport gemacht. „Dreimal in der Woche war ich im Fitnessstudio“, erzählt die 63-Jährige. Heute kann sie kaum mehr aus dem Bett aufstehen und nur wenige Schritte gehen. Und selbst das schafft sie häufig nicht. Dann muss sie von ihrem Mann geführt werden. In ihrem Haus in Bad Cannstatt stehen auf beiden Stockwerken Rollatoren, an den Wänden sind Haltegriffe angebracht. Im Eingangsbereich ist ein Elektrorollstuhl geparkt, das Paar hat einen Treppenlift einbauen lassen. An Arbeit ist nicht mehr zu denken. Oder mal wieder ausgehen wie früher? Völlig unmöglich.

Wann ihr altes Leben zu Ende war und die bleierne Zeit begann, lässt sich genau datieren: 29. Mai 2021, ein Samstag. Plötzlich konnte Erika Seebacher nicht mehr gehen. Ihr linker Fuß war angeschwollen, die Schmerzen unerträglich. Die folgenden Wochen breitete sich das Leiden auf den ganzen Körper aus, zuerst auf den anderen Fuß, dann auf Beine, Arme, den Rumpf, aufs Gesicht. Nach kurzer Zeit war sie ein Pflegefall.

Nach der zweiten Impfung wurde es ganz schlimm

Erstmals aufgetreten waren die Krankheitssymptome elf Tage nach der zweiten Corona-Impfung mit dem Vakzin Astrazeneca. Schon die erste Impfung acht Wochen zuvor zeitigte Nebenwirkungen. Die Logopädin, die sich schon aus beruflichen Gründen immunisieren lassen musste, litt danach an Schwindel und einem „inneren Vibrieren“, sie konnte nicht mehr schlafen und hatte plötzlich rote Punkte am Körper.

Als die Nebenwirkungen nach einiger Zeit nachließen, holte sich Erika Seebacher einen Termin für den zweiten Piks. „Ich war ja pro Impfung eingestellt“, erklärt sie noch heute ohne Einschränkung. Sie sitzt am Wohnzimmertisch, vor sich fünf dicke gelbe Ordner, in denen sie die Dokumente ihrer Leidensgeschichte akribisch in Klarsichthüllen abgeheftet hat. Selbst das Reden strengt sie an. Das Gespräch findet in zwei Etappen statt, zwischendurch muss Erika Seebacher sich hinlegen und wieder Kraft schöpfen.

Wer hilft den Betroffenen?

Ein Großteil der Energie, die ihr geblieben ist, bringt sie seit drei Jahren dafür auf, eine wirksame Behandlung ihrer Krankheit zu bekommen – und dass diese als Impfschaden anerkannt wird. „Ich kann nicht mehr die ganze Zeit im Bett liegen und jahrelang warten – es muss sich etwas ändern“, sagt Erika Seebacher. „Ich will Gerechtigkeit.“

Wer glaubt, man fände mit einer schweren Erkrankung wie dieser heute im deutschen Gesundheitssystem selbstverständlich Hilfe, täuscht sich. Wenn die Diagnose Post-Vac-Syndrom – also Erkrankung durch Covid-Impfung – lautet oder lauten könnte, treffen Patienten bei Ärzten häufig auf Distanz oder Ablehnung. Nicht einmal Long-Covid-Ambulanzen stehen ihnen offen trotz mancher Ähnlichkeit der Symptomatik. Bei ihrer Krankenkasse musste Erika Seebacher sogar einmal um Schmerzmedikamente kämpfen, ohne die sie die schweren Muskelentzündungen und Nervenschäden unter anderem auch an der Wirbelsäule und im Gehirn gar nicht aushalten könnte.

Die Logopädin gibt aber nicht auf. Auch dank der unbedingten Unterstützung ihres Mannes hat sie doch Ärzte gefunden, die sie vorurteilslos untersuchen und behandeln. Dabei hatte auch sie selbst zunächst einen Impfschaden als Ursache für die Erkrankung nicht einmal in Erwägung gezogen. „Am Anfang habe ich gedacht, es käme vom Sport und habe Orthopäden und Fußspezialisten aufgesucht“, erzählt sie. Weil sich so wenige Mediziner ihres Leidens annehmen, sucht sie Hilfe auch weit über die hiesige Region hinaus. Ihr Mann fährt sie durch die halbe Republik, seine unter Schmerzen leidende Frau auf Kissen gebettet auf dem Rücksitz. Vieles muss das Paar selbst bezahlen, nicht nur den Treppenlift, Arztbesuche, Medikamente, Laboruntersuchungen. Mehr als 50 000 Euro haben sie bisher ausgegeben.

Ihre Krankengeschichte hat Erika Seebacher akribisch geordnet in Klarsichthüllen. Die füllen bereits fünf dicke Ordner. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Etwa 60 Ärzte hat Erika Seebacher aufgesucht. Orthopädische, neurologische und sogar genetische Ursachen der Erkrankung wurden ausgeschlossen. Rund 20 stationäre Krankenhausaufenthalte hat sie hinter sich, vor allem in den Unikliniken Bochum, Marburg und Tübingen. Man findet in Muskeln und Nervenzellen bei ihr die Spike-Proteine, für die der Impfstoff einen Bauplan enthält, die dort aber längst nicht mehr sein sollten und Probleme machen. Richtig erklären kann man das Phänomen bis heute nicht.

Langsam schält sich bei den Untersuchungen eine Diagnose heraus: „Neuromuskulärer Symptomkomplex mit hypertropher Neuropathie nach SARS-CoV2-Vakzination“, „Chronic Fatigue Syndrom nach Covid-Impfung“, „ME/CSF und hypertrophe Neuropathie im Rahmen eines Post-Vac-Syndroms“ stellt die Neurologische Klinik des Uniklinikums Tübingen fest. Eine niedergelassene Stuttgarter Neurologin bestätigt Erika Seebacher „eine hohe Wahrscheinlichkeit“ für den kausalen Zusammenhang mit der SARS-CoV2-Vakzination. Ein Pathologielabor schreibt: „Die Spike-Positivität in der Biopsie aus den Nerven spricht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für einen Zusammenhang der klinischen Beschwerden mit den Corona-Impfungen.“

Das Versorgungsamt stellt sich quer

Die Berufsgenossenschaft überzeugt das nicht. Sie erkennt zwar an, dass die Impfung aus betrieblichen Gründen vorgenommen wurde und deren Folgen als Arbeitsunfall gelten können, wartet aber den Bescheid des zuständigen Versorgungsamts Böblingen ab. Das entscheidet über die Versorgungsansprüche bei Impfschäden nach dem Infektionsschutzgesetz. Zwar wurde der Logopädin aufgrund ihrer Erkrankung zuvor Pflegegrad drei zugesprochen, sie ist als 80 Prozent schwerbehindert anerkannt. Die Entscheidung des Böblinger Landratsamts aber fällt vor wenigen Wochen dennoch negativ aus.

„Zur Anerkennung einer Gesundheitsstörung als Folge einer Impfung genügt die Wahrscheinlichkeit des ursächlichen Zusammenhangs. Wenn diese Wahrscheinlichkeit nur deshalb nicht gegeben ist, weil über die Ursache des festgestellten Leidens in der medizinischen Wissenschaft Ungewissheit besteht, kann nach § 61IfSG Versorgung in gleicher Weise wie für einen Impfschaden gewährt werden“, heißt es in dem Bescheid. Was sich liest wie der Anlauf zur Anerkennung des Impfschadens von Erika Seebacher, erweist sich als das Gegenteil. Zwei Absätze weiter listet das Versorgungsamt eine Reihe gesundheitlicher Beschwerden auf, vor allem Schmerzen an Körpergelenken, „insbesondere am linken Fuß“, die bei der Antragstellerin im Jahr 2010 aufgetreten seien. Die damals vorübergehenden Symptome hatte sie bei einem Arztbesuch angegeben. Zuletzt lautet der Bescheid: Die geforderte Wahrscheinlichkeit eines Impfschadens lasse sich „in Ihrem Fall nicht feststellen“.

Rund 12 000 Menschen machen Impfschaden geltend

Das Ergebnis trifft Erika Seebacher, überrascht hat es sie nicht. Sie kennt viele Betroffene in den Selbsthilfegruppen in Tübingen und Stuttgart. „Die wurden alle abgelehnt“, sagt sie. Bis Anfang dieses Jahres haben nach einer Recherche der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ rund 12 000 Menschen in Deutschland einen Impfschaden geltend gemacht. Weniger als 500 wurden bisher anerkannt.

Dafür ist ein wissenschaftlich belegter Ursachennachweis erforderlich. Nur: Wie soll man diesen erbringen? Ende Februar antwortete die Bundesregierung auf eine Große Anfrage der Unionsfraktion im Bundestag, man habe „derzeit keine dezidierten Forschungsprogramme oder Förderaktivitäten zum Thema Post-Vac-Syndrom aufgelegt und fördert derzeit auch keine Forschungsprojekte in diesem Bereich“. Ohne gezielte Forschung aber ist ein wissenschaftlicher Nachweis für Betroffene kaum möglich.

Die wenige Energie, die Erika Seebacher noch bleibt, verwendet sie für ihren Kampf um Anerkennung. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Anna Brock hält den derzeitigen Umgang mit Menschen, die einen Corona-Impfschaden erlitten haben, für „absolut unbefriedigend“. Die Internistin aus Filderstadt, die inzwischen in einem Covid-Projekt an der Berliner Charité arbeitet, bei dem schwerst kranke Post-Covid-Betroffene erstmals besucht und behandelt werden, weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie spricht. Zu Beginn der Pandemie, noch als Ärztin in der Region, infizierte sie sich in einem Pflegeheim schwer mit dem Coronavirus. Wochenlang lag sie mit Lähmungserscheinungen auf dem Krankenbett, erholte sich nur langsam. Als sie wieder arbeiten konnte, ließ sie sich impfen, wie damals empfohlen wurde. Mit noch schlimmeren Folgen. Neun Monate habe sie „zu Hause vegetiert“, sagt die Medizinerin, wäre „fast gestorben“. Hilfe habe sie nicht gefunden, „auch nicht bei Kollegen“, stattdessen „ein Graben des Schweigens“. Noch heute ist sie empört: „Ich war fassungslos.“

Die vollmundigen Versprechen von Politikern, auch durch die Corona-Impfung erkrankte Menschen lasse man nicht zurück, ist für die Ärztin „Heuchelei“. Gerade der Fall Erika Seebachers sei sehr gut untersucht, vielleicht einer der am besten dokumentierten Post-Vac-Fälle der Republik. Sie erhält derzeit eine Behandlung im Neuromuskulären Zentrum der Uniklinik Tübingen. Aber viele andere Betroffene seien bis heute zum Teil „komplett unversorgt“, sagt Anna Brock. Selbst Menschen mit schweren Symptomen rutschten durch das soziale Netz. Auch die Internistin weiß, dass es für den Nachweis des Post-Vac-Syndroms bis heute „keine Biomarker gibt“. Die habe man aber auch für einige andere anerkannte Erkrankungen nicht. Finden werde man diese nur, wenn man dazu anders als bisher systematisch auch zu gesundheitlichen Problemen nach Corona-Impfungen forsche. Und es sei dringend nötig, betont Anna Brock, dass man bei Betroffenen von Corona-Impfschäden endlich „Menschlichkeit walten lässt und hilft“.

Das sieht Jürgen Steinacker genauso. Der Professor der Sportmedizin aus Ulm, der ebenfalls in diesem Bereich forscht, sagt: „Ärzte und die Bearbeiter in den Versorgungsämtern müssen diese Menschen anhören und sie ernst nehmen.“ Man kenne immer mehr Mechanismen der Krankheit, diese Befunde rechtfertigten es nicht, Beschwerden wie die von Erika Seebacher einfach als unbegründet abzutun. „Natürlich müssen Versorgungsämter die Vorgeschichte früherer Jahre untersuchen“, sagt Steinacker. „Aber eine frühere Verstauchung des Fußes zu instrumentalisieren, um die Anerkennung eines Impfschadens abzuwenden, ist doch fragwürdig.“ Wer vor der Erkrankung gesund war, habe „Anspruch auf faire Behandlung seines Anliegens“.

Betroffene will gegen Entscheidung klagen

Dass Erika Seebacher zuvor gesund und „uneingeschränkt körperlich und psychisch belastbar“ war, bestätigt nicht nur ihre langjährige Hausärztin. Auch ihr früheres Fitnessstudio, wo sie über Jahre intensiv Kraft und Ausdauer trainiert hatte, belegt ihre gute Konstitution bis zum fatalen Impftermin.

Immerhin findet Erika Seebacher in der Uniklinik Tübingen inzwischen Linderung durch den regelmäßigen Austausch ihres Blutplasmas. Danach kann sie wieder ein wenig laufen. Die Besserung hält aber nur etwa sechs Wochen an. Nun versuchen die Ärzte einen neuen Weg, die Behandlung mit einem eigentlich für Lymphdrüsenkrebs zugelassenen Medikament. „Es geht mir schlecht genug, dass ich das riskiere“, sagt die Patientin.

Auch in ihrem Kampf für die Anerkennung als Impfgeschädigte ist Erika Seebacher ungebrochen. Gegen den negativen Bescheid des Versorgungsamts Böblingen hat sie bereits Widerspruch eingelegt. „Wenn der abgelehnt wird, dann klage ich.“