Dieter Kottinger: eine Institution auf dem Rathaus in Deizisau. Foto: Bulgrin - Bulgrin

48 Jahre lang hat Dieter Kottinger im öffentlichen Dienstgearbeitet, davon 45 auf dem Rathaus Deizisau. Jetzt geht der Kämmerer in den Ruhestand.

DeizisauIm Jahr 1971, vor 48 Jahren, hat Dieter Kottinger auf dem Rathaus Deizisau seine Ausbildung zum Inspektoranwärter begonnen. Damals noch im alten Rathaus und unter dem legendären Bürgermeister Hermann Ertinger. Und ohne Computer, ohne Kopierer, dafür Telefon mit Wählscheibe. Nur von der Ausbildungsstation Landratsamt und den zwei Jahren an der Fachhochschule Stuttgart unterbrochen, blieb „Kotti“ der Gemeinde treu. Seit 1983 war er als Kämmerer für die Finanzen verantwortlich. Am Dienstagabend wurde der 65-Jährige im Gemeinderat offiziell verabschiedet.

„Hilfsbereit gegenüber allen Beschäftigen, kollegial auf allen Ebenen, humorvoll, immer gut gelaunt und immer einen Spruch auf Lager“, so charakterisierte Bürgermeister Thomas Matrohs den Menschen Dieter Kottinger, eine Institution auf dem Rathaus. Viele Praktikanten seien von ihm eingelernt worden und auch deshalb nach dem Studium zum Arbeitgeber Gemeinde Deizisau zurückgekehrt, sagte Matrohs. Das gilt auch für Nadine Jud, die inzwischen den Haushaltsplan genauso routiniert aufstellt wie ihr Vorgänger.

Jakobsweg schon abgehakt

Über „Work-Life-Balance“ habe sich sein Kämmerer wohl nie Gedanken gemacht, vermutet Matrohs. Mit seinem Arbeitseifer sei er immer Vorbild gewesen. Er habe eine Menge Überstunden verfallen lassen, erzählt Kottinger, insbesondere als vor einigen Jahren das neue kommunale Haushaltsrecht eingeführt wurde. Im letzten Jahr durfte er einige freie Wochen von seinem Lebensarbeitszeitkonto abheben. Deshalb hat Dieter Kottinger dieses Frühjahr schon gemacht, was viele erst im Ruhestand schaffen: vier Wochen Jakobsweg in Spanien. Außerdem hat er noch – im Begleitfahrzeug – von Sizilien bis Bozen einen Freund begleitet, der nach Hause geradelt ist.

Von seinem Bürostuhl hat der Kämmerer zwei Dinge im Blick: das Kraftwerk und den Schurwald, wo sein Heimatort Aichelberg liegt. Auch dem ist er als „eingeschworener Schurwälder“ ein Leben lang treu geblieben. Ein wenig Distanz zum Arbeitsplatz sei schon gut, meint er. Das Kraftwerk Altbach/Deizisau sei sein aufwendigstes Projekt gewesen. Die Neckarwerke hätten die Gemeinden stark in ihre Planungen einbezogen. Das schwierigste Projekt, das überrascht weniger, war der Neubau des Rathauses. „Kotti, mach das Raumbuch“, habe ihn Bürgermeister Ertinger angewiesen, zu dem er ein eher väterliches Verhältnis hatte. Also hat der junge Amtmann geplant: Räume, Möbel, Platz für Archiv und Café, plus Notariat und Polizei als Reserveflächen für die wachsende Verwaltung.

Im neuen Rathaus hätte Dieter Kottinger gern selbst als Bürgermeister Platz genommen. Mit 28 Prozent der Stimmen schaffte er 1985 aber nur Platz zwei, bei sieben Bewerbern. Das Rennen machte Gerhard Schmid. Hat der Unterlegene überlegt, von Deizisau wegzugehen? „In der ersten Enttäuschung ja“, erzählt Kottinger. Aber Schmid habe ihn damals sofort angerufen und gemeinsam mit seiner Frau zum Essen nach Hause eingeladen. Er würde sich freuen, wenn er bleibe, habe ihm Schmid gesagt. „Nicht so schlecht“, urteilt Kottinger heute über die damalige Weichenstellung. Er habe einen spannenden Beruf. Als Kämmerer sei er in alle Entscheidungen involviert, brauche technisches Verständnis, Rechtskenntnisse und Verhandlungsgeschick. Und insbesondere „ein Gespür fürs Machbare“.

Im Gemeinderat kennt man Kottinger als vorsichtigen Rechner. Die Gewerbesteuer fällt stets üppiger aus als im Haushaltsplan kalkuliert. „Vielleicht bin ich da übervorsichtig“, gibt der Kämmerer zu, „aber wenn die Steuer drunter bleibt, dann gibt’s Ärger“. Außerdem herrsche in Deizisau ein gewisser Wohlstand und das Geld sitze locker. Da schade es nicht, wenn der Kämmerer Vorsicht walten lassen. Kottingers Credo: „Investieren geht immer, aber entscheidend ist, den Standard halten zu können.“ Einmal hat der Kassenwart mit dem Kurs des Gemeinderats schwer gehadert: als dieser die Sanierung der Zehntscheuer und den Neubau der Übungshalle gleichzeitig anpackte. Aber es ging gut. Und Kottingers Ziel, eine schuldenfreie Gemeinde zu hinterlassen, wurde schon 2013 erreicht.

Bei Wein spart er nicht

Privat sei er schon auch sparsam, aber nicht knauserig, meint Kottinger. Eine Ausnahme gibt es: guten Wein. Teuer darf der Tropfen sein, er spare an der Menge, sagt der Genießer, der sich vor langer Zeit von einem Mosel-Riesling begeistern ließ. Inzwischen bevorzugt er Rot: französischen Burgunder und schwäbischen Spätburgunder. Im neuen Haus, das er nun mit seinem Sohn zusammen bauen will, wird er einen Gewölbeweinkeller einbauen lassen. Den hat er mit seiner Frau Elke kürzlich in Brackenheim schon ausgesucht. Mit dem Neubau – das alte Haus reißt er ab – hat Kottinger genug Beschäftigung für die ersten Pensionärsjahre. Zudem hat er einen großen Garten mit Himbeeren und Erdbeeren. Langeweile fürchtet der 65-Jährige nicht.

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