Die von Sebastian Hoeneß gewünschte „Erfahrung und Führung“ hat es bei den Neuzugängen nicht gegeben. Dafür verfügt der 30-köpfige Kader über viel Zukunftspotenzial.
Daheim in Marokko sind die „Löwen vom Atlas“ mal wieder die gefeierten Stars. Vor knapp drei Jahren hatten sie es bei der WM in Katar als erstes afrikanisches Team überhaupt bis ins Halbfinale geschafft – und auch diesmal hat die Elf um den VfB-Neuzugang und Mittelfeldkünstler Bilal El Khannouss frühzeitig das Ticket für die Weltmeisterschaft gelöst. Einem Heimsieg gegen den Niger folgte ein 2:0 am Montagabend in Sambia – danach machte sich El Khannouss, der vor dem 1:0 entscheidend störte, schnellstmöglich auf den Weg nach Stuttgart.
Beim öffentlichen Training am Dienstagvormittag im Dauerregen von Cannstatt war der zentrale Mittelfeldspieler, den der VfB zunächst für ein Jahr von Leicester City ausgeliehen hat, natürlich noch nicht dabei. Doch bis zum Gastspiel des VfB am Samstag (15.30 Uhr) beim SC Freiburg wird auch El Khannouss zum Teamtraining gestoßen sein. Der Kader der Stuttgarter ist damit komplett und auch physisch vereint, nachdem der zweite Last-Minute-Transfer, der algerische Flügelspieler Badredine Bouanani von OGC Nizza, während der Länderspielphase in Stuttgart trainiert hat.
Doch was ist das VfB-Aufgebot der Saison 2025/26 zu leisten imstande, welche Qualität beinhaltet der Kader des Pokalsiegers, der auf seinem Tanz auf drei Hochzeiten in 45 bis maximal 56 Pflichtspielen gefordert sein wird?
Klar ist, dass man spätestens auf der Zielgerade der Transferperiode nicht immer einer Meinung gewesen ist, wie man den Kader final neu auszurichten habe. Natürlich hätte Sebastian Hoeneß den Stürmer Nick Woltemade gerne weiter im Ländle gesehen, hatte letztlich aber angesichts des finanziellen Aspekts des Deals mit Newcastle United von Erlösen bis zu 90 Millionen Euro keine Argumente mehr. Doch der VfB-Cheftrainer hätte dem Kader bis zuletzt auch gerne „Spieler mit Erfahrung und Führung“ zugeführt – schließlich habe das die Saisonanalyse ergeben.
Doch letztlich liegt das Durchschnittsalter der sieben Neuen gerade einmal bei 20,7 Jahren. Also hat es auch mal geknirscht zwischen dem Chefcoach und seinem Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, ehe man nun mit Blick auf die Anforderungen der Saison wieder an einem Strang zieht. „Wir werden auch in den kommenden Jahren weiter darauf angewiesen sein, neue Qualität zu entdecken und bei uns weiter zu entwickeln. Das ist ein Teil unserer Betriebsanleitung“, sagt Fabian Wohlgemuth, der vom Trainerteam also weitere Aufbauarbeit einfordert. So wie dass im Fall von Woltemade oder dem für 30 Millionen Euro nach Saudi-Arabien abgewanderten Enzo Millot gelungen ist.
Die Hoffnung ruht auf Bilal El Khannouss
Bereits hinreichend diskutiert wurde das große Manko des jungen Kaders, in dem es nach dem in letzter Sekunde gescheiterten Wechsel des Südkoreaners Hyeon-Gyu Oh von KRC Genk eindeutig an einem weiteren Zentrumsstürmer neben Ermedin Demirovic mangelt. Auch die Abteilung Kreativität ist nicht überbesetzt. Auf der Zehner-Position soll es Bilal El Khannouss (21) richten, der mit seiner Technik, Dynamik und Kreativität bereits in der Premier League hat aufhorchen lassen.
Hinter dem Marokkaner ruhen die großen Hoffnungen auf Barcelona-Neuzugang Noah Darvich, 18, vom dem man sich in der VfB-Chefetage als Spielmacher von Morgen einiges verspricht. Darvich ist ein Gewächs der Freiburger Fußballschule, den Barça noch vor einem Jahr mit einer Ausstiegsklausel von einer Milliarde (!) Euro ausstattete, ehe man schnell die Geduld verlor.
Derweil stockt die Integration von Akteuren aus dem eigenen Stall: Mittelfeldspieler Lauri Penna ist von den VfB-Talenten am ehesten reif für größere Aufgaben. Weitere Spieler aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) mit Perspektive sind Efe Korkut, Mirza Catovic, Max Herwerth und der Torhüter Florian Hellstern.
30 Spieler umfasst der aktuelle Kader des VfB, in dem bis auf weiteres keiner der stallinternen Youngster steht. Trainer Hoeneß hätte sich gar noch zwei Spieler mehr gewünscht, auch, weil das Aufgebot ein paar gesundheitliche Wackelkandidaten umfasst. Dazu zählen neben den aktuell verletzten Silas (Sprunggelenk), Justin Diehl (muskuläre Verletzung) und Leonidas Stergiou (Syndesmoseband) noch der nach zwei Knieoperationen weiter ganz sachte herangeführte Dan-Axel Zagadou wie auch Nikolas Nartey.
Letzterer wurde gegen Gladbach nach zwei Seuchenjahren immerhin eingewechselt, fünf Minuten bevor Neuzugang Chema Andrés (20) zum 1:0-Siegtreffer einköpfte. Ein weiterer Twen, der von seinem Stil her an Xabi Alonso erinnert – und der auf der Sechserposition Kapitän Atakan Karazor im Nacken sitzt.
Bleibt der Blick auf die Flügel, wo der VfB wie bei den Rechtsverteidigern (Lorenz Assignon, Josha Vagnoman, Leonidas Stergiou und Pascal Stenzel) ein Überangebot besitzt. Auf rechts gesetzt ist hier Jamie Leweling, der zuletzt im Länderspiel gegen Nordirland (3:1) einen bärenstarken Auftritt hatte. Alternativen sind Tiago Tomás, Lazar Jovanovic und auch Silas.
Links muss sich der Platzhirsch Chris Führich in Abwesenheit des abermals verletzten Diehl („Er besitzt ein herausragendes Talent“, so Wohlgemuth) neben dem erstarkten Nartey vor allem mit Neuzugang Badredine Bouanani auseinander setzen. Der zeigte nicht nur im Test gegen Großaspach (6:2) keinerlei Startschwierigkeiten.