Rosina Schneider (21) trainiert für Olympia. Die Hürdensprinterin will 2028 bei den Sommerspielen in Los Angeles antreten. Nebenbei studiert sie Sportwissenschaft. Wie schafft man das?
Das Talent, die Schnellste zu sein, habe sie schon immer gehabt, sagt Rosina Schneider und lacht. Schon im Kindergarten sei sie den Jungen beim Fangenspielen davon gelaufen. Während sie erzählt, kann man fast spüren, was für ein quirliger Wildfang sie damals war. Voller Energie erzählt die heute 21-Jährige zwischen zwei Uni-Veranstaltungen davon, wie sie zum Leistungssport kam und wie sich das mit Vorlesungen, Seminaren und Prüfungen vereinbaren lässt.
Seit ihrem achten Lebensjahr macht Rosina Schneider Leichtathletik. Inzwischen hat sie sich auf den Hürdensprint spezialisiert. Ihrem Heimatverein TV Sulz ist sie bis heute treu geblieben. Bis zur Kursstufe besuchte sie das Albeck-Gymnasium in ihrer Heimat Sulz am Neckar. Weil sie Sport im Leistungskurs machen wollte, wechselte sie an das Wirtemberg-Gymnasium in Stuttgart. Dieses ist die „Eliteschule des Sports“ und kooperiert mit dem Olympiastützpunkt, wo Rosina Schneider zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon einmal die Woche trainierte.
Sechsmal die Woche drei Stunden Training
In Stuttgart habe sie sich einer neuen Trainingsgruppe angeschlossen. „Und ich habe erstmals erlebt, wie es ist, nicht immer die Beste zu sein“, sagt Rosina Schneider. Das habe sie angespornt. Damals sei sie zum ersten Mal dem „Konzept Leistungssport“ begegnet, wie Rosina Schneider es formuliert. Ihr Trainingspensum war enorm: sechsmal die Woche täglich etwa drei Stunden. Sie besuchte Lehrgänge und nationale Wettkämpfe. „Und plötzlich war ich mittendrin im Leistungssport.“
Die Schule habe es ihr leichter gemacht, Sport auf einem sehr hohen Niveau zu treiben und gleichzeitig fürs Abi zu lernen. So gebe es zum Beispiel einen Leistungssportkoordinator und sie sei für Trainingslager, Lehrgänge und Wettkämpfe freigestellt worden. Manche Kursarbeiten musste sie nicht mitschreiben, sondern konnte den entsprechenden Leistungsnachweis im Rahmen eines Referats oder einer Hausarbeit erbringen.
Eliteschülerin des Sports
2023 war eines ihrer erfolgreichsten Jahre. Rosina Schneider wurde zur Eliteschülerin des Sports gewählt. Dafür muss man besondere Leistungen im schulischen, sportlichen und gesellschaftlichen Bereich erbringen. Rosina Schneider macht in diesem Jahr ihr Abi mit einer Abschlussnote von 2,1 und wurde U-20-Europameisterin über 100 Meter Hürden und mit der 4 mal 100-Meter-Staffel. Zudem hatte sie sich trotz ihres hohen Trainingspensums in der Schülermitverantwortung engagiert.
Nach dem Abi entschied Rosina Schneider, sich zunächst auf den Sport zu konzentrieren. Sie absolvierte Trainingslager in Jamaika und Florida und schnupperte in die Trainingsgruppe der mehrfachen Weltmeisterin und Olympia-Siegerin Shelly-Ann Fraser-Pryce hinein. „Ich wollte mich schon immer mal mit den schnellen Jamaikanerinnen messen“, sagt Rosina Schneider und grinst.
Uni Stuttgart kooperiert mit Olympiastützpunkt
Danach begann sie ihr Studium in Stuttgart. Natürlich sollte es was mit Sport sein. Rosina Schneider entschied sich letztlich für „Sportwissenschaft: Soziologie und Management“. Der aktive Sport ist nicht Teil des Studiengangs, es geht ausschließlich um die Theorie. „Das ist für mich perfekt, weil ich so meinem eigenen Sport nachgehen kann“, sagt Rosina Schneider.
Für die Uni Stuttgart hat sie sich unter anderem entscheiden, weil diese sich die Vereinbarkeit von Studium und Spitzensport auf die Fahnen geschrieben hat und dazu im August 2025 zusammen mit dem Studierendenwerk eine Kooperationsvereinbarung mit dem Olympiastützpunkt unterzeichnet hat.
Nach den Worten von Peter Middendorf ist die Kooperationsvereinbarung „mehr als ein Bekenntnis zum Sport“. So formulierte es der Rektor der Uni Stuttgart im Rahmen der Vertragsunterzeichnung und verwies auf konkrete Maßnahmen. Dazu zählen:
- Ansprechpersonen an der Universität Stuttgart für die individuelle Studienberatung und -planung
- Flexiblere Gestaltung der Studien- und Prüfungsorganisation
- Ersatzleistungen für Prüfungen sind denkbar
- Eine Verlängerung der Studienzeit ist möglich
- Freistellungen für Trainingslager, Lehrgänge und Wettkämpfe
„Außerdem ist es hilfreich, dass ich Sportwissenschaft studiere. Denn alle Dozentinnen und Dozenten haben was mit Sport zu tun. Sie haben Verständnis für meine Situation und unterstützen mich“, ergänzt Rosina Schneider. Im Gegenzug erfüllen die Studierenden repräsentative Aufgaben, informieren ihre Ansprechpersonen über ihre sportlichen Erfolge und unterstützen nach ihrem Abschluss – wenn möglich – die Karriereberatung an der Uni.
Es braucht viel Ehrgeiz und Durchhaltevermögen
Doch trotz der Förderung braucht es viel Ehrgeiz und Durchhaltevermögen, um das Studium neben dem Leistungssport zu absolvieren. Rosina Schneider muss Stoff von Veranstaltungen nachholen, die sie wegen ihres Trainings verpasst. Wenn ihre Mitstudierenden abends feiern gehen, muss sie oft noch lernen. Aber natürlich genieße sie hin und wieder auch das Studentenleben, sagt Rosina Schneider.
Wie sie es geschafft hat, über all die Jahre die Motivation für den Sport immer hoch zu halten? In der Kindheit und Jugend hätten sie ihre Erfolge getragen, antwortet Rosina Schneider. Doch dann kam Corona. Training und Wettkämpfe durften nicht wie üblich stattfinden, die Stadien waren geschlossen. Doch letzlich sei sie gerade durch den Sport gut durch diese Zeit gekommen. Ihr Trainer habe Waldtrainings organisiert, sobald das wieder möglich gewesen sei. „Und nach Corona konnte ich direkt an meine Erfolge anknüpfen“, sagt Rosina Schneider und ergänzt: „Eigentlich hat es nie einen Punkt gegeben, an dem ich alles hinschmeißen wollte.“
Talent gehört dazu, wenn man im Spitzensport erfolgreich sein möchte. „Ich habe viel Talent von meinen Eltern geerbt“, sagt Rosina Schneider. Ihre Mutter sei Kunstturnerin gewesen, und auch ihr Vater sei sehr sportlich. Doch das allein reicht freilich nicht aus. „Es braucht viel Motivation und – wenn die Motivation zu schwinden droht – Disziplin“, sagt Rosina Schneider. Es seien nicht ihre Eltern oder die Trainer gewesen, die sie in den Spitzensport getrieben hätten, sondern sie selbst habe immer ein Ziel vor Augen gehabt und dafür gekämpft.
Ihr aktuelles Ziel sind die Europameisterschaften im Sommer in Birmingham. Ob sie sich dafür qualifiziert, erfährt sie erst wenige Wochen vorher. Doch es sieht gut aus. 2028 möchte Rosina Schneider zu den Olympischen Spielen in Los Angeles fahren. „Das ist ein großes Ziel. Ich habe bis dahin noch gar nicht mein optimales Sprintalter erreicht. Das hat man zwischen 25 und 27“, sagt die Studentin. Insofern seien auch die Olympischen Sommerspiele 2032 in Australien für sie noch eine gute Option.
Rosina Schneider kann sich vorstellen, ihren Sport zum Beruf zu machen. Schon jetzt verdient sie sich ihren Lebensunterhalt selbst durch Sponsoren. Doch um mit dem Sport Geld zu verdienen, braucht man Glück und Erfolg. Verlassen kann man sich darauf nicht. Das Studium ist für Rosina Schneider ein zweites Standbein. Ob sie nach dem Bachelor noch den Master draufsetzt, weiß sie nicht. In jedem Fall aber sei das Studium eine gute Grundlage, um später einmal in einem Verein, Verband oder einer Sportfirma zu arbeiten.
Rosina Schneider investiert viel in ihren Sport – „Schweiß, Blut und Tränen“, sagt sie selbst und fügt hinzu: „Nicht-Sportler verstehen oft nicht, warum ich das mache. Aber sie wissen auch nicht, wie es ist, wenn man bei einer Europameisterschaft in einem vollbesetzten Stadion steht und alle Augen auf einen gerichtet sind. Das ist ein einzigartiges Gefühl. Ich mag diese Anerkennung – und den Erfolg.“