Das Junge Schloss Stuttgart ist eine Erfolgsgeschichte. Aber warum haben Kunstmuseen eigentlich solche Probleme mit Kindern?
Stuttgart - So viel Geld verwenden die Erwachsenen eigentlich lieber für sich selbst. Ausnahmsweise wurden in Berlin diesmal neun Millionen Euro nur für Kinder in die Hand genommen. Die Eröffnung musste wegen Corona zwar verschoben werden, aber das Jüdische Museum in Berlin besitzt nun ein eigenständiges Kindermuseum. Im Anoha steht eine riesige Arche, in der Kinder die Geschichte der Arche Noah aus der Thora kennenlernen können. Ein ambitioniertes Projekt, das beweist, dass sich auch religiöse Inhalte kindgerecht im Museum vermitteln lassen. Man muss es nur richtig machen – und wollen.
Obwohl bekannt ist, dass Kinder das Publikum von morgen sind, haben sie im Kulturbetrieb nicht den besten Stand. Die großen Bühnen denken meist nur vor Weihnachten an sie – und statt Profis zu engagieren, dürfen sich dann unerfahrene Regieassistenten ausprobieren. In den Museen gibt es zwar viele Vermittlungsangebote für Kinder, aber so wichtig, dass man eigene Ausstellungen für sie konzipierte, sind sie den Kuratoren doch nicht.
In Stuttgart gibt es eine löbliche Ausnahme. Das Junge Schloss, die Kinderabteilung des Landesmuseums Württemberg, feiert in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag und zeigt, wie wichtig es ist, Kinder gezielt anzusprechen und nicht nur mitlaufen zu lassen. Fast 500 000 Besucherinnen und Besucher waren seit 2010 im Jungen Schloss. Als man seinerzeit eröffnete, dachte man vor allem an Vorschulkinder und Grundschüler. „Heute gestalten wir die Ausstellungen so, dass es immer auch Elemente gibt für Dreijährige“, erzählt Christoph Fricker, der Kurator des Jungen Schlosses. Denn natürlich wollen auch die Kleinen mit, wenn sich die Familie auf den Weg macht.
Auch Dreijährige können Spaß an Ausstellungen haben
„Das Thema Kindermuseum ist noch komplett in der Nische“, meint Fricker. Es fehle an passenden Ausbildungsangeboten für die Kuratoren und auch am theoretischen Fundament. Wie man die Kinder im Museum am besten anspricht, „basiert sehr auf Praxiswissen“, sagt er. Dabei sind die Kindermuseen im Grunde Pioniere und machen vor, wie lebendig Museen sein können. Fricker etwa geht es in den Ausstellungen „nicht primär um die Objekte“ – auch wenn sie einen wichtigen Stellenwert hätten. Er will stattdessen große Fragen stellen: „Woher komme ich, wer bin ich, warum ist es wichtig, seine Wurzeln zu kennen?“ Ein Ansatz, mit dem vermutlich auch andere Museen besser die breite Bevölkerung ansprechen könnten als bei den bisher üblichen rein wissenschaftlichen Konzepten.
Kunstmuseen machen bestenfalls Alibi-Angebote
Letztlich kam auch das Junge Schloss in Stuttgart spät, denn bereits in den siebziger Jahren wurde der Ruf laut, sich im Kulturbetrieb stärker auf Kinder einzustellen. Inzwischen gibt es naturkundliche und kulturhistorische Kinderausstellungen. Und auch Science-Museen haben inzwischen Konjunktur – wie das Experimenta Science Center in Heilbronn. Die Kunstmuseen haben den Trend dagegen fast vollständig verschlafen. Oft wird bestenfalls – wie gerade zu James Rizzi in Balingen – eine „Kinder-Line“ eher pro forma eingerichtet, für die man dann einfach ein paar Bilder etwas tiefer hängt.
Eine der seltenen Ausnahmen findet sich in Karlsruhe, wo bereits 1973 die Junge Kunsthalle eingerichtet wurde und es ein festes Team und eigene Räume gibt für Ausstellungen, in denen Kinder „lernen sollen, ohne es zu merken“, wie Sibylle Brosi sagt. Die Leiterin der Kunstvermittlung erlaubt sich einen Begriff, der im Kunstmuseum eigentlich verpönt ist: Spaß. „Kunst soll mit Spaß vermittelt werden“, sagt Brosi. Und den kann man durchaus auch bei der Beschäftigung mit Werken von Hans Baldung Grien haben.
In der Jungen Kunsthalle Karlsruhe werden nicht einfach nur Bilder an die Wand gehängt, sondern Brosi bettet sie mit Requisiten in Szenen ein, manchmal arbeitet sie auch mit Düften oder Dingen, die berührt werden dürfen. „Wir versuchen, alle Sinne anzusprechen“, sagt sie. Wenn es in der kommenden Ausstellung um Obst und Gemüse in der Kunst geht, so werden – anders als im herkömmlichen Museum – selbstverständlich auch ökologische Fragen anklingen.
Der erhobene Zeigefinger hat nichts im Museum zu suchen
Ob in Karlsruhe oder im Alten Schloss in Stuttgart, dass Kindermuseen in der Regel Erfolgsgeschichten sind – auch bei Erwachsenen –, liegt daran, „dass wir nicht mit dem Zeigengfinger dastehen und die Erklärer sein wollen“, wie es Christoph Fricker nennt. Trotzdem sind die Ansprüche sehr hoch: „Wie wollen den Leuten das geben, was ihnen fehlt: Allgemeinbildung, sinnliche Erfahrungen, ästhetische Erziehung, Geschmacksentwicklung und Unterscheidungsvermögen“, sagt Fricker. Die Besucher sollen lernen, differenzieren zu können.
Umso härter hat das Junge Schloss die Corona-Krise getroffen, denn das sinnliche Erleben ist gerade nur bedingt möglich. So wurden nun nicht nur die Feierlichkeiten im Landesmuseum vertagt, sondern wird sehr viel gereinigt und desinfiziert werden müssen bei der Mode-Mitmachausstellung zur großen „Fashion“-Schau, die am 24. Oktober eröffnet wird. „Wir waren in der Planung schon so weit fortgeschritten“, so Fricker, „dass man beschlossen hat, die Ausstellung trotzdem zu machen.“ Die Kinder werden es dem Museum sicher danken.