Gionatan Curia benötigt dauerhaft ein Sauerstoffgerät. Hund Balu weicht ihm nicht von der Seite. Foto: Ralf Poller/Avanti

Gionatan Curia aus Steinheim im Kreis Ludwigsburg braucht eine neue Lunge. Obwohl der 26-Jährige seit seiner Geburt schwer krank ist, hat er den Lebensmut nicht verloren.

In dunklen Momenten hat Gionatan Curia schon manchmal gehadert, gen Himmel geblickt und gefragt: warum ausgerechnet ich? Von Geburt an litt er an einem Interferon-Gamma-Rezeptor-Defekt. „Das ist eine Knochenmarkerkrankung. In ganz Deutschland war ich der Einzige, der das hatte“, sagt der Steinheimer.

Als die Krankheit mit der vierten Stammzellenübertragung endlich im Griff war, erfolgte postwendend die nächste Hiobsbotschaft: Durch eine Reaktion des Transplantats, von der sonst nur die Haut betroffen ist, wurde seine Lunge angegriffen. Nach und nach stirbt das Organ seitdem ab. Die Ärzte gaben ihm erst zehn, später 14 Jahre – ehe sie das Prognostizieren ließen.

Denn Curia schlug dem Schicksal ein Schnippchen, sog das Leben förmlich auf, ist mittlerweile 26 und lässt sich auch von einem neuerlichen gesundheitlichen Rückschlag nicht unterkriegen. Ja, er will sogar andere junge Menschen inspirieren und bläut ihnen ein, die Lebenszeit, die sie haben, möglichst sinnvoll zu nutzen.

Die Sauerstoffsättigung fällt auf einen kritischen Wert

Trotz allem unerschütterlichen Optimismus, der ihn auszeichnet, fiel Curia vor etwa vier Monaten zunächst in ein Loch. Bis dahin war es ein eher schleichender Prozess, der seine Lunge sukzessive lahmlegte. Der Steinheimer konnte im Prinzip keine Veränderung seines Befindens wahrnehmen. Dieses Mal war ihm aber schnell klar, dass etwas nicht stimmt. „Ich kam von einem Kinobesuch nach Hause und habe schlecht Luft bekommen. Ich musste im Treppenhaus zwei- bis dreimal eine Pause einlegen“, erinnert er sich zurück. Also überprüfte er seine Sauerstoffsättigung. Das tut er sehr ungern.

Denn Zahlen lügen nicht und könnten ihm mit unverblümter Wucht zeigen: Junge, du hast ein ernsthaftes Problem. Die 90 ist dabei ein magischer Wert. Fällt die Sättigung darunter, muss man ans Sauerstoffgerät. „Bei mir lag der Wert bei 85. Dann habe ich gesagt: scheiße“, erklärt der 26-Jährige mit der ihm eigenen Portion Galgenhumor.

Nur ein Transplantation könnte wohl noch helfen

Sein Leben wurde von jetzt auf nachher auf den Kopf gestellt. Gionatan Curia kann seitdem das Haus kaum mehr verlassen. Das Sauerstoffgerät ist sein ständiger Begleiter. Jeder Schritt wird zu einem Kraftakt. Aber deshalb Trübsal blasen? Das kommt für den jungen Mann mit dem großen Kämpferherz nicht in die Tüte. Das zweitjüngste von fünf Geschwistern hofft auf eine neue Lunge.

Eine Transplantation ist aktuell die letzte Karte, die er gegen das bittere Schicksal ausspielen kann. Die Mediziner sind aber skeptisch, ob er mit seiner Krankenakte die Operation überstehen würde. Es kann also sein, dass sie das Organ einem anderen Patienten mit besseren Chancen einpflanzen. „Ich kann es verstehen, es ist aber hart zu hören“, sagt er. Vor allem macht ihm zu schaffen, dass er nicht wisse, wie andere mit so einer Nachricht umgehen, die das vielleicht nicht so gut wegstecken können.

Ins Leben gestürzt

Es ist nicht so, dass sich Gionatan Curia noch nie vor dem Tod gefürchtet hätte. „Mit 15 Jahren hatte ich noch Angst. Dann habe ich mir aber gesagt: Das ist nicht nötig. Es kann bei jedem plötzlich vorbei sein. Warum also Angst haben?“, erklärt er. Curia lernte, sein Los zu akzeptieren – und warf sich ins Leben. Schließlich wusste er, ihm blieb wenig Zeit. Er reiste mit seiner damaligen Freundin nach Mallorca und Berlin, machte mit seinen Kumpels einen drauf. Manchmal packten sie auf ihren Touren sogar den Rolli in den Kofferraum. Für alle Fälle.

Neun Monate den gleichen Ausblick

Diese Gier nach Leben dürfte auch daher rühren, dass Gionatan Curia in jungen Jahren lange ans Krankenbett gefesselt war. Im Zusammenhang mit seiner vierten und letzten Stammzellentransplantation musste er neun Monate in einem Klinikum in Tübingen verbringen. „Ich konnte nur liegen, musste dort Weihnachten und Geburtstag feiern, konnte nur aus einem Fenster schauen, hatte also immer den gleichen Ausblick. Das war eine schlimme Zeit“, sagt er. Glückshormone durchströmten ihn, als er schließlich, wenn auch nur für ein paar Minuten, erstmals das Zimmer wieder verlassen durfte. Sieben Jahre alt war er damals. Kurz darauf folgte der Nackenschlag durch die Nachricht, dass die Lunge befallen ist. Prognose: unheilbar.

Eine Berufung gefunden

Gionatan Curia biss sich dennoch und trotz gesundheitlich bedingter Fehlzeiten durch die Schule, schaffte erst den Hauptschulabschluss, packte dann die Mittlere Reife obendrauf. Das war ihm wichtig, selbst in dem Wissen, dass er mit seiner Konstitution nie einer geregelten Arbeit würde nachgehen können. Zwar konnte der 26-Jährige keinen Beruf ergreifen, aber dafür seiner Berufung folgen. Er erzählt an Schulen oder in Krankenhäusern seine Geschichte, rät den Kids, ihr Leben nicht zu verschwenden und zum Beispiel die Finger von Zigaretten zu lassen. Zudem steht er jungen Menschen mit Rat und Tat auf Facebook oder Instagram zur Verfügung.

Denn kaum einer weiß so gut wie er, wie kostbar jede Minute ist, die wir haben.

Im Jugendhaus zu Gast

Leben
Wer Gionatan Curia live erleben will, hat dazu am Mittwoch, 8. Februar, von 18 Uhr an die Gelegenheit. Dann wird der 26-Jährige, so es gesundheitlich geht, zu Gast im Jugendhaus in Murr sein, aus seinem Leben erzählen und auch Fragen beantworten.

Sprecher
Es ist kein Zufall, dass Curia ausgerechnet in der Einrichtung in Murr zu hören ist. Früher war er dort selbst oft zu Gast und sogar Jugendhaussprecher. Der Steinheimer war vor einigen Jahren auch schon ins „Nachtcafé“, eine TV-Talk-Show des SWR, eingeladen.

Krankheit Curia kam mit einem Interferon Gamma Rezeptor Defekt zur Welt. Das bedeutet vereinfach ausgedrückt, dass seine Immunität beeinträchtigt und er anfällig für Infektionen durch Bazillen und Mykobakterien aus der Umwelt war, die tödlich verlaufen können.