Paulina Pawlik denkt im Klassenzimmerstück über den Sinn des Lebens nach. Foto: Tobias Metz - Tobias Metz

„Luftschlösser/Leonce und Lena“ heißt das neue Klassenzimmerstück der Jungen WLB. Regisseur George Podt hat nicht nur Georg Büchners schroffe, politische Literatur jugendgerecht in Szene gesetzt. Vor allem erzählt er mit zwei Schauspielern eine wunderschöne Geschichte vom Erwachsenwerden.

EsslingenZwei Teenager, die in Langeweile versinken, stürmen das Klassenzimmer des Esslinger Mörike-Gymnasiums. Paulina Pawlik und Matthias Happach wecken mit dem Stück „Luftschlösser/Leonce und Lena“ Lust darauf, sich auf die Suche nach sich selbst zu begeben. George Podt, ehemaliger Intendant des bekannten Münchener Kinder- und Jugendtheaters Schauburg, schafft in seiner Inszenierung für die Junge WLB einen faszinierenden Spagat. Georg Büchners politisches Lustspiel übersetzt der Regisseur in ein zauberhaftes Szenario über das Erwachsenwerden.

Mit Maske und Abendkleid lässt sich Paulina Pawlik durch die Tür ins Klassenzimmer gleiten. Die Rolle der verkaterten Partymaus liegt der Schauspielerin richtig gut. Nach einer durchzechten Nacht trifft sie auf den verzweifelten Prinzen Leonce, der auf Geheiß seines Vaters König des Reiches Popo werden – und obendrein die ihm völlig unbekannte Prinzessin Lena aus dem Reiche Pipi heiraten soll. Dass er die eigentlich längst getroffen hat, ist dem jungen Mann nicht klar.

George Podt hat die zwei Spieler mit eleganter Abendgarderobe ausgestattet, die allerdings eine Spur zu dick aufgetragen wirkt. Wie der Regisseur dann jedoch Büchners schroffe, jugendgerecht klare Sprache mit den zwei Spielern in ein vergnügliches, körperbetontes Spiel übersetzt, ist richtig stark. Als leidenschaftlichen Müßiggänger legt Matthias Happach seine Figur an. Müde und lustlos sitzt er vor der Tafel, träumt sich in seine Verzweiflung hinein. In dieses Fest der Faulheit platzt Paulina Pawlik. Mit ihrem Temperament reißt sie ihn mit. Die junge Frau regt ihn an, über ein anderes, glückliches Leben nachzudenken.

Mit feinem Gespür für die literarische Qualität von Büchners sprachspielerischem Drama spielen sich die zwei verbale Bälle zu. Dabei finden die jungen Künstler eine gemeinsame Sprache, die offenbar bei den Schülerinnen und Schülern ankommt – Podt hat die Inszenierung für die Klassen 10 bis 12 konzipiert. Das Premierenpublikum vom Mörike-Gymnasium in Esslingen, einer der Partnerschulen der Jungen WLB, lauscht den Auszügen aus dem Drama gebannt.

Die romantische Komödie, in die Georg Büchner höchst feinsinnig Elemente der politischen Komödie webt, strafft Podt mit dem Ensemble zu einem jugendgerechten Stück. In 45 Minuten bringt „Luftschlösser/Leonce und Lena“ die Faszination der ersten Liebe wunderschön auf den Punkt.

„Narr, Müßiggänger, Verzweiflung, Langeweile“ – mit Kreide werden die Begriffe auf die Wandtafel gekritzelt. Sie treffen jene Grundgedanken, die den Dichter und Revolutionär des Vormärz Zeit seines kurzen Lebens umtrieben. Mit nur 23 Jahren starb er vermutlich an Typhus. Wie widersetzt man sich den starren Regeln der Gesellschaft und dem Willen der Väter? Um diese Fragen geht es in Büchners Lustspiel aus dem Jahr 1895. Diese existenziellen Probleme in die Gegenwart der Schüler zu übertragen, gelingt Paulina Pawlik und Matthias Happach. Schön zeichnen sie die zwei Heranwachshenden, die am Ende doch zueinander finden.

Die Regie schafft das Kunststück, durch radikale Reduktion den Text aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart zu transportieren. Was reizt den Holländer George Podt, der 27 Jahre lang an der Spitze der Münchner Schauburg stand, am Format des Klassenzimmerstücks? „Da kann man den Schülerinnen und Schülern Lust machen, sich mit der Literatur auseinanderzusetzen“, ist der erfahrene Theatermann überzeugt. Das Format funktioniere bei Grundschülern ebenso wie bei den älteren Schülern. Für die WLB hat der international bekannte Kinder- und Jugendtheatermacher bereits eine sogenannte Lesekiste eingerichtet – dieses mobile Theater zeigt die Landesbühne vor allem in Bibliotheken in den Abstecherorten.

„Wir machen Theater im Klassenzimmer für alle Altersgruppen“, sagt Marco Süß, der Intendant der Jungen WLB. Gerade bei den älteren Schülern hat er da beste Erfahrungen gemacht. Die Produktion „Werther“, von Marek S. Bednarsky in Szene gesetzt, kommt bei den älteren Schülern in der ganzen Region sehr gut an. Der pädagogische Nutzen des Theaters im Klassenzimmer ist für Süß unbestritten. „Da nehmen die Schüler sich vielleicht doch mal ein Reclam-Heft in die Hand“, hofft der Leiter der Jungen WLB. „Leonce und Lena“ steht nach den Worten von Marco Süß im erweiterten Lehrplan der Gymnasien. Er und das Produktionsteam möchten den jungen Leuten Lust machen, sich auf die Faszination von Georg Büchners Theater einzulassen. Denn der junge Revolutionär hat mit künstlerischen Grenzgängen in seiner Zeit auch die Theaterszene kräftig aufgemischt.

Sehr fein dosieren die jungen Schauspieler Happach und Pawlik Büchners schroffe, betörend knappe Sprachkunst. Um das enge Korsett zu illustrieren, in dem die Königskinder Leonce und Lena stecken, bewegen sie sich wie Puppen durch das Klassenzimmer. Sie spielen zwischen den Tischen und Bänken. Lustvoll schöpfen sie so das Spektrum der Theaterformen aus, die der Arzt und Literat Georg Büchner ersonnen hat.

Nach der Premiere am Esslinger Mörike-Gymnasium tourt das Klassenzimmerstück der Landesbühne nun durch weitere Schulen in der Region. Für Marco Süß ist das Format „eine sehr schöne Möglichkeit, gerade auch die Schülerinnen und Schüler zu erreichen, die ansonsten weniger ins Theater gehen“.

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