Layal Chebli , die ihren Bundesfreiwilligendienst im sozialen Bereich absolviert, Foto: Koch - Koch

Im Hof der Flüchtlingsunterkunft in Kemnat haben straffällig gewordene Jugendliche zusammen mit den Flüchtlingen Tische und Bänke aus Holz zusammen gebaut.

OstfildernIm Hof der Flüchtlingsunterkunft in Kemnat haben junge Männer und eine Frau am Samstag eifrig gearbeitet und gewerkelt. Gemeinsam mit den Bewohnern bauten straffällig gewordene Jugendliche Tische und Bänke aus Holz zusammen. Die ungewöhnliche Aktion organisierten der Flüchtlingssozialdienst der Stadt Ostfildern und das im Zentrum Zinsholz angesiedelten Projekt Reset. Die Buchstaben stehen für Respekt, Einsatz, Soziales Lernen, Erfolg und Teilhabe.

Jugendliche, die mit dem Gesetz in Konflikt kamen, können bei Reset ihre Sozialstunden ableisten und werden sozialpädagogisch begleitet. In der von Matthias Kälber geleiteten Werkstatt im Zinsholz können sie sich zudem handwerkliche Fertigkeiten aneignen. Die Idee zum gemeinsamen Möbelbau mit Flüchtlingen entstand aus einer Notwendigkeit heraus: Der Außenbereich der im November eröffneten Unterkunft in Kemnat sei „kahl und unwirtlich“ gewesen, sagt Sozialarbeiterin Louisa Domhan, die die Geflüchteten betreut. Es sollten Sitzgelegenheiten her.

Vorbehalte ausräumen

Und so gingen Jugendliche von Reset und Bewohner gemeinsam ans Werk. Aus Paletten und Holzkisten, die eine Ruiter Firma zur Verfügung gestellt hatte, wurden robuste Sitzbänke und Tische zusammengebaut. Die Stimmung beim „Upcycling“ sei sehr entspannt, freute sich Laya Chebli, die ihren Bundesfreiwilligendienst im sozialen Bereich ableistet. „Alle haben was zu tun, alle kommen ins Gespräch“. Ziel der Aktion sei auch, „Vorbehalte auszuräumen und in einen Dialog zu kommen“, sagt Sozialpädagogin Lea Tavit von Reset. Werkstattleiter Matthias Kälber hat festgestellt, dass die Vorbehalte oft auf Falschinformationen beruhen. „Ein Standard-Vorurteil ist, dass jeder Flüchtling 2000 Euro im Monat bekommt.“ Deshalb habe er in der Werkstatt einen Zettel aufgehängt, „auf dem steht, was Flüchtlinge wirklich bekommen, nämlich 380 Euro, nach der Anerkennung den Hartz IV Regelsatz von 420 Euro“. Die sozialpädagogische Arbeit bei Reset umfasst auch Workshops, die das Phänomen der Fake News behandeln. „Wir überlegen gemeinsam, wer an solchen Falschinformationen Interesse haben könnte und zeigen, wie man recherchiert ob etwas stimmt“, erklärt Lea Tavit.

Dass direkte Kontakte zu einem entspannten Verhältnis beitragen, hat Ursula Zitzler vom Freundeskreis Asyl Ostfildern festgestellt. „Wenn man sich kennenlernt, kommt es meistens zu einem guten Miteinander“. Anfangs seien die Menschen bei der Eröffnung einer Unterkunft oft skeptisch. Man habe in Ostfildern indes schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass viele Anwohner traurig seien, wenn ein Heim wieder geschlossen würde. „Da sind Bindungen entstanden“.

Am Samstag entstanden zumindest erste Kontakte. Das neu gebaute Mobiliar wurde mit Leinöl eingepinselt und soll noch bunt bemalt werden. Dabei könnten sich die in der Unterkunft lebenden Kinder beteiligen, sagt Louisa Domhan. Der Möbelbau könne ein Auftakt zu weiteren gemeinsamen Aktionen sein. Ideen seien vorhanden, so etwa der Bau eines Hochbeetes oder von Spielgeräten für Kinder.

Die neuen Sitzgelegenheiten seien eine große Verbesserung, freuten sich die Bewohner nach getaner Arbeit. „Vielleicht kommen hier bei schönem Wetter auch einfach Leute aus der Bevölkerung vorbei und setzen sich zu uns“, hofft Abdulsamad aus Afghanistan. „Es ist wichtig, zu den Leuten hier Kontakt zu haben“.

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