Die Esslinger Stadtbücherei ist ein beliebter Lernort. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Vor der Entscheidung über den künftigen Standort der Esslinger Stadtbibliothek hat der Jugendgemeinderat Vertreter von Gemeinderat, Kulturamt und Förderverein der Bücherei zur Podiumsdiskussion eingeladen. Die Jugendräte selbst sind in der Standortfrage uneins.

EsslingenEhe der Esslinger Gemeinderat am Montag (16 Uhr) über den künftigen Standort der Stadtbücherei entscheidet, bat der Jugendgemeinderat Vertreter von Gemeinderat, Förderverein der Bücherei und den Kulturamtsleiter zum Podiumsgespräch über eine jugendgerechte Bibliothek. Während die Jugendräte uneins sind, ob die Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof erweitert und modernisiert oder durch einen Neubau an der Küferstraße ersetzt werden soll, erläuterten die Stadträte ihre Haltung. Bleibenden Eindruck hinterließ ein flammendes Plädoyer von Annette Silberhorn-Hemminger (Freie Wähler) für den aktuellen Standort. Sie machte klar: „Wenn die Bücherei in einigen Jahren aus dem Pfleghof ausziehen sollte, ist die Türe zu, und das wird sie erst mal bleiben.“ Die Hoffnung, dass dort zeitnah das Stadtmuseum unterkommt, teilt sie angesichts vieler kommunaler Aufgaben und hoher Kosten für eine Sanierung nicht.

Der Jugendgemeinderat hat sich intensiv mit den Bücherei-Plänen der Stadt auseinandergesetzt und festgestellt, dass beide Standorte „einen Kompromiss darstellen, der unwiderruflich zu Beschränkungen führt“. Und er betont: „Es wäre schade, wenn dieser Kompromiss noch weiter durch Zeitdruck, Nicht-Einbeziehung der Bürger und Orientierung am Preis statt an der Qualität verschmälert wird.“ Die Stadt müsse gerade die junge Generation einbeziehen, die sich an diesem Abend jedoch etwas rar gemacht hatte. Um zu erfahren, was Jugendliche von der Bibliothek erwarten, hat der Jugendgemeinderat 1812 Schüler der Klassen fünf bis elf befragt. 22 Prozent wollen mehr Sitzmöglichkeiten zum Lernen, 20 Prozent genug Computer und moderne Medien, jeweils rund 19 Prozent bessere Öffnungszeiten und mehr Bücher, jeweils etwa zehn Prozent Barrierefreiheit und genug Licht.

Kulturamtsleiter Benedikt Stegmayer sagte zu, dass die Bürger an der Gestaltung der künftigen Bücherei beteiligt werden und dass junge Leute ein gewichtiges Wort mitreden. Edward-Errol Jaffke (CDU) geht davon aus, dass die neue Bücherei so gebaut werden muss, dass sie ihre Aufgaben für die nächsten 30 Jahre erfüllen könne. Die Voraussetzungen dafür sieht er eher in einem Neubau zwischen Küferstraße und Kupfergasse. Daniel Blank (SPD) plädiert wie seine Ratsfraktion klar für den Pfleghof. Dort sei auf ideale Weise eine Verbindung von Tradition und Moderne möglich, die perfekt zu einer Stadt wie Esslingen passe. Carmen Tittel (Grüne) geht davon aus, dass die Bücherei ihre Zukunft in einem Gebäude finden muss, das nicht durch Vorgaben eines Denkmals eingeschränkt sei. Auch aus dem Pfleghof lasse sich eine moderne Bücherei machen, die besseren Möglichkeiten sehen die Grünen jedoch im Neubau. Die Bürger müssten „keine Angst haben, dass der Pfleghof verkauft wird“. Esslingen sei keine arme Stadt und habe auch eine Verpflichtung gegenüber ihrem Museum.

Dass der Bebenhäuser Pfleghof von manchen konsequent schlecht geredet werde, geht Annette Silberhorn-Hemminger (Freie Wähler) gegen den Strich. Einer Stadt wie Esslingen, die viel vom Flair ihrer Altstadt lebt, biete ein solches Gebäude die Chance, Geschichte erlebbar zu machen und zugleich eine moderne Bibliothek zu schaffen: „Das wird nicht einfach, ist aber machbar. Wenn wir das nicht nutzen, geht irgendwann die Identität unserer Altstadt verloren.“ Professorin Sylvia Greiffenhagen vom Förderverein betonte, dass am alten Standort weite Teile neu entstehen würden: „Der ganze Bereich der Nanzhalle, wo heute die Kinderbücherei ist, steht nicht unter Denkmalschutz und wird neu gebaut. Das kann man völlig frei gestalten, während man im historischen Teil abgeteilte Bereiche für die unterschiedlichen Anforderungen einzelner Nutzergruppen schaffen kann. Ich sehe nicht, wo man im Neubau Küferstraße die gewünschten Gruppenräume schaffen soll.“

Zwischendurch schaltete sich immer wieder das Publikum ein und brachte unterschiedliche Aspekte der Büchereientscheidung ein. Ein junger Mann forderte mehr Plätze ein, an denen sich junge Leute in Esslingen treffen können. Mit der Bücherei allein sei es nicht getan. Eine Zuhörerin verstand nicht, „weshalb alle betonen, wie wichtig die Bücherei sei, und dann wird von Vornherein zu klein geplant“. Ein Vertreter der Jungen Union beklagte, es gehe viel zu sehr um den Standort und zu wenig um Inhalte. Dagegen machte sich eine junge Frau vehement für den Pfleghof stark: „Das ist ein historischer Ort, den ich jeden Tag erleben kann. In eine Bücherei gehe ich täglich, in ein Stadtmuseum nur zwei- oder dreimal im Jahr.“ Dass ein Neubau mehr Kostensicherheit bringt, glaube sie nicht: „Schauen Sie sich nur den Berliner Flughafen an.“

Zum Abschluss einer gut zweieinhalbstündigen lebhaften Debatte zog Jugendgemeinderat Mark Wendt Bilanz: „Alle vertretenen Experten sind Befürworter eines stärkeren Ausbaus der digitalen Infrastruktur, über modernere Medien und Glasfaserausbau in der Bücherei wird diskutiert werden. Selbst Vorschlägen wie der Einrichtung von Spielekonsolen in der Bücherei stehen einige Politiker und Experten offen gegenüber. Auch wenn die Standortfrage polarisiert, so ist für alle Akteure, die sich für die Stadtbücherei einsetzen, klar, dass sich etwas Grundlegendes in der Bücherei ändern muss: die Art, wie wir dort lesen, lernen und arbeiten.“

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