Der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz Quentin Gärtner aus Waiblingen erzählt bei „Jugend meets Politik“ in Sulzbach, was seine Generation wirklich bewegt.
Seine Aussagen zum Wehrdienst haben Quentin Gärtner in die Schlagzeilen gebracht und bekannt gemacht. Auch die BBC hat über ihn berichtet. Positioniert hat sich der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz (BSK) weder für noch gegen den Dienst an der Waffe. Aber der 18-Jährige aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) hat Bundeskanzler Friedrich Merz im Fernsehen öffentlich aufgefordert, mit den Jungen auf Augenhöhe zu sprechen, von denen er die Verteidigung des Landes verlangt. Bei Gärtners Auftritt am Samstag bei „Jugend meets Politik“ in Sulzbach/Murr (Rems-Murr-Kreis) hat Gärtner bekräftigt, dass es ihm vor allem darum gehe, dass bei diesem Thema auch die Meinung der Betroffenen gehört wird.
Der Terminkalender von Quentin Gärtner ist voll. „Überall dort, wo eine junge Person gebraucht wird, fragt man gerne auch die Bundesschülerkonferenz an.“ Die Einladung von Ralf Nentwich, dem Landtagsabgeordneten der Grünen im Wahlkreis Backnang, kam dem „Bundes-Quentin“, wie ihn der Politiker vorstellte, gelegen. So war der gefragte junge Mann, der sein Abitur am Saliergymnasium in Waiblingen gemacht hat und seit Sommer die Interessen von rund 7,5 Millionen Schülerinnen und Schülern auf Bundesebene vertritt, nach Monaten wieder einmal in der Heimat.
Forderung nach mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen
Die mediale Aufmerksamkeit beim Thema Wehrdienst habe er nicht angestrebt, erklärte Quentin Gärtner. „Aber es wäre falsch, sich gar nicht zu äußern und junge Menschen in diesem Kontext nicht zu beteiligen.“ Es sei vollkommen egal, wie man dazu stehe, es sei nicht in Ordnung, ganz viel von jungen Menschen im Land haben zu wollen, ohne sie an der Diskussion zu beteiligen. Gärtner, der sich auch bei Bündnis 90/Grüne engagiert, verriet, dass die Debatte über die Wehrpflicht für die BSK aber zu einer Unzeit kam. „Wir wollen das Thema mentale Gesundheit bei Jugendlichen pushen.“ Monatelang hätten sie sich damit beschäftigt und einen 10-Punkte-Plan aufgesetzt, unter anderem mit der Forderung nach mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen, einer Förderung von Medienkompetenz in allen Unterrichtsfächern und die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen wie Selbstregulation und Stressbewältigung im Unterricht und außerhalb. „Die News die daraus entstanden ist, ist leider nicht so groß gewesen wie zum Wehrdienst.“
Mehr als jeder vierte Jugendliche bezeichne seine eigene Lebensqualität als gering, sagte Quentin Gärtner. „Das heißt, mehr als jeder Vierte führt ein beschissenes Leben.“ Immer mehr fühlten sich einsam, verunsichert und traurig. „Die Krise der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Schulen existiert.“ Ein „Riesenfaktor“ sei die Corona-Zeit gewesen, in der soziale Kontakte weggefallen und viele in die Isolation getrieben worden seien. „Und wir sind nie wieder zum Normalkrisenniveau zurückgekommen.“
Zudem sei der Social Media Konsum der Jungen in der Regel ziemlich ungesund. „Ganz viele junge Menschen wissen auch, dass sie damit ein Problem haben. Aber wir bekommen keine Angebote dafür an der Schule. Mir hat niemand erklärt, wie ich es schaffe, nachts um drei Uhr mit Clash Royale spielen aufzuhören, wenn am nächsten Tag Unterricht ist.“
Niemand bringe einem bei, wie man eine sinnvolle Routine mit dem Handy entwickeln könne. „Und on top haben wir ein grundsätzliches Problem, Gemeinschaften zu bilden“, sagte Quentin Gärtner und verriet grinsend, dass die BSK überlegt habe, eine Pressemitteilung herauszugeben mit dem provokativen Titel „Wir sind massiv untervögelt.“ Dahinter stecke ein realer Kern, denn seine Generation sei weniger sexuell aktiv und das sei ein grundlegendes Problem für Gemeinschaft.
„Wir brauchen Schulgebäude, in die die Leute gerne gehen“
„Es ist ein Konglomerat an Problemen, aber die Lösung liegt auf der Hand, wir brauchen Fachkräfte an den Schulen, Sozialarbeiter, Psychologen, Leute, die aktiv Gemeinschaft gestalten. Und wir brauchen Schulgebäude, in die die Leute gerne gehen, die nicht so aussehen, als könnte ich sie in zwei Wochen zu einer Kaserne umfunktionieren“, so Quentin Gärtner.
Auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius wolle schließlich „keine Pfeifen“ in der Kaserne haben. „Bei einem Treffen habe ich ihm erklärt, dass er im Vorfeld investieren muss, dass die Jugendlichen resilient und belastbar sind.“ Er könne nicht erwarten, dass eine Horde von Freiwilligen zu ihm komme, wenn für junge Leute der Staat nicht funktioniere. „Wir haben Bock, wir sind nicht die Generation Waschlappen und Nörgler. Wir wollen was verändern,, aber wir erwarten, dass wir dafür ausreichend vorbereitet werden.“