Dennis Schröder ist ganz vielen in Deutschland und in den USA ein Begriff. Der Basketballer ist schließlich ein Star in der NBA. Wer aber ist Anna-Maria Wagner, die ebenfalls die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier trägt? Wir haben schon vor der Entscheidung mit ihr gesprochen.
Es ist ja nicht so, dass Anna-Maria Wagner nach besonderen Momenten in ihrer sportlichen Karriere stundenlang suchen müsste. Es gibt sie zuhauf – und doch steht der 28-Jährigen nun ein Ereignis bevor, dass vermutlich alles Bisherige in den Schatten stellen wird. Die Judoka, das gab der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) am Dienstag bekannt, wird am Freitag quasi Kapitänin auf dem deutschen Boot sein.
Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Paris finden ja größtenteils auf der Seine statt. Die deutsche Mannschaft wird auf Boot sieben den Zuschauern präsentiert. Und neben Dennis Schröder, dem Basketballstar aus der NBA, wird Anna-Maria Wagner die deutsche Fahne tragen. „Das“, sagt die Sportlerin aus Ravensburg, „ist die Kirsche auf der Torte.“ Die schon ganz schön groß ist.
Anna-Maria Wagner wurde bereits zweimal Judo-Weltmeisterin in der Klasse bis 78 Kilogramm (2021 und 2024), sie holte in diesem Jahr auch schon Silber bei den Europameisterschaften – und bei ihrer ersten Olympiateilnahme vor drei Jahren in Tokio gewann sie im Einzel und mit dem Team jeweils Bronze. Danach war Anna-Maria Wagner einer der glücklichsten Menschen auf dem Planeten. Sollte man meinen.
„Am Anfang war auch alles schön“, erinnert sie sich im Gespräch mit unserer Redaktion, „es gab viele schöne Events und ich konnte den Erfolg genießen.“ Doch das Hochgefühl wich negativen Emotionen. Die Gedanken kreisten vor allem um die Frage: „Und jetzt?“
Die große Leere nach dem riesigen Erfolg
Die Olympischen Spiele waren immer das große Ziel von Anna-Maria Wagner gewesen, darauf war ihr Leben seit ihrer Jugend ausgerichtet. In Stuttgart besuchte sie ein Sportinternat, mit 16 ging sie des Sports wegen nach Köln, begann ein Studium, das aber nur die zweite Geige auf der Prioritätenliste spielt. Dann, 2021, „ist auf einen Schlag alles wahr geworden, wovon ich geträumt hatte“. Der WM-Titel, die Olympiateilnahme, die Medaillen bei den Spielen.
„Ich hatte alles erreicht“, sagt Anna-Maria Wagner – und hatte tatsächlich Schwierigkeiten, mit dieser Situation klarzukommen. „Ich habe Zeit gebraucht, runterzukommen, mich selbst zu finden“, erklärt sie das Phänomen, das als post-olympische Depression bekannt ist. Sie dachte: „Wenn das der Preis für eine Medaille ist, dann will ich sie gar nicht.“ Auch habe sie „definitiv überlegt aufzuhören“. Doch dann durchschritt sie das psychische Tal vollends, bekam wieder Lust auf ihre Leidenschaft, das Judo – und nahm einen neuen Anlauf. „Ich bin stolz, dass ich da durchgegangen bin und nicht aufgehört habe“, sagt sie.
Das neue große Ziel – trotz der Erfahrungen nach 2021: Gold in Paris.
Viel zu überlegen gab es ohnehin nicht. Da der Qualifikationszeitraum im Judo zwei Jahre dauert, begann schon relativ schnell, nachdem Anna-Maria Wagner wieder auf der Matte gestanden war, das Rennen um die Paris-Tickets. Das in ihrem Fall ein Duell war. Alina Böhm aus Böbingen an der Rems zählt wie Wagner in der Klasse bis 78 Kilogramm zur Weltspitze, beide trainieren mittlerweile in Köln in einer Trainingsgruppe und standen folglich lange Zeit unter großem internen Konkurrenzdruck.
Das vergangene Jahr lief noch nicht besonders für Anna-Maria Wagner. Zum Start ins Olympia-Jahr fühlte sie sich aber wieder fit, gewann den prestigeträchtigen Weltcup im Februar in Paris – und wischte spätestens mit dem WM-Titel alle Zweifel beiseite. Nun strotzt sie wieder vor Selbstvertrauen und sagt frei heraus: „Ich habe mit Olympia noch eine Rechnung offen. Mein Wunsch ist es, in Paris mit Gold von der Matte zu gehen.“
Doch zunächst darf sie die Eröffnungsfeier als eine der Hauptdarstellerinnen genießen, hat danach noch Zeit, ehe sie am 1. August mit ihrem Wettkampf dran ist. Wie es nach Olympia weitergeht? Ist offen. „Ich lasse mich erst einmal treiben“, sagt Anna-Maria Wagner.
Aber ein bisschen anders als am Freitag auf der Seine.