Bei Hannah Müller (rechts) und Polina Minich geht es bereits vor der Schule ordentlich zur Sache. Foto: /Robin Rudel

Jeden Dienstag trainieren die Nachwuchs-Judoka des Landeskaders vor der Schule in der KSV-Arena in Esslingen.

Es ist kalt, als die Judoka um Viertel nach Sieben am Dienstagmorgens die Halle betreten. Jemand hatte in der Nacht davor versehentlich vergessen, die Fenster in der Arena des Kampfsportverein Esslingens zu schließen. Als eine Ausrede will das keiner vor Ort gelten lassen – weder die Trainer noch die jungen Athletinnen und Athleten. Auch die ungewohnte Uhrzeit ist kein Grund dafür, im Training weniger Gas zu geben. Wenngleich Kim Leon Ruf, einer der Trainer, zugibt, dass „es nicht unbedingt meine Zeit ist“ und auch dem ein oder anderen Studenten noch die vorherige kurze Nacht anhand des etwas schief sitzenden Judo-Anzugs anzusehen ist.

Judoka werden für den Zeitraum vom Unterricht befreit

Rufs Trainerkollegin Jenny Schmidt, die in der Vergangenheit Teil des deutschen Judo-Nationalteams war, muss sich erst einmal wieder ihre Socken anziehen, nachdem sie kurz den kalten Boden betreten hatte. Für die Schüler der beiden ist das keine Option, für sie geht es zum Aufwärmen. Ruf und Schmidt leiten jeden Dienstag von 7.30 Uhr bis 9 Uhr – teilweise aber auch in anderen Konstellationen – das Früh-Training des Landeskaders U18 und U21 im Judo. Dort sind die besten Nachwuchsathletinnen und -athleten des Kampfsports aus dem Raum Stuttgart unter einem Dach vereint. Während die Trainingseinheiten an anderen Tagen auch am Olympiastützpunkt in Stuttgart oder dem Sindelfinger Glaspalast stattfinden, geht es für die Schüler jeden Dienstagmorgen nach Mettingen zur KSV-Arena. Die Trainingsstätte ist beliebt, denn sie ist mit den Öffentlichen für viele besser erreichbar als beispielsweise Sindelfingen. Doch auch nicht für jeden. Viertel vor Acht trudeln die letzten beiden Schülerinnen ein, die mit dem ÖPNV aus Bietigheim-Bissingen angereist kommen und daher gelegentlich Probleme mit der Pünktlichkeit haben. Doch den Weg nehmen sie gerne auf sich, weil alle jungen Sportler im Nachwuchskader leistungsorientiert sind und Ambitionen haben. Dass sie überhaupt unter der Woche am Morgen trainieren können, liegt daran, dass die Judoka von ihren Schulen für diesen Zeitraum vom Unterricht befreit werden. Ein großer Teil der Schüler besucht das Wirtemberg-Gymnasium in Untertürkheim, eine Elite-Sportschule, die nicht nur Judoka, sondern auch Volleyballern und Leichtathleten dienstags und donnerstags frühe Trainingseinheiten gewährt. Andere sind mittlerweile Studenten, nehmen das besondere Training aber dennoch weiterhin wahr.

Intensives Training

Spätestens nach dem Aufwärmen sind alle bereit – zumal mit der Zeit auch warme Sonnenstrahlen durch die großen Fenster der KSV-Arena geschossen sind und die Matte etwas erwärmt haben. Dann geht es richtig zur Sache: In Kleingruppen üben die Athleten ihre Würfe und Griffe. Sie bereiten sich auf den anstehenden Wettkampf am Wochenende vor. Nach jeder Aktion sind die Judoka im Austausch, geben sich gegenseitig Feedback und zeigen dem Gegenüber, was verbessert werden kann.

Auch Ruf und Schmidt sind ganz nah dran, um ihre (Kampf)-Erfahrung mit den jungen Sportlerinnen und Sportlern teilen zu können. „Gerade beim Früh-Training liegt der Fokus auf der individuellen Arbeit und der Technik“, erklärt Ruf. Dass dann im Gegensatz zum meist „picke packe vollen Abendtraining“ auch mal nur sieben Athleten vor Ort sind, ist kein Problem für ihn: „Wenn es so früh ist, versuchen wir schon, die Einheit über eine lockere Atmosphäre zu gestalte – gerade, wenn Wettkampfwoche ist. Aber alles steht und fällt damit, wie sehr man das gesetzte Ziel erreichen möchte. Die, die wollen, sind auch wirklich dienstagmorgens um 7.30 Uhr da.“ Der frühe Vogel will es offenbar wissen.

Eine „andere Perspektive“ erleben

„Das Schöne ist, viele Dinge, die ich in der Vergangenheit als Athlet erlebt habe, nun aus einer anderen Perspektive neu zu erleben. Nun kann ich die Kids dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen“, sagt Ruf. Auch er war ein hochtalentierter Judoka, mit Mitte 20 hat er seine aktive Karriere aufgrund zu vieler Verletzungen allerdings aufgegeben. Obendrauf kam zu dieser Zeit das Jobangebot bei der ARGE Judo Baden-Württemberg. Mehrmals in der Woche ist er als Trainer im Einsatz, nebenher macht der 26-Jährige noch ein Fernstudium in Trainingswissenschaften und Ernährung. „Theoretisch mache ich zu einhundert Prozent den Master und dann die Zwei-Drittel-Anstellung beim Verband“, erklärt Ruf und fügt lachend hinzu: „Praktisch sieht es aber etwas anders aus.“ Nahezu jedes Wochenende befinden er und andere Trainer sich momentan an verschiedensten Standorten in Deutschland und Europa, um die jungen Judoka bei Wettkämpfen zu betreuen.

Das Training am Dienstag beendet er mit einer intensiven Einheit. Im Anschluss daran geht es für die Schüler umgehend weiter. Ein Zusammensitzen nach dem Training ist kaum möglich, da bereits die nächste Deutsch-, Mathe- oder Englischstunde ansteht. Vielleicht waren zumindest in der Schule die Fenster über Nacht geschlossen.